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Debatte

  • 02.03.2012
  • von Jan Kixmüller

INTERVIEW: „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“

von Jan Kixmüller

Der Historiker Roland Thimme über die NS-Vergangenheit des Ernährungsforschers Carl Arthur Scheunert - dem Mitbegründer des Ernährungsforschungsinstituts in Rehbrücke.

Herr Thimme, Sie haben herausgefunden, dass Carl Arthur Scheunert im Nationalsozialismus eine unrühmliche Rolle gespielt hat. Müssen wir seinen Namen nun von den Straßenschildern streichen?

Ich denke schon. Er war Parteimitglied der NSDAP, Professor in Leipzig und Präsident der „Reichsvitaminanstalt“. Was belastend hinzu kommt, sind Menschenversuche an Häftlingen des Zuchthauses Waldheim, in dem in der NS-Zeit politische Gefangene und Kriminelle saßen.

Wie sehr war er in das NS-System verstrickt?

Er hat die Gelegenheiten, die sich ihm boten, ausgenutzt. Es ging ihm hauptsächlich um seine Wissenschaft.

Er war also ein Opportunist?

Das kann man sagen. Er hat seine Parteikarriere so weit vorangetrieben, wie es für seine Forschung nötig war. Natürlich war er auch von Hause aus konservativ, wie die meisten Wissenschaftler damals. Wichtig war ihm in erster Linie, dass er an Geld für seine Forschung herankam. Dazu suchte er die Nähe einflussreicher NS-Größen. Das hat er dann auch geschafft, er war bis zu Martin Bormann vorgedrungen. Für seine Tätigkeit in der „Reichsvitaminanstalt“ hatte sich selbst Adolf Hitler interessiert.

Warum war diese Forschungsarbeit damals so bedeutend?

Sie war kriegswichtig. Die Soldaten sollten mit Vitaminen fit gehalten werden. Aber nicht nur für die Soldaten, auch für die Bevölkerung. Denn zum Ende des Krieges herrschte Mangelernährung, dafür wurden die Vitaminpräparate dringend gebraucht.

Was hat Scheunert im Zuchthaus Waldheim gemacht?

Es gab Versuche an Häftlingen. Zum Beispiel wurden Gefangene 188 Tage lang völlig ohne Vitamin A ernährt. Das hatte gravierende Folgen für die Gesundheit der Probanden. Scheunert selbst spricht von Schäden. Fritz Selbmann, der damals Gefangener war, berichtete sogar von Toten. Scheunert ist mit den Versuchen über die Grenzen der Ethik hinausgegangen. Das waren Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Die Probanden waren Gefangene, sie waren in ihrer Entscheidung nicht frei.

In welchem Umfang wurden die Versuche durchgeführt?

Zeitweilig wurde 60 Häftlinge, die in Einzelzellen untergebracht waren, in die Versuche einbezogen. Und es gab mehrere Versuchsreihen zu verschiedenen Vitaminen.

Merkwürdig, dass Scheunert dann gerade in der antifaschistischen DDR zu Amt und Würden kam.

Sie sagen es. Es ist ein Rätsel, wieso er in der DDR Karriere machen konnte. Die SED musste davon Kenntnis gehabt haben, schließlich waren in Waldheim alle Unterlagen erhalten geblieben und das Gefängnis befand sich auf dem Territorium der SBZ. Nach Scheunerts Tod erschien das Buch des Ex-Häftlings Selbmann und es gab eine Dissertation an der Uni Leipzig, in der die Versuche geschildert wurden, darin wurde Scheunert auch als Faschist bezeichnet. Seine dunkle Vergangenheit war also bekannt, es wurde aber nicht thematisiert, sondern vertuscht.

Wie ist Scheunert überhaupt durch die Entnazifizierung gekommen?

Der öffentliche Ankläger hatte ihn in Frankfurt am Main ziemlich in die Mangel genommen. Er kannte aber die Sache mit Waldheim nicht. Zum Schluss wurde Scheunert sogar beinahe rehabilitiert. Die Anklage basierte nur auf seine Tätigkeit als Präsident der „Reichsvitaminanstalt“. Scheunert versuchte dann wieder beruflich Fuß zu fassen.

Wie kam er nach Rehbrücke?

An der Uni München wurde er nicht genommen, nach Leipzig konnte er nicht, weil er dort als Nazi bekannt war. Er hatte aber alte Beziehungen zu Wilhelm Ziegelmayer, der in der NS-Zeit Kopf der deutschen Militär- und Gemeinschaftsverpflegung war und anschließend Koordinator der Ernährungspolitik in der SBZ. Im Auftrag der Russen wurde von Ziegelmayer ein neues Institut für Ernährung und Verpflegungswissenschaft gegründet, erst in Berlin-Dahlem, dann in Rehbrücke. Die Leitung übergab er dann an Scheunert. Der war ein guter Organisator. In der SBZ wurde das Thema Ernährung großgeschrieben. Das war eine Chance für Scheunert. Nun konnte er sein Lebensziel erreichen, die beiden Bereiche Vitamine und Ernährung zusammenzuführen.

Erstaunlich erscheint dann auch sein gesellschaftspolitisches Engagement im Sozialismus.

Das musste er machen, das wurde von ihm erwartet. Dass er sich dann aber übertrieben loyal zur DDR verhielt, hat vielleicht mit seinem schlechten Gewissen zu tun. Er hat sehr viele politische Aufsätze geschrieben, gegen die BRD, die Amerikaner und die Aufrüstung. Sein Engagement hatte sich aber auch ausgezahlt, er wurde schnell Nationalpreisträger. Er hat auch alles daran gesetzt, seine Freunde in der BRD zu überzeugen, dass die DDR die richtige Wahl ist.

Das Gespräch führte Jan Kixmüller

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