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  • 12.05.2018
  • von Julia Frese

Kirche goes Radio: Ein Gottesdienst für 40 000 Zuhörer

von Julia Frese

Geübt. Pfarrer Michael Dürschlag geht am morgigen Sonntag zum achten Mal auf Sendung. Da seine Zuhörer ihn nicht sehen, achtet er mehr als sonst auf seine Worte. Foto: Andreas Klaer

Die Predigt aus der Dorfkirche Wildenbruch ist am Sonntag live im rbb Kulturradio zu hören.

Wildenbruch - Obwohl in die kleine Dorfkirche Wildenbruch kaum mehr als 50 Besucher passen, wird es sich für Pfarrer Michael Dürschlag an diesem Sonntag ein bisschen so anfühlen als halte er seine Predigt im Berliner Olympiastadion. Denn die Zahl der Menschen, die ihm dann zuhören dürfte, bei rund 40 000 liegen. Von 10 bis 11 Uhr überträgt das rbb Kulturradio den Gottesdienst aus Wildenbruch als Teil der Reihe „Kirche für Ausgeschlafene“ live im Radio. Zuhörer aus ganz Brandenburg und Berlin werden Dürschlags Worte hören, während sie im Schlafanzug am Frühstückstisch sitzen, im Garten das Unkraut jäten oder im Auto auf die grüne Ampel warten.

Das klingt einfacher als es ist, wie der Pfarrer erklärt. Vorab musste er gemeinsam mit Redakteuren des rbb einen genauen zeitlichen Ablaufplan des Gottesdienstes erarbeiten. Seine Predigt hat er schon während des Schreibens immer wieder mit der Stoppuhr in der Hand durchgesprochen.

„Für die Zeitangabe im Ablaufplan habe ich dann einen Mittelwert genommen“, erklärt Dürschlag. Auch jedes weitere Element des Gottesdienstes – die Gesangsstücke des Chors Vicanorum, die Orgelstücke und Teile, in denen die Konfirmanden etwas vortragen – ist in dem Plan mit Minutenangaben festgehalten. „Normalerweise ist es egal, ob der Gottesdienst zehn Minuten länger oder kürzer dauert“, erklärt Dürschlag. Aber für die Sendung müssten es exakt 58 Minuten sein. Falls sich während der Aufnahme abzeichnet, dass es an der ein oder anderen Stelle eng werden könnte, müsse dann eben ein Teil der Predigt weggelassen werden oder die Orgel am Ende ein etwas längeres Solo einlegen.

Das Nagelkreuz als Symbol für die Versöhnung einstiger Kriegsfeinde

In Dürschlags Predigt wird es am Sonntag unter anderem um die Bedeutung des Nagelkreuzes gehen, das die befreundete Nagelkreuz Gemeinde Pforzheim für ein Jahr an die Dorfkirche Wildenbruch verliehen hat. Das Kreuz steht für die Versöhnung einstiger Kriegsfeinde, weltweit haben sich viele Gemeinden der Nagelkreuzbewegung angeschlossen. Auch für Wildenbruch hat das Kreuz symbolische Bedeutung: Der Ortsteil wurde kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs von sowjetischen Truppen besetzt. Mehr als 30 junge Soldaten starben allein am 23. April 1945. Die Konfirmanden der Gemeinde stellten darum am 23. April 2018 Gedenkstelen nahe der Kirche auf . „Im Gottesdienst werden die Konfirmanden eine selbst geschriebene Geschichte vortragen, wie sich die letzten Tage des damals 17-jährigen Soldaten Paul Nowak abgespielt haben könnten“, so Dürschlag.

Während der Radioaufnahme wird im Mittelgang der Dorfkirche eine Säule mit einer roten Lampe stehen. „Sobald die Lampe leuchtet, sind wir auf Sendung“, sagt der Pfarrer. Dann sind die Kirchentüren fest verschlossen und es sollte im Publikum möglichst nicht mehr geraschelt und gehustet werden. Für Dürschlag ist die Situation schon fast Routine, denn seit 2003 war er insgesamt sieben Mal mit einem Gottesdienst live im Radio zu hören. Bei den ersten vier Malen predigte er noch in einer anderen Gemeinde in der Prignitz. Aber auch in der Dorfkirche Wildenbruch, in der er seit 2014 als Pfarrer arbeitet, ist er nun bereits zum dritten Mal zu hören. Aufgeregt sei er trotzdem noch, wenn schließlich der Übertragungswagen vor der Kirche steht, alle Besucher auf ihren Plätzen sitzen und das rote Licht angeht, räumt der Pfarrer ein. „Ich würde das nicht jede Woche machen wollen, aber ein Mal im Jahr macht es schon Spaß.“ Es sei außerdem schön zu wissen, dass ihn über das Radio auch Gemeindemitglieder hören, die gern persönlich zu seinen Gottesdiensten kommen würden, dies aber aus gesundheitlichen oder altersbedingten Gründen nicht tun können.

Auch die Zusammenarbeit mit den Redakteuren des rbb sei sehr bereichernd, sagt Dürschlag. Sie helfe ihm dabei, einen ganz neuen Blick auf die eigenen Predigten zu bekommen. „Die meisten Zuhörer kennen mich noch nicht und sie sehen mich beim Sprechen nicht – darum ist das, was ich sage, noch viel wichtiger als sonst.“

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HINTERGRUND

Unter dem Titel „Kirche für Ausgeschlafene“ überträgt der Evangelische Rundfunkdienst in diesem Jahr Gottesdienste aus fünf Kirchen in Berlin und Brandenburg im Kulturradio des rbb. Neben der Dorfkirche Wildenbruch gehören dazu die Kaiser- Wilhelm-Gedächtnis-Kirche in Berlin, die St. Nikolaikirche Lübbenau im Spreewald, die Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg sowie die Friedenskirche der Baptisten in unmittelbarer Nachbarschaft der Deutschen Oper Berlin.

Die Pfarrer, deren Predigten in der Reihe übertragen werden, wählt der Rundfunkdienst vor allem danach aus, wie originell sie erzählen und wie angenehm ihre Stimme klingt. Auch Lokalkolorit soll in den jeweiligen Predigten vorkommen, sagt Barbara Manterfeldt-Wormit, Leiterin des Evangelischen Rundfunkdienstes. „Man soll als Hörer erfahren, was die Leute vor Ort bewegt.“

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