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  • 15.09.2012
  • von Henry Klix

Die Fracht braucht keine Nacht

von Henry Klix

Es geht auch ohne. Das war am Donnerstagabend die Botschaft aus Teltow. Foto: dapd

Flugverkehrsexperte entkräftet bei Bürgerforum in Teltow wichtiges Argument für Nachtflüge am BER

Teltow - Die Wirtschaft braucht keinen neuen Großflughafen Schönefeld mit Nachtbetrieb. Das war die wichtigste Botschaft eines Bürgerforums am Donnerstagabend im Stubenrauchsaal. Etwa 130 Gäste waren der Einladung des Teltower Rathauses mit der Initiative „Teltow gegen Fluglärm“ gefolgt, hochkarätige Fachleute im Podium konnten zum laufenden Volksbegehren befragt werden. Einer von ihnen: der Kasseler Flugverkehrsexperte Richard Vahrenkamp.

Vahrenkamp entkräftete das Argument von Wirtschaftspolitikern und Industrieverbänden, dass der Nachtflug am neuen BER von der Wirtschaft benötigt werde. Die gängige Parole „Fracht braucht Nacht“ sei von „Lufthansa Cargo“ im Streit um den Flughafen Frankfurt /Main erfunden und von Wirtschaftspolitikern und Verkehrsexperten übernommen worden, sagte Vahrenkamp. „Empirisch belegen lässt sich das nicht.“

Zuletzt hatten Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und die Berliner Industrie- und Handelskammer mit Blick auf die Wirtschaft gefordert, das Nachtflugverbot von 0 bis 5 Uhr nicht aufzuweiten. Volksbegehren in Berlin und Brandenburg setzen sich für Ruhezeiten von 22 bis 6 Uhr ein. Logistikprofessor Vahrenkamp hat gerade eine Studie für den BER abgeschlossen, die die Fluglärmgegner bestärken dürfte: Bei einer Befragung der 20 führenden Industrieunternehmen in Berlin und Brandenburg habe kein einziges einen Nachtflugbedarf artikuliert. „Es gibt ohnehin ein sehr geringes Interesse an Luftfracht in Schönefeld“, so Vahrenkamp.

Er glaube auch nicht an die Perspektive eines internationalen Drehkreuzes. „Dass Berlin mal gegen Frankfurt und München antritt, ist Wunschdenken. Es gibt hier keine große Wirtschaftskraft und keine reiche Bevölkerung.“ Ein Flughafen wie München ziehe Passagiere selbst aus Österreich, der Schweiz und Norditalien. Sieben Dax-Konzerne seien im Münchner Raum ansässig. „In Berlin haben wir gar keinen und nur die Regierung fliegt international“, so Vahrenkamp. Er sprach von einem „behaupteten Bedarf“ für Nachtflüge. „Dahinter steckt das Interesse von Charterfluggesellschaften, kurz vor zwölf landen und um fünf abfliegen zu können.“

Mit der Veranstaltung am Donnerstagabend sollten Bürger mobilisiert werden, am Volksbegehren für ein Nachtflugverbot teilzunehmen. „Es kann sich später rächen, nicht zu unterschreiben“, sagte Teltows Bürgermeister Thomas Schmidt (SPD). Inzwischen seien in Teltow 3417 Unterschriften zusammengekommen. Insgesamt werden aus Brandenburg 80 000 benötigt – falls das nicht klappen sollte, werde es ein neues Volksbegehren geben, wenn der Flughafen in Betrieb geht, sagte Verwaltungsjurist Matthias Schubert von der Kleinmachnower Initiative „Weg mit den Flugrouten“. „Dann schaffen wir es mit Sicherheit.“

Ein zweites Kampffeld sind die Klagen: In Kleinmachnow soll am Montag entschieden werden, ob man nach dem verlorenen Rechtsstreit zum Flugroutenpoker beim Bundesverwaltungsgericht Beschwerde einlegt. „Wir erhoffen uns vom Bundesverfassungsgericht einen Hinweis, ob bei einem so defizitären Planverfahren nicht bestimmte Einschränkungen zugunsten der Nachbarschaft zu machen sind“, so Schubert. Er denke an ein Nachtflugverbot und den Verbot eines internationalen Drehkreuzes.

Dafür plädierten auch zwei Mediziner aus der Initiative „Ärzte gegen Fluglärm“. „Es gibt unzählige Studien, die belegen, dass Fluglärm krank macht“, sagte der Anästhesist Christoph Brodel aus Lichtenrade. Herz-Kreislauf- und psychische Erkrankungen, Krebs und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern seien zu befürchten. Brodels Kollege Ronald Thoms aus Kleinmachnow warnte besonders vor den Folgen von nächtlichem Lärm. „Das Ohr schläft nicht“, sagte Thoms. Der Wert, den man im Schlaf wahrnimmt, liege unter 50 Dezibel. „Auch wenn wir dabei weiterschlafen: Die Stressreaktion ist dieselbe wie beim Wachwerden.“

Neben dem Lärm sei die Feinstaubbelastung ein Thema, so Christoph Brodel, vor allem durch Verbrennungsrückstände vom Cerosin. Das sei kaum erforscht. „Es fehlt am Bewusstsein dafür, bei Kraftfahrzeugen hat sich das erst nach Jahrzehnten eingestellt.“ Brodel verwies auf Berechnungen eines Kleinmachnower Physikers, wonach die Schadstoffblase des BER bis zu 39 Kilometer groß sein wird. Bezieht man die zusätzlichen Gesundheitskosten ein, sei Nachtflug volkswirtschaftlich alles andere als profitabel.

Der Teltower Raum wird zwar nicht so belastet sein wie etwa Blankenfelde-Mahlow. „Wir werden aber ein ständiges Donnergrollen haben“, warnte der Kleinmachnower Fluglärmaktivist Schubert. Der Dauerschallpegel werde um 10 Dezibel steigen – auf 45 bis 50. Die Flughafengesellschaft finanziert Schallschutzfenster erst ab 55 Dezibel. „Vielleicht schaffen wir das bis zur letzten Ausbaustufe des BER, wenn die täglichen Überflüge von 85 auf 200 steigen“, sagte Schubert.

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