20.07.2018, 26°C
  • 29.05.2018
  • von Sarah Kugler

Ausstellung in Güterfelde: Einmal Jenseits und zurück

von Sarah Kugler

Tempus fugit. Die Zeit verrinnt in der Gütersfelder Friedhofskapelle mit wohligem Rauschen in riesigen Flaschen-Sanduhren, die der Künstler Bernd Bleffert gestaltet hat. Er gehört zu der Künstlergruppe ArtEvent, die mit ihrer Kunst unbemerkte Orte lebendig machen möchte. Foto: Andreas Klaer

Die Künstlergruppe ArtEvent bespielt mit ihrer Kunst Orte, die eher unbeachtet sind. Jetzt hat sie sich die Gütersfelder Friedhofskapelle vorgenommen: „next level“ heißt die dortige Ausstellung, die noch bis zum 10. Juni zu sehen ist.

Güterfelde - In der Kapelle auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof Güterfelde ist die Zeit stehen geblieben. Nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich: Die Uhr an der Empore tickt nicht mehr, sie steht auf kurz vor eins. Auch sonst wirkt das Gebäude entrückt, wie im Dornröschenschlaf. Spinnweben schweben von Balken zu Balken, das Holz blättert, durch die milchigen Fenster fließt waberndes Licht, der Raum ist durchdrungen von einem meeresartigen Rauschen. Erzeugt wird das durch eine Installation des Künstlers Bernd Bleffert: Aus Plastikflaschen hat er mehrere Rohre zusammengebaut, die mit etwas Sand gefüllt sind. Wie Sanduhren sind die Rohre umdrehbar, der Sand erzeugt dabei die rauschenden Geräusche.

Bleffert ist einer von 13 Künstlern, die als festes Mitglied oder Gast der Künstlergruppe ArtEvent derzeit die Kapelle in Güterfelde bespielen. „next level“ heißt die Ausstellung, die sich auf verschiedenen Ebenen mit dem Ort auseinandersetzt. Im Jahr 1914 wurde der Friedhof in Güterfelde eröffnet, unter anderem liegt dort der Schauspieler Max Schreck begraben. Er spielte Nosferatu im gleichnamigen Film von Friedrich Wilhelm Murnau. Der Friedhof und die ungewöhnlich große Kapelle werden jedoch seit 1990 nicht mehr genutzt. Für ArtEvent ein Grund, dort aktiv zu werden: Unbekanntere Orte der Region mit Kunstaktionen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu holen, ist ein Konzept der Truppe, zuletzt in der Villa in der Ruhlsdorfer Straße 1 in Stahnsdorf (PNN berichteten).

„Der Tod gehört zum Leben dazu“

„Es ist ein absolut cooler Ort“, sagt Künstlerin Frauke Schmidt-Theilig über den Friedhofskomplex. Aber eben auch einer, der nicht bemerkt wird. Um das zu ändern, hat sie die Außenfenster der Kapelle bunt gestaltet: Mit Ölkreide und Druckfarben hat sie leuchtende Bilder geschaffen, wie sie oft im Inneren von Kirchen zu sehen sind. Mit Religion habe sie zwar nichts am Hut, sagt sie. Ihre Bilder können aber trotzdem religiös interpretiert werden. Da ist etwa ein Schiff, das an Noahs Arche erinnert, oder eine Kuh, die auf den ersten Blick auch das Goldene Kalb sein könnte. Ganz bewusst spielt Schmidt-Theilig in einer Bildreihe mit den christlichen Ikonendarstellungen. Weil sie Heilgenscheine faszinierend findet, wie sie sagt: „Als Kind habe ich mich immer gefragt, was das für Teller da auf den Köpfen sind.“ Viel mehr als Symbole interessiert die Künstlerin aber der Mensch: seine Rollen, Hoffnungen, Ängste.

An Letztere knüpft die Kunst von Josina von der Linden und Anke Fountis an. Sie bespielen den Keller der Kapelle, in der auch bei der derzeitigen Hitze eine angenehme Kühle von etwa 13 Grad herrscht. Früher wurden dort unten die Toten gelagert, mit einem Aufzug konnten sie in die Kapelle transportiert werden. Gruselig? Nicht für die Künstlerinnen: „Der Tod gehört zum Leben dazu“, sagt Josina von der Linden. Und der Keller wirke sowieso neutral modern. Ihre Installation aus Trauerumschlägen auf den ersten Blick auch – und doch haftet ihr etwas Ur-Emotionales an. Ein einzeln präsentierter, ganz auseinandergefalteter Umschlag sieht durch sein schwarzes Inneres aus wie ein kleiner Sarg. Die anderen schwarz umrandeten Briefumschläge sind mal offen, mal geschlossen nebeneinander angeordnet und scheinen wie Münder zu erzählen. Von Verstorbenen und ihren Geschichten. Botschaften an die Hinterbliebenen.

Schwebende Häuser und glitzernde Spinnweben

Im Nebenraum werden diese dann lebendig: Hier stellt Anke Fountis Fotonegative in Leuchtkästen aus. Ein überwuchertes Grab ist darauf zu sehen, aber auch ein offenbar frisches mit einem Haufen Erde. Am eindrücklichsten ist jedoch eine Gruppe Trauernder, die durch den Negativeffekt selbst wie eine Gruppe Geister aussieht. Memento mori, scheint das Bild zu sagen. Erinnere dich daran, dass auch du irgendwann dort unten im Grab liegen wirst. Ein düsteres nächstes Level – und doch auch ganz normal.

Etwas fantastischer stellt sich Beate Lein-Kunz die nächste Stufe der Menschheit vor. Aus Gelatine-Platten hat sie kleine wabenförmige Häuser geformt. Ein Mobile aus leichten Behausungen für die Seele, die der Schwere des Irdischen entwachsen ist. Eine positiver Blick ins Jenseits, auch als Kontrast zur Schwere der Kapelle mit den vielen Spinnennetzen.

Die Verstaubtheit hebt Hartmut Sy durch eine Drahtinstallation an der Außenfassade auf: Wie sehr lange Spinnweben spannen sich die Drahtseile bis auf den Boden. Die handgemachten Knotenpunkte glitzern dabei in der Sonne wie Tautropfen, die das Dach eines sanduhrförmigen Zeltes bilden. Daneben rauschen Bäume statt Sand. Trotzdem fließt die stehen gebliebene Zeit aus dem Inneren der Kapelle nach außen. Sie strömt vom entrückten Jenseits ins Diesseits und zurück. Nur durch die Kunst. Ganz ohne tickende Uhr.

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Die Ausstellung „next level“ von ArtEvent ist noch bis zum 10. Juni, jeweils Freitag bis Sonntag von 15 bis 19 Uhr und nach Vereinbarung unter Tel.: 0177 527 77 04 auf dem Wilmersdorfer Waldfriedhof Güterfelde, Potsdamer Damm 11 a, 14532 Güterfelde, zu sehen.

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