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  • 18.08.2014
  • von Kirsten Graulich

Ein Mottenausflug in die Heilstätten

von Kirsten Graulich

Verfall. Letzte Chance für die Heilstätten könnte ein Künstlerprojekt sein. Foto: kg

Postkarten aus der ehemaligen Lungenheilanstalt: Was Patienten damals erlebten – eine Zeitreise

Beelitz - Es war ein Wellness-Tempel mitten im Grünen: Große Liegehallen, lichtdurchflutete Kurbadehäuser und reichlich Essen. In den Beelitzer Heilstätten wurden die lungenkranken Patienten bestens behandelt. „Den ganzen Tag baronisieren wir, unsere Kur besteht nur im Liegen, Essen und Spazierengehen“, so steht es auf einer Postkarte, die eine ehemalige Patientin verfasste.

Die Beelitzer Gästeführerin Irene Krause hat rund 300 dieser historischen Ansichtskarten von Flohmärkten und aus dem Internet zusammengetragen. Regelmäßig führt sie fernab von Ruinen- oder Horrortourismus ganz legal über das weitläufige Klinikgelände. Von der Geschichte des größten Flächendenkmals in Brandenburg ist sie begeistert. Sie selbst kommt aus Franken und hat vor über zehn Jahren das Areal entdeckt und seitdem lässt sie dessen Geschichte nicht mehr los.

Zwei Stunden dauert der Rundgang mit Irene Krause. „Mottenausflug“ nennt sie ihn, weil mit der Redensart „Du kriegst die Motten“ ursprünglich die Tuberkulose gemeint war. Die Krankheit, so meinte man, fresse sich in die Lunge wie die Motten in Wolle. Die Redewendung hat ihren Ursprung in den Berliner Mietskasernen, in denen Ende des 19. Jahrhunderts viele Bewohner an der Schwindsucht litten und starben. Um die verheerende Volkskrankheit einzudämmen, begann die Landesversicherungsanstalt Berlin im Jahre 1898, auf einem großen Waldgrundstück bei Beelitz Krankenhäuser zu errichten.

Aus den Ansichtskarten der ehemaligen Patienten liest Krause ihren Besuchern vor. Die klingen meist verheißungsvoll: „Ich habe schon zwei Pfund zugenommen“. Zunehmen war damals noch angesagt, viele Patienten schwärmten geradezu vom Essen. Als Luxus galt bei den Männern die Kegelbahn. Beliebt waren auch die Moor- und Dampfbäder. Dass es vor allem streng zuging, zeigt die Nachricht eines Mannes, der kritisch anmerkt: „Auf einen Patienten kommen zwei Aufseher, doller wie in Moabit“.

Wichtig für die Genesung war vor allem die frische Luft. Die ist heute noch da und auch die grüne Umgebung, die allerdings kaum im Zaume zu halten ist. Über Mauervorsprünge und durch Fenster wuchert heute Efeu. Birken behaupten sich auch in den Obergeschossen mancher Gebäude, deren Dächer durchlässig geworden sind, weil Metalldiebe alles Verwertbare abmontierten. Fast scheint es, als erbarme sich nur noch die Natur der vernachlässigten Immobilien und decke sie sanft zu. Die einstige Pracht lässt oft nur das farbige Holzfachwerk ahnen, bröckelnder Putz an Säulen, Ornamentreste und farbige Kacheln. Was verloren geht, wird erst angesichts der Gebäude deutlich, die bislang durch Privathand gerettet werden konnten, zumeist kleinere Objekte. Das Badehaus und die Chirurgie harren noch ihrer Erweckung durch Investoren.

Dabei waren die Heilstätten einst so perfekt ausgestattet und angelegt worden. Ins Schwärmen kommt die Gästeführerin, wenn sie über das unterirdische Kanalnetz berichtet: das erste kombinierte Fernheiz- und Elektrizitätswerk weltweit. Jedes der Häuser konnte so mit Strom, Wasser und Wärme versorgt werden, sogar die Gehwege waren im Winter schnee- und eisfrei. Zum Komplex gehörten auch eine eigene Landwirtschaft mit Ställen fürs Vieh, eine Gärtnerei, verschiedene Werkstätten, Fleischerei, Bäckerei, Wäscherei und eine Post.

„Die Sowjets hatten die Heilstätten erhalten, doch seit der Wende verfällt ein großer Teil des Areals denkmalgerecht“, sagt Irene Krause bitter. Nach 1945 hatten die Besatzer das Areal bis zu ihrem Abzug 1994 als Militärlazarett genutzt. Immer wieder hätten ihr die Beelitzer bestätigt, dass die Sowjets ein guter Arbeitgeber gewesen seien. Oft wurden Überstunden in Naturalien bezahlt, wie Steinkohle, die man gerne annahm. Die Kohle kam direkt aus Russland bis zum Heizwerk. Der letzte Rotarmist, ein Soldat aus Stein, steht noch auf dem Gelände.

Heute sind Investoren rar. Nachdem mehrere Projekte für das Areal Pleite machten, setzt Krause ihre ganze Hoffnung auf ein Projekt für junge Künstler mit Ateliers und Wohnungen. „Das scheint die letzte Chance.“ Bis wieder neues Leben einzieht, wildern auf dem Gelände die Ruinentouristen. Oft muss sich Krause von ihnen anhören, dass mehr Spuk als in den Heilstätten in Deutschland nicht mehr zu finden sei. Kirsten Graulich

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