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  • 01.04.2014
  • von Gerold Paul

KulTOUR: Liebst du mich schon?

von Gerold Paul

Lyriker Thomas Kunst im Peter-Huchel-Haus

Michendorf - Manchmal ist man sich seiner Liebe nicht sicher. Dann hilft es, mit seiner Angebeteten so lange am Strand spazierenzugehen, bis sich das ändert. Nach hundert Metern die erste Frage: Liebst du mich schon? Nichts. Weiter geht es, bis man im Osten Kamtschatkas ankommt – liebst du mich jetzt? So weit muss man manchmal gehen.

Genauso originell und unverkrampft erzählt der Ausnahme-Lyriker Thomas Kunst von einer Ameise, die als Arbeiterin in einem Eisstadion zu malochen hat. Nach ihr hat der hochgelobte Poet Thomas Kunst, ein Stralsunder des Jahrgangs 1965, sein jüngstes Buch benannt: „Die Arbeiterin auf dem Eis“. Jüngst las er im Wilhelmshorster Peter-Huchel-Haus daraus, seinem bisher 14. Buch seit 1991. Auch andere Titel machen sofort auf die ungewöhnliche Art des formstrengen Lyrikers neugierig, etwa „Der Schaum und die Zeichnung vom Pferd“, „Strandkörbe ohne Venedig“ oder „Besorg noch für das Segel die Chaussee“, sein Erstling. Das Huchel-Haus war gut besucht, fast ausverkauft.

Kunst ist der einzige Autor, der bereits drei Einladungen vom Hausherrn Lutz Seiler bekam. Beide kennen sich seit Langem, und beide sind mit dem Germanisten und Literaturkritiker Peter Geist befreundet. Er moderierte diesen Abend lebendiger als mancher vor ihm. Kunst und Geist, das geht ja eigentlich immer.

Der Autor ist zwar seit 2007 Mitglied des P.E.N., einer Vereinigung renommierter Literaten, aber mitnichten ein Etablierter. Im Gegenteil, er wettert seit Langem über das Unrecht im gängigen Literaturbetrieb, wo das Akademisch-Gefällige stets Vorfahrt hat, Preise einfährt, wer nur die Bedingungen erfüllt, indes die natürliche Sprache erstirbt. Die Angepassten. „Gute Leute wie Thomas Brasch, Rolf Dieter Brinkmann oder Wolfgang Hilbig hätten heute überhaupt keine Chance“, sagt Kunst. So ist wohl des einen Kunst des anderen Plage.

Thomas Kunst jedenfalls ist ein echter Künstler, ein Poet, und liebt die Form wie das logikferne Chaos. Sein Markenzeichen: dass er beides unter einen Hut bekommt. In einem Gedicht, im lakonischen Ton. Lange Zeit war das Sonett seine Stammform, jetzt will er sich davon verabschieden. Will Romane schreiben, obwohl er das gar nicht kann: „Ich weiß nur, dass ich Texte schreibe.“ Tja, manchmal muss nur Roman drüberstehen, dann ist es auch einer.

Seine Lyrik jedenfalls ist oft grandios. Sie verknüpft die Form mit einer unbändigen Fantasie, bringt das Unmöglichste zusammen, das Geburtstagsgeschenk und den Grönländischen Eisberg, Zitronenfalter und weinende Jäger, Hemingways Enkelin Birthe und falsche Lyrikpreisträger. Logisch passt das alles gar nicht zusammen, sonst aber schon. Das ist die Kunst, die Regeln des Alltags zu überlisten und wieder denken und fühlen zu lernen. Das Leben anders zu sehen, sozusagen Venedig ohne Strandkörbe. Frei zu sein. Doch alles hat einen Preis. Mehrmals hörte man, wie er gegen die Bitterkeit in sich ankämpft, auch in Sachen Frauen. Sagt der Verlassen-Enttäuschte nicht in einer Verszeile „melde dich erst wieder, wenn du stirbst“?

Lyrik ist Ohrensache, das wusste Ernst Kleinpaul schon, in seiner „Poetik“ von 1868. Thomas Kunst als Poet ist Ohrenmensch, ein musikalischer dazu, er spielt Instrumente, er komponiert, also sind seine Texte voller Musik. Nur die „Briefe“ im Buch verlieren sich bald in sich selbst. Manchmal kommt die Liebe wohl erst beim Gehen. Gerold Paul

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