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Kleinmachnow

  • 31.05.2018
  • von Eva Schmid

Streit in Kleinmachnow: Wildschweine bringen Gartenbesitzer auf die Palme

von Eva Schmid

Foto: Lino Mirgeler/dpa

Der Streit zwischen Anwohnern und Jagdpächtern spitzt sich zu: Es geht um verwilderte Spekulationsgrundstücke in Kleinmachnow, die ideale Rückzugsorte für Wildschweinrotten sind.

Kleinmachnow - Der Gartenschlauch als letzte Rettung: Die Gäste von der Kleinmachnowerin staunten nicht schlecht, als vor wenigen Wochen an einem lauen Abend eine Bache mit zwölf Frischlingen an ihnen vorbeitrabte. Mitten durch den Garten der Kleinmachnower Gastgeberin, völlig ungestört von den Geräuschen der Gäste, auf Suche nach Blumenzwiebeln oder weiteren Leckereien. Am Ende half nur noch, das Wasser aufzudrehen und die Rotte nass zu spritzen.

Lange Ruhe wird die Kleinmachnowerin aber nicht haben. Das Problem liegt direkt vor ihrem Grundstück. Seit Jahren lässt ihr unbekannter Nachbar sein Grundstück verwildern. Es sei ein Spekulationsobjekt, klagt sie gegenüber den PNN. Seit mehr als einem Jahr stehe es bereits zum Verkauf. Die Kaufsumme soll angeblich bei einer Million Euro liegen. Das Spekulieren auf einen hohen Kaufpreis bringt den Nachbarn im Jägerhorn vor allem eins: zerstörte Gärten. Auf dem verwilderten Areal fühlen sich Bachen mit ihren Frischlingen wohl, dort sind sie ungestört, mitten in der Ortslage, nahe an vielen Nahrungsquellen.

„Die Frau des Jägers hat mich abgewimmelt"

Ein Anruf beim zuständigen Jäger habe nichts gebracht, erzählt sie. „Die Frau des Jägers hat mich abgewimmelt und gesagt, man sei für Wildschweine in Gärten nicht zuständig.“ Die Kleinmachnowerin fühlt sich mit ihrem Problem alleingelassen. Wie ihr gehe es vielen Anwohnern, ist sie sich sicher. Und: So schlimm wie in diesem Jahr sei es schon lange nicht mehr gewesen.

Aufgeregte Anrufe wie die von der Kleinmachnowerin bekommt Peter Hemmerden, der zuständige Jagdpächter, „zu jeder Tages- und Nachtzeit“. Hemmerden jagt in Kleinmachnow und Stahnsdorf, ihm helfen weitere elf Jäger. Als Jäger können sie in der Ortslage wenig ausrichten: „Wenn ich in einem Garten aktiv werden würde, dann wird das Problem nur in den nächsten Garten hineinverlagert“, so Hemmerden. Das Grundproblem in Kleinmachnow und Stahnsdorf seien schlecht gesicherten Grundstücke.

Tatsächlich sieht ihr Maschendrahtzaun stellenweise sehr mitgenommen aus. Die Tiere schieben ihn mit ihrer Kraft einfach hoch. Ein Anwohner investiert jetzt in einen teureren Zaun. Das sieht die Kleinmachnowerin aber nicht ein. Es sei Aufgabe des Nachbarn mit dem verwilderten Areal, sein Grundstück ausreichend zu sichern.

Verhallte Appelle

Den Streit um den richtigen Gartenzaun kann Jagdpächter Hemmerden nicht nachvollziehen: „Wenn Leute Geld haben für ein schönes Haus in Kleinmachnow und einen Garten, dann muss doch auch etwas übrig bleiben für einen geeigneten Zaun.“ Er empfiehlt einen so genannten Doppelstabmattenzaun. Der halte nicht nur Wildschweine, sondern im Zweifel auch Wölfe ab. Seit Jahren weist Hemmerden an Infoabenden in den Kommunen sowie auf seiner Webseite daraufhin, den Tieren den Zugang zu erschweren und die Nahrungsgrundlagen, also Komposthaufen und freistehende Mülleimer, zu entfernen.

Seine Appelle verhallen – so wie es scheint. Und Hemmerden ist immer genervter von den Erwartungshaltungen der Eigentümer. „Sie rufen bei mir an, ohne ,Guten Tag’ zu sagen.“ Wer ein Häuschen im Grünen wolle, müsse mit Wildtiere rechnen. Doch das vergessen wohl viele: Beim kleinsten Problem werde er gerufen. „Ich bin doch kein Kammerjäger“, ärgert sich der Jagdpächter.

Den Eindruck der Kleinmachnower Anwohnerin, dass es in diesem Jahr schlimmer sei als sonst, kann er nicht bestätigen. „Wir haben im vergangenen Jahr rund 100 Wildschweine erlegt.“ Das sei für das kleine Revier mit 1000 Hektar Fläche, die aber nur zur Hälfte bejagt werden könne, eine beachtliche Strecke. Auch in diesem Jahr rechnet er mit dem Abschuss von so vielen Tieren. Hemmerden geht es vor allem um einen gesunden Wildbestand in seinem Gebiet, „nicht ums Töten“, wie er betont. Daher hält er auch wenig von der jüngst in Stahnsdorf eingeführten Abschussprämie.

Streit um Jagdprämie in Stahnsdorf

Die Gemeinde hat im Gegensatz zu Kleinmachnow verstärkt versucht, das Wildschweinproblem in Schach zu halten. Laut Hemmerden jedoch mit mäßigem Erfolg. Um einen Anreiz zu schaffen, sollten Jäger in Stahnsdorf pro geschossenem Wildschwein 20 Euro erhalten. Zudem wurde vor zwei Jahren erfolglos versucht, mehrere Rotten im zentral gelegenen Kutenwäldchen zu verjagen. Mit großem Einsatz von Polizei, Feuerwehr und Ordnungsamt wurde das Gebiet kurzzeitig für die Jagd freigegeben. „Nur ein Wildschwein haben wir geschossen, dafür aber waren über 100 Leute im Einsatz“, erinnert sich der Jagdpächter. Tierschützer hätten im Vorfeld der Jagd versucht, so seine Vermutung, die Tiere aus dem Wäldchen zu treiben, um sie zu retten.

Die Abschussprämie beschäftigt auch zunehmend die Gemeindepolitik, denn Hemmerden hat beantragt, dass die Abschussprämie ihm und nicht dem Jäger zugutekommt, der am Gewehr abdrückt. „Ich bezahle die Pacht und habe als Einnahme das erlegte Wild, die Jäger hingegen dürfen hier kostenlos jagen.“ Die Prämie indes führe dazu, dass die Jäger junges Wild erlegen würden. „Das wandert dann in die Mülltonne“, ärgert sich Hemmerden. Ohne Prämie würde er die ausgewachsenen Tiere schießen, die dann auch weiterverwertet würden. Von dem vorsorglichen Erlegen der Tiere, um die Gefahr der afrikanischen Schweinepest zu bannen, hält er wenig. Denn die Erreger würden nicht von Tier zu Tier, sondern über Menschen und den Transitverkehr eingeschleppt werden.

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