In der DDR geschätzt: Arthur Scheunert
Podiumsdiskussion soll den Fall Scheunert aufarbeiten. Historiker Thimme will man nicht dabei haben
Nuthetal - Eine sachliche Aufarbeitung hatten die Nuthetaler gefordert. Doch zu neuen Erkenntnissen zu den Vitaminversuchen des Ernährungsforschers Arthur Scheunert hält man sich dort bislang bedeckt. Mitte November sollen Scheunerts Versuche an Häftlingen während der NS-Zeit Thema einer vom Rehbrücker Ortsverein initiierten Diskussion in der Rehbrücker Grundschule sein.
Dabei soll es nach Aussage der Veranstalter um die Frage gehen, wie sich Menschen in Diktaturen verhalten. Unter diesem Aspekt sollen die Versuche Scheunerts eingeordnet werden. Auf dem Podium wird neben dem wissenschaftlichen Leiter des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung (Dife), Hans-Georg Joost auch der Vorsitzende der brandenburgischen Tierversuchskommission, Axel Mueller (Grüne), sowie Ulrike Thoms von der Charité und Christoph Kopke von der Uni Potsdam sitzen.
Einer aber fehlt: Der Historiker Roland Thimme selbst. Wie berichtet hatte der in Rehbrücke geborene Thimme zu Jahresbeginn in einem Aufsatz schwere Vorwürfe gegen Scheunert erhoben. Demnach habe der in der DDR hochdekorierte Forscher während der NS–Zeit Ernährungsexperimente an Häftlingen des Zuchthauses Waldheim vorgenommen. In dem Gefängnis saßen damals auch politische Gefangene.
Scheunert soll unter anderem Häftlinge 188 Tage lang völlig ohne Vitamin A ernährt haben, was bei den Probanden zu gravierenden gesundheitlichen Problemen bis hin zum Tod geführt haben soll. Die Gemeindevertreter hatten infolge der Vorwürfe eine gründliche Prüfung und historische Einordnung der Arbeit Arthur Scheunerts gefordert.
Erika Haenel, Vorsitzende des Ortsvereins Bergholz-Rehbrücke, hat inzwischen im Bundesarchiv recherchiert und dort die Zulassung zu dem Vitamin-A-Versuch gefunden. Ohne Einwilligung der Probanden hätte es die Zulassung nicht gegeben, sagt Haenel. „Demzufolge hätte die Teilnahme freiwillig sein müssen.“ Belege dafür, dass durch die Versuche Menschen umgekommen seien, habe sie nicht gefunden. „Die Ernährungssituation war schon zu Beginn des 2. Weltkriegs so schlecht, dass es in den Zuchthäusern schnell zu Mangelerscheinungen kam“, so Haenel. Auch die könnten eine Todesursache gewesen sein. Im Kontext der Zeit will auch Axel Mueller die Vorkommnisse betrachtet wissen. „Ohne etwas bagatellisieren zu wollen: Ein Menschenleben galt während des Krieges relativ wenig.“ Einige Häftlinge hätten sich durch die Teilnahme an den Versuchen möglicherweise Haftminderungen versprochen.
Dass der Ortsverein Thimme nicht zu der Podiumsdiskussion eingeladen hat, liegt für Haenel auf der Hand: „Er hat unsere Gemeinde schlechtgemacht, die Debatte soll auf einer sachlichen Basis geführt werden.“
Thimme sieht das anders: „Es wäre eine Geste des Anstands gewesen, mich ebenfalls einzuladen“, sagte er gegenüber den PNN. Die Empörung, die seine Nachforschungen in Nuthetal ausgelöst hat, kann er nicht verstehen. Er bleibt dabei: Arthur Scheunert habe damals darum gebeten, von allen Auflagen befreit zu werden. Die Gefangenen seien in ihrer Entscheidung nicht frei, die Forschung somit illegal gewesen.
Auch beim Dife wurden im vergangenen halben Jahr Nachforschungen zu den Versuchen Scheunerts angestellt. Joost habe „mehr herausgefunden als Thimme“, heißt es dort. Ob die neuen Erkenntnisse Thimmes Theorie stützen oder widerlegen, dazu wollte man beim Dife am Mittwoch noch keine Aussage machen. Ursprünglich sollte bei der Aufarbeitung auch die Nationale Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina in Halle (Saale), einbezogen werden. Dort, so heißt es, liegen aber keine Materialien zu Scheunert im Archiv. Ariane Lemme
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