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  • 26.07.2014
  • von Eva Schmid

Zuflucht in Teltow

von Eva Schmid

Waschen statt saugen. Auf dem grauen Betonhof im Teltower Flüchtlingswohnheim an der Potsdamer Straße reinigen regelmäßig Frauen aus dem Tschad oder Afghanistan ihre Teppiche. Selbst wenn sich die Flüchtlinge kaum verstehen, herrscht große Hilfsbereitschaft. Foto: Eva Schmid

120 weitere Asylbewerber kommen in die Stadt. Nicht jeder glaubt, dass das funktionieren wird

Teltow - Es ist Waschtag in Teltow. Mit Schrubber in den Händen und Wasser aus dem Gartenschlauch bearbeiten zwei junge Frauen auf dem Hof des Flüchtlingsheims einen ausgerollten Stoffballen auf dem blanken Betonboden. Einmal in der Woche sind die Perserteppiche dran, erklären sie. Was anderenorts zum Alltag gehört, zieht in Teltow auch über ein Jahr nach Eröffnung des Flüchtlingsheims noch immer neugierige Blicke an. Passanten bleiben stehen und beobachten das Treiben der beiden bunt gekleideten Frauen aus Afghanistan und dem Tschad.

Hier, in der Potsdamer Straße, treffen auf engstem Raum Kulturen aufeinander: Flüchtlinge aus Ländern wie Afghanistan, Eritrea und Syrien auf der einen Straßenseite und Menschen, die ihre vollen Einkaufswagen auf der anderen Straßenseite vom Eingang eines Supermarktes zu ihren Familienautos schieben.

Im Februar 2013 waren die ersten Flüchtlinge in die Plattenbauten des alten Geräte- und Reglerwerkes in der Potsdamer Straße eingezogen. Die Stadt, Vereine und Ehrenamtler haben sich bemüht, sie mithilfe einer Willkommens-AG zu integrieren. Mit Erfolg. Die Flüchtlinge haben beim Frühjahrsputz mitangepackt und auf einem Sommerfest die Speisen aus ihren Ländern für die Teltower aufgetischt. Ab September sollen weitere 120 Menschen in einen der zwei renovierten Wohnblöcke ziehen – die Stadt kommt damit an ihr Limit.

Im Landratsamt wird die Zuweisung des Landes kritisch gesehen: „Für Teltow ist es eine Belastung“, so Landratsamtssprecherin Andrea Metzler. Der Landkreis fordert mehr Hilfe vom Land für die Integration der Flüchtlinge. Metzler betont, dass es weitergehen muss, man jetzt mit der Situation lernen muss, umzugehen. Auch aus dem Teltower Rathaus ist die Reaktion bisher verhalten. Man stimme sich jetzt mit dem Landkreis ab und wisse noch nicht, was mit dem Zuzug auf die Stadt zukomme. „Dennoch hat die Stadt bisher alle Asylbewerber freundlich empfangen und wird das auch weiterhin so machen“, sagt Teltows erste Beigeordnete Beate Rietz.

Im Teltower Flüchtlingsheim steigt die Zahl der in Not geratenen Menschen von jetzt 232 auf 352. Neu einziehen werden im September ausschließlich alleinstehende Männer aus Syrien und afrikanischen Ländern. Zum Vergleich: Bisher leben im gesamten Kreis 316 Flüchtlinge, sie haben nicht nur in Teltow eine neue Bleibe gefunden, auch in Beelitz und Bad Belzig hat der Landkreis ihnen Wohnungen zur Verfügung gestellt.

So manche Bewohner der Region Teltow sehen den Zuzug der Flüchtlinge kritisch: „Wieso werden wir Bürger nicht gefragt, wenn es darum geht, dass neue Flüchtlinge kommen?“, fragt eine Krankenpflegerin aus Stahnsdorf, die im nahen Gesundheitszentrum arbeitet. Ihre Kollegin aus Kleinmachnow beklagt sich, dass die Flüchtlinge nicht arbeiten würden.

Unwissenheit, Vorbehalte und Sprachbarrieren erschweren das Zusammenleben. Dass die Flüchtlinge oft gar keine Arbeitserlaubnis bekommen, ist bei einigen unbekannt. Auch Angestellte aus dem nahen Kaufland-Supermarkt sind zurückhaltend. Langsam werde es ihnen mit den Flüchtlingen zu viel, so eine Mitarbeiterin. Die Männer würden meist am Rande des Parkplatzes sitzen und trinken. „Da bekommt man ein schlechtes Bild, das bleibt.“

Mit Vorurteilen gegenüber Flüchtlingen kennt sich der Sprecher des „Netzwerk Tolerantes Teltow“, Conrad Wilitzki, aus. Auch er hat schon mit Teltowern gesprochen, die den Flüchtlingen vorwarfen, Arbeitsplätze wegzunehmen oder die Sozialkassen zu plündern. „Doch die Mehrheit der Teltower hat die Flüchtlinge akzeptiert“, sagt Wilitzki. Sie würden verstehen, dass die in Not geratenen Menschen Hilfe bräuchten. Das Engagement der vielen freiwilligen Helfer, die mit Flüchtlingen zu Behörden oder Ärzten gehen oder Flüchtlingskinder bei den Schulaufgaben unterstützen, zeige, dass das Zusammenleben der verschiedenen Kulturen gut funktioniere. „In anderen brandenburgischen Kommunen haben Bewohner und Flüchtlinge keinen Kontakt zueinander“, so Wilitzki.

Dass das Zusammenleben fast reibungslos funktioniere, wird auch im Gesundheitszentrum und der Kita „Teltow Kids“, bestätigt. „Die Flüchtlinge müssen schnell lernen, zurechtzukommen“, sagt René Panier. Bisher würde das gut klappen, sagt der Mann, der am Empfang des Ärztehauses sitzt. Außer ein paar Verständigungsproblemen habe es bisher keine Schwierigkeiten gegeben. „Hier gibt es viel Personal, das mehrere Sprachen spricht.“

Auch in der nahen Kita ist die Sprachbarriere kein Hindernis: „Unsere Eltern kommen mit den Flüchtlingseltern gut zurecht, wenn auch mit Händen und Füßen“, so Kitaleiterin Friederike Kötz. Sie zeigt auf die Kinderschar im Hof: „Sie kennen gar keine Kulturunterschiede, da wird sofort miteinander gespielt.“ Ganz einfach sei das, man muss eben nur einen kleinen Schritt aufeinander zugehen.

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