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  • 22.06.2010
  • von Von Henry Klix

Von Henry Klix: Die Ziegler in Ton

von Von Henry Klix

Der Berliner Künstler Harald Birck hat 15 Glindower Ziegelarbeiter in Terrakotta verewigt

Werder (Havel) - Die Nase findet er zu groß. Die Huckel und Falten im Gesicht will er am liebsten alle glatt streichen, bei einigen tut er es auch. Und ist er denn wirklich so rund? Ja, ist er. Na gut, zumindest das kleine Loch unter der Nase muss aber verschwinden, darauf besteht Willi Kawaleoskas. Dem Wunsch wird entsprochen. Und dann, ein Gläschen Wein in der Hand, beäugt Kawaleoskas das archaische Werk nochmal von allen Seiten und versöhnt sich damit. Gut zwei Stunden hatte der Ziegler der Glindower Ziegelei dem Künstler Harald Birck Modell gesessen.

Mit dem Material kennen sich beide aus: Harald Birck hat 25 Kilo Ton zu einer wuchtigen Büste des Ziegelarbeiters verarbeitet. Es ist nicht der erste, dem auf diese Weise ein überlebensgroßes Denkmal gesetzt wurde: 15 Büsten der Mitarbeiter der Ziegelmanufaktur sind jetzt öffentlich im zweiten, erloschenen Ringofen ausgestellt. Auch Ziegeleiinhaber Harald Dieckmann wurde in Ton verewigt.

Über eine gemeinsame Bekannte hatte Dieckmann Kontakt zu dem Berliner Künstler bekommen, der durch sein Projekt „Auf Augenhöhe“ Aufmerksamkeit erregt hatte: Harald Birck formte Dutzende Obdachlose in Terrakotta und stellt ihre Büsten nun gemeinsam mit denen von Prominenten aus. Ziegeleiinhaber Dieckmann fand es naheliegend, auch mal Menschen zu porträtieren, die jeden Tag mit Ton zu tun haben „und abends aussehen, als wenn sie darin gebadet haben“. Er war sich schnell mit dem Künstler einig.

Beim Formen beginnt Harald Birck mit zerknülltem Zeitungspapier, dass er mit Krepp-Klebeband um ein Stativ wickelt. Schon dabei entstehen grobe Konturen. Der Papierkopf wird mit Tonplatten verkleidet und Bindfaden fixiert, bevor dann die Feinarbeit mit Tonklümpchen beginnt: Nase, Ohren, Lippen, Brauen, Augen – manchmal bekommt eine Gesichtspartie mit unterfüttertem Papier noch etwas mehr Volumen. Willi Kawaleoskas fehlt der Knopf am Basecap – er bekommt ihn, doch zu viel Detailtreue mache das Werk kaputt, meint Birck. „Jede Rauheit steckt voller Informationen. Irgendwann muss man aufhören.“

Seit einigen Wochen ist Birck nun schon regelmäßiger Gast in Glindow und kennt die Ziegler, mit denen er sich während des Schöpfungsprozesses locker austauscht, alle beim Vornamen. Nach anfänglicher Skepsis ließen sie sich fast komplett von der Kunstidee begeistern. Harald Dieckmann träumt derweil von einer Wanderausstellung an Standorten, die mit der Glindower Ziegelproduktion zu tun haben – zum Beispiel ins Lippisch-Westfälische, wo die Ziegler vor gut 500 Jahren einmal herkamen. Allerdings gehören erst drei der 15 Tonköpfe, die jeweils 2000 Euro kosten, der Ziegelei. „Ich würde die Gruppe gern beieinander halten“, sagt Dieckmann, der nun auf „Paten“ hofft.

Nach dem schöpferischen Prozess von Harald Birck ist die Kunstfertigkeit der Ziegler gefordert: Ein Teil der Skulpturen wurde – nach dreiwöchiger Trocknungszeit – in Gasöfen gebrannt, ein halbes Dutzend aber im historischen Hoffmannschen Ringofen, in dem heute wie vor 150 Jahren Ziegel in Brennkammern gebrannt werden, die um einen Kamin gruppiert sind. Johann Gerlein arbeitet hier seit zehn Jahren als Heizer, und auch er kann sich jetzt jeden Tag anschauen, was Harald Birck aus ihm gemacht hat. Die Büsten gefallen ihm alle – nur die schwarze Asche vom Ringofen, „die hätte ich nicht weggefegt“.

die Büsten sind bis 18. Juli in der Ziegelei, Alpenstraße 47, ausgestellt, Öffnungszeiten (wie beim benachbarten Ziegeleimuseum) am Wochenende 11 bis 17 Uhr.

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