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  • 29.10.2012
  • von Kirsten Graulich

Lärm gegen Fluglärm

von Kirsten Graulich

Agitation auf dem Dorf. Aus einem Kleintransporter erschallten Durchsagen und Fluglärmsimulationen. Foto: kig

Hörbare Unterstützung für Volksbegehren lockte Unterschriftswillige ins Stahnsdorfer Rathaus

Stahnsdorf – Karl Schwarz redet ruhig, fast sanft, wenn er Kunden vor dem Supermarkt in der Stahnsdorfer Annastraße zum Thema Nachtflugverbot anspricht. Nicht von 23.30 bis 5.30 Uhr, wie es derzeit für den neuen Willy-Brandt-Flughafen BER in Schönefeld vorgesehen ist, sondern von 22 bis 6 Uhr. Der Gymnasiallehrer, der sich für die „ProblemBER-Kampagne“ engagiert, ist so überzeugend, dass ein junger Mann unbedingt noch seine Mutter holen will, die auf Besuch in Stahnsdorf ist. Jede Stimme zählt in der Endphase des „Volksbegehrens gegen Nachtflug“, 80 000 Unterschriften müssen landesweit bis 3. Dezember zusammenkommen, um einen Volksentscheid durchzusetzen. Doch die Mutter ist Berlinerin, und weil nur Unterschriften aus Brandenburg zählen, wie Schwarz erklärt, eilt der junge Mann allein zum benachbarten Rathaus.

Dort war der Eintragungsraum auch am Samstag für Unterschriftswillige geöffnet. Längere Öffnungszeiten und die flankierende Unterstützung der Fluglärmgegner hatten am Freitag 75 Unterschriften eingebracht, am Samstag waren es schon am Nachmittag fast 100. Vor allem junge Leute, Schüler und Azubis nutzten die Chance. Der Rathausangestellte, der sich vor jeder Eintragung den Ausweis zeigen ließ, berichtete: „Die Leute geben sich regelrecht die Klinke in die Hand.“

Über das Ergebnis vom Wochenende freute sich auch die ProblemBER-Kampagne, die seit Freitag mit einer sogenannten „Lärmwehr“ durch die Siedlungen der Ortsteile Sputendorf, Güterfelde, Schenkenhorst und Kienwerder fuhr, um lautstark für das Volksbegehren zu werben: Aus einem Kleintransporter erschallten Durchsagen und Fluglärmsimulationen. Anfangs glaubten die Protestler noch, als einige Bürger mit dem Rad hinter dem Fahrzeug herfuhren, die wären wütend über die Beschallung. „Aber die wollten wissen, wo sie jetzt sofort unterschreiben können“, erzählt Bodo Boddin.

Der Handwerker ist vor zehn Jahren mit seiner Familie ins neue Eigenheim nach Stahnsdorf gezogen. Als sie 2010 von den veränderten Flugrouten hörten, habe seine Frau so geweint, erzählt Boddin, dass er sich damals entschlossen habe, etwas zu tun. Seither engagiert er sich in der Protestbewegung der Fluglärmgegner und seither mehren sich seine Zweifel an der Fürsorge der Landesregierung.

Boddin stellt sich die Frage: „Was bewegt eigentlich Politiker, die vom Wohl des Landes sprechen, aber die Bürger um ihre Lebensqualität bringen?“ Erkenntnisse, dass Lärm ein Krankmacher sei, hätten Politiker längst, weiß Boddin. Ihn empört, dass Gesundheitsschäden bei einem solchen Projekt in Kauf genommen werden: „Das ist schon alles kalkuliert.“

Das Thema beschäftigt auch die Runde der zehn Mitstreiter, die sich zum Mittagessen bei Familie Damerau treffen. Auch Dameraus haben im Vertrauen auf die ursprüngliche Planung, nach der Stahnsdorf nicht überflogen werden sollte, ein Haus gebaut. „Jetzt sitzen wir in einem Kreditgefängnis und können nicht mehr weg“, klagen sie. Aber aufgeben will keiner, auch wenn bis zur Halbzeit der Initiative für ein umfassenderes Nachtflugverbot landesweit nur 27 000 Unterschriften zusammenkamen. Davon entfielen auf Stahnsdorf knapp 2600. „Das ist ein Viertel der Einwohner“, rechnet Karl Schwarz vor. Mindestens noch fünf Prozent seien drin, meint er. „Von zehn Leuten, die ich heute angesprochen habe, sagte die Hälfte, sie hätten schon unterschrieben.“

Schwarz bleibt dran an diesem Nachmittag. Ein Paar, das gerade zwei Säcke mit Kaminholz in den Kofferraum schiebt, ruft ihm fröhlich zu: „Wir gehen jetzt rüber unterschreiben.“ Schwarz nickt freundlich, er ist optimistisch, zumindest für Stahnsdorf. In Potsdam, wo die Initiative eine weitere Kampagne starten will, gebe es erhebliche Reserven, meint Bodo Boddin. Auch dort will die Lärmwehr demnächst für Krach sorgen – um deutlich zu machen, dass Potsdam vom Fluglärm nicht verschont bleibt.

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