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  • 29.05.2012
  • von Henry Klix

Werder (Havel): CDU will keine Stolpersteine in Werder

von Henry Klix

Die Stolpersteine sind ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig - in Werder will die CDU keine mehr haben. Foto: Thilo Rückeis

UPDATE. Das Bündnis Kurage reagiert auf den CDU-Antrag ans Stadtparlament verärgert. Die SPD kündigt einen Ergänzungsantrag an.

Werder (Havel) - Keine Stolpersteine in Werder? Die CDU-Fraktion will die Debatte um die Verlegung der Messingplatten jedenfalls beenden. In einem Antrag zur Stadtverordnetenversammlung am nächsten Donnerstag heißt es, dass es schon eine Erinnerungstätte gibt: die Gedenkstätte für „Opfer von Krieg und Gewalt“ auf dem alten Friedhof. Sie solle auch „für das Gedenken an jüdisches Leben in Werder“ genutzt werden. Außerdem soll aus Recherchen der Ossietzky-Oberschule zum jüdischen Leben eine Broschüre erstellt werden.

„Wir sind stolz auf die vielfältigen Initiativen unserer Stadt, die dazu dienen, die Aufarbeitung der Werderaner Geschichte voranzubringen“, heißt es im CDU-Antrag weiter. „Besonders hilfreich“ sei die Arbeit der Schulen. Das Bündnis Kurage, das mit einer Arbeitsgruppe sei längerem die Aufstellung von Stolpersteinen betreibt, wird in dem Antrag ausdrücklich nicht genannt. Fraktionssprecher Christian Große bestätigte, dass die CDU keine Stolpersteine in Werder wünscht – unter anderem, weil diese Form des Gedenkens auch im Zentralrat der Juden umstritten sei. „Wir wollen nicht immer wieder Diskussionen haben.“ Der zentrale Gedenkort am Friedhof sei „für alle Opfer“ eingerichtet worden. „Wichtiger als neue Gedenkstätten ist, dass sich die Schulen weiter mit diesem Thema und auch mit der DDR-Geschichte befassen.“

Bei Kurage reagierte man gestern verärgert. „Wir kommen uns langsam vor wie die Nestbeschmutzer“, sagte Joachim Thiele, Sprecher der AG Stolpersteine. „Es geht uns darum, darzustellen, wo jüdisches Leben in Werder stattgefunden hat.“ Das sei auf dem Friedhof nicht möglich. Thiele hat nach dem CDU-Antrag den Eindruck, dass die Präsenz dunkler Kapitel im Stadtbild nicht gewünscht ist. „In der Vergangenheit finden sich Hinweise über Täter und Unrecht am jüdischen Eigentum, aber auch Menschen, die geholfen haben. Man möchte offenbar vermeiden, dass unsere Recherchen in die Gegenwart wirken.“

Auch Bürgermeister Werner Große (CDU) gilt als Gegner der Stolpersteine. Er argumentiert wie die CDU-Fraktion, dass sie im Zentralrat der Juden umstritten sind. Charlotte Knobloch, ehemalige Zentralrats-Präsidentin, hatte es als „unerträglich“ bezeichnet, die Namen ermordeter Juden auf Tafeln zu lesen, auf denen „herumgetreten“ werde. Stephan Joachim Kramer, Generalsekretär des Zentralrates, erklärte gegenüber den PNN, dass es Shoa-Überlebende gibt, die die Aktion „kritisieren, weil die in den Boden eingelassenen Steine es ermöglichen, auf ihnen ‚herumzutrampeln‘, und damit – so die Argumentation – die Würde der Opfer erneut verletzen würde“. Man müsse diese Auffassung respektieren. „Ich teile sie ebenso wenig wie der jetzige Präsident des Zentralrates, Dieter Graumann, der in dieser Aktion eine eindrucksvolle Möglichkeit sieht, an die Verbrechen der Shoa gerade im Alltag zu erinnern.“

Ein achtloses Hinweglaufen finde mit Stolpersteinen nicht statt, meint auch Werders SPD/Grünen-Fraktionschefin Anja Spiegel. „Es geht darum, hängenzubleiben, sich zu verbeugen, um die Namen auf den Steinen zu lesen.“ Ihre Fraktion möchte am Donnerstag mit anderen Fraktionen einen Änderungsantrag stellen. „Es wäre schade, wenn in einem Antrag zum jüdischen Leben die Stolpersteine fehlen“, sagte Spiegel. Die Messingplatten des Künstlers Gunter Demnig seien weit verbreitet, „das spricht für sich“: Europaweit wurden bereits 35 000 in Gehwege verlegt und erinnern an letzte Wohnstätten von Menschen, die durch die nationalsozialistische Gewaltherrschaft ums Leben kamen. Dass ein Änderungsantrag zugunsten der Stolpersteine mehrheitsfähig ist, sei unwahrscheinlich, meint Spiegel. Die Dissonanzen seien „traurig“.

Im Gedenkbuch des Bundesarchivs sind 20 jüdische Bürger aus Werder und Glindow dokumentiert, die durch nationalsozialistische Gewalt ums Leben kamen. Zwei Namen sind durch die Recherchen der AG Stolpersteine hinzugekommen, Joachim Thiele geht davon aus, dass es noch mindestens zehn weitere werden. Zu den Fakten, die von der AG aufgedeckt wurden, gehört ein Lager für jüdische Zwangsarbeiter, das sich in der Glindower Ziegelei befunden hat. (mit alm)

 

 

 

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