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  • 07.08.2013
  • von Gerold Paul

KulTOUR: Sind alle schlecht, so will er gut sein

von Gerold Paul

Die neue Brecht-Adaption: In der Spielweise heiter, im Ausdruck stark. Foto: Thomas

Wandertheater „Ton und Kirschen“ inszenierte Brecht-Adaption von „Hans im Glück“

Werder (Havel) - Je weniger man besitzt, um so mehr ist man, schrieb Erich Fromm in „Haben oder Sein“. Nichts Neues, die besten der alten Griechen wussten genauso davon wie der anonyme Märchenerzähler. Hier ist es die seltsame Geschichte vom Handwerker Hans, der zum Lohn für treue Dienste einen kopfgroßen Klumpen Gold bekommt und ihn gegen immer geringere Dinge tauscht, bis er mit leeren Händen nach Hause kommt.

Bertolt Brecht adaptierte diese Geschichte um 1920 auf seine eigene Weise, das Glindower Wandertheater „Ton & Kirschen“ schuf daraus ein neunzigminütiges Bühnenspektakel, das am Freitag in Templin zur Premiere kam. Die Folgeaufführung am Sonntag open-air an der Regatta-Strecke in Werder zog Besucher gleich scharenweise an. Margarete Biereye und David Johnston hatten ja, ganz im Sinne von Brecht, ein für Aug und Ohr und sonstige Sinne gleichermaßen attraktives Kunstwerk erschaffen, klar, erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral!

So findet man Hans und Hanna nach einem Klezmer-Ständchen anfangs im kleinen Familienidyll, bis ein Fremder der Frau schöne Augen macht. Sie zieht mit ihm fort, der Schmied Hans indes verkauft das Anwesen und geht in die Welt. Immer gewinnt er etwas, und immer lässt er sich’s wieder abschwatzen, ein Pferd, ein Karussell zum Beispiel. Am Schluss hat er nur noch sein Leben zum Tausch...

„Ton und Kirschen“ inszenierte das Brechtsche Fragment als lakonisch-alertes Melodram mit viel Musik und mancherlei Sensationen, die bis zum szenisch gestalteten Bühnenumbau reichen, aber solche Extras sind ja längst ein Markenzeichen der internationalen Truppe. Wer nicht direkt am Stationenspiel beteiligt war, trug als Bühnenarbeiter historische Armee-Uniform. Die Darsteller selbst übernahmen verschiedene Rollen, als Schnurrhähne, Nepper oder Hansen-Täuscher, Ganoven allesamt.

Robert Wyn Jones spielte den einfältigen Hans mit ziemlicher Bravour als feste Größe, als einen, der kinderleicht übers Ohr zu hauen ist. Sind alle anderen schlecht, so will er doch ein guter Mensch sein, typisches Brecht-Motiv. So lässt er seine Gattin Hanne (Tanja Watoro) ziehen, damit’s ihr nur gut gehe. Kommt sie geschwängert zurück, will er sie wieder aufnehmen. Ihren Wassertod à la Büchner nimmt der vermeintliche Glückspilz freilich seltsam gelassen hin, sollte sich da von Station zu Station nicht etwas addieren?

David Johnston gibt unter anderem einen gerissenen Pferdedieb, Margarete Biereye ein mannstolles Karussellweib, welches den Hans zu manchem Usus begehrt: Was geschieht, als sie ihn endlich in ihren Wohnwagen hat, zeigt ein witziges Spiel mit Marionetten und Tschingdarassa. Beim Happy End, freilich, wird janz schamhaft abjeblendt.

Viel Sorgfalt (vielleicht mehr als beim Erarbeiten mancher Figuren) wurde auch diesmal auf szenische Erfindungen gelegt. Hansens mechanische Schnatterente ist genauso sehenswert wie das stilisierte Karussell. Solcherlei honorierte das Publikum mit Aah!-Effekten und Szenenapplaus. Unübersichtlich wird es, als der Pferdedieb sich stellen und der uneigennützige Hans endlich sterben will. Doch bleibt das epelnde Finale poetisch: Eine Gans zieht durch die Blechsonne zu den Himmeln hinauf...

Eine große Parabel über Geben und Nehmen, Sein oder Haben – im Geiste rechtisch, in der Spielweise heiter, im Ausdruck stark, in der Aussage gelegentlich weise – was will man mehr beim Open-Air der Marke „Ton & Kirschen!“

Gerold Paul

Nächste Vorstellung am 10. August um 20 Uhr in Langerwisch, Vorwerk, Neu Langerwisch 6b.

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