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Teltow

  • 05.04.2018
  • von Solveig Schuster

Teltow: Ruhe auf weiter Flur

von Solveig Schuster

Foto: T. Reichelt

In Teltow kommt es aufgrund der Grippewelle zu Engpässen bei der Betreuung. Eltern wurden gebeten, ihre Kinder zu Hause zu lassen.

Teltow - Teltow gehen die Erzieher aus: Die anhaltende Grippewelle hat die ohnehin angespannte Situation in einigen Einrichtungen des Kita-Eigenbetriebs der Stadt deutlich verschärft. In Teltows größter Kita, der Rappelkiste in der Albert-Wiebach-Straße, hat sich die Lage urlaubs- und krankheitsbedingt derart zugespitzt, dass Kita-Leiterin Katja Richter zu einer ungewöhnlichen Maßnahme greifen musste: Sie bat nichtberufstätige Eltern, ihre Kinder während der Osterferientage zu Hause zu lassen. Dramatisch sei die Situation aber nicht, beschwichtigte Kitaleiterin Richter. „Es ist bekannt, dass der Personalschlüssel des Landes so gestrickt ist, dass kaum eine Kita eine Krankheits- oder Urlaubswelle unbeschadet übersteht.“ Die Bitte an die Eltern sei erfolgt, um die Versorgung der Kinder während der Osterzeit besser planen zu können, erklärte sie gegenüber den PNN. Auch seien inzwischen einige Kolleginnen nach der Krankheit wieder in die Kita zurückgekehrt.

Doch nicht bei allen Eltern kam der Vorstoß gut an. „Von einer anteiligen Kostenreduktion stand nichts in dem Aushang“, ärgert sich eine Mutter, die ihren Namen nicht öffentlich in der Zeitung lesen will. „Ich soll den vollen Monatsbeitrag bezahlen, aber mein Kind einen halben Monat lang selbst betreuen?“, fragt sie. Kita-Leiterin Richter wies die Kritik zurück: „Niemand sollte sich verpflichtet fühlen, andere Betreuungsmöglichkeiten zu suchen.“

Drei Erzieher für 20 Kinder?

Derzeit werden in der Kita Rappelkiste rund 230 Kinder betreut. Wie viele Eltern auf ihre Bitte eingegangen sind, konnte Richter auf Anfrage nicht sagen. Zwar seien spürbar weniger Kitakinder anwesend, jedoch sei bei den Eltern nicht abgefragt worden, ob diese aufgrund der Anfrage der Kitaleitung oder wegen anderer Gründe fehlen, so Richter.

Der Ärger der Eltern richtet sich vor allem aber auch gegen die Verwaltung, die eine solche Situation zulasse. „Für eine Stadt, die sich selbst gern als überdurchschnittlich familienfreundlich darstellt, ist die momentane Situation ein Armutszeugnis“, so die erboste Mutter, die auch andere Eltern auf ihrer Seite weiß. Aufgrund zunächst nicht ausgeschöpfter Kapazitäten habe die Rappelkiste im vergangenen Herbst Erzieher an andere Kitas abgeben müssen, erzählen Eltern. Zurückgekehrt seien diese aber nicht, obwohl zwischenzeitlich 25 Kinder neu eingewöhnt worden seien.

Die Kritik der Eltern geht weiter: Derzeit würden dort maximal drei Erzieher bis zu 20 Kinder betreuen. Nach dem geltenden Betreuungsschlüssel müssten es mindestens vier Erzieher sein. Eine fehlende Kraft soll zeitweise durch eine Schülerpraktikantin ersetzt worden sein. Im Kindergarten sehe es tageweise noch schlimmer aus. Hier hätten drei Kräfte bis zu 48 Kinder zu beaufsichtigen. Das sind pro Erzieher bis zu fünf Kinder zu viel.

Kita-Eigenbetrieb und die Stadt konnten am Mittwoch nicht kurzfristig eine PNN-Anfrage zur Situation in den Einrichtungen umfassend beantworten. Die Leitungsebene des Kita-Eigenbetriebes sei derzeit im Urlaub, erläuterte Stadtsprecher Jürgen Stich. Für personelle Engpässe in Teltower Kitas sei die Grippe-Welle ein Hauptgrund, grundsätzlich werde der Personalschlüssel aber eingehalten, erklärte Stich.

Personalmangel ist nicht das einzige Problem - auch die Räume werden immer enger

Der Personalschlüssel war erst im vergangenen Jahr landesweit von zwölf auf derzeit 11,5 Kinder pro Erzieher verbessert worden, in der Krippe soll eine Person nunmehr fünf statt zuvor sechs Kinder betreuen. Durch diese allgemein gewünschte Entwicklung nimmt der Bedarf an Erziehern weiter zu. Doch werde es immer schwerer, Fachkräfte für Kita oder Hort zu finden. Zuletzt hatte das Teltower Unternehmen versucht, die Situation mit Hilfe von Tagesmüttern zu entspannen. Doch die Suche nach diesen gestaltete sich nicht weniger schwierig. Zwar könne die Kita im Bedarfsfall auf Ersatzkräfte zurückgreifen, etwa über eine Zeitarbeitsfirma. Jedoch erst, wenn eine Erzieherin länger als sechs Wochen ausfällt und Anspruch auf Krankengeld hat.

Dass das städtische Unternehmen schon länger an seine Grenzen kommt, ist nicht neu. Neben dem Personalmangel wird es auch in den Räumen immer enger: Fast überall werde mit Sondergenehmigungen gearbeitet, der pro Kind festgelegte Raumbedarf unterschritten, mahnte Kita-Eigenbetriebsleiterin Solveig Haller schon im vergangenen Jahr.

Dass dringender Handlungsbedarf besteht, ist mittlerweile im aktuellen Kita-Bedarfsplan belegt, den das Potsdamer Kommunalberatungsunternehmen complan im Auftrag des Kita-Eigenbetriebs erstellt und Ende vergangenen Jahres vorgelegt hatte. Danach sei derzeit alles ausgereizt. Schon in zwei Jahren würden in der wachsenden Stadt rund 160 Kitaplätze für Kinder zwischen null und sechs Jahren fehlen, 2030 sogar 230 Plätze. Im Dezember verständigten sich Teltows Stadtverordnete darauf, eine neue Kita in Teltow zu bauen. Wie groß sie wird und wo sie entstehen soll, ist noch offen. Neue Personalprobleme entstehen der Stadt damit aber nicht. So soll ein freier Träger die neue Kita betreiben.

Derzeit werden Teltows Krippen- und Kindergartenkinder in elf kommunalen, sechs freien Einrichtungen sowie sechs Eltern-Kind-Gruppen betreut.

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Hintergrund: Grippe wieder auf dem Rückzug

Nach ersten Meldungen im Oktober 2017, hatte die Grippewelle mit dem Jahreswechsel viele Orte im Land erfasst und teilweise bis jetzt fest im Griff. Besonders betroffen sind neben Krankenhäusern sowie Alten- und Pflegeheimen vor allem Kindertagesstätten und Schulen. Auch in den Verwaltungen wurden die Mitarbeiter zeitweise knapp. In Stahnsdorf etwa mussten Mitte März aufgrund zahlreicher Erkrankungen von Mitarbeitern die Sprechzeiten in der Meldestelle reduziert werden (PNN berichteten).

Inzwischen entspannt sich allgemein die Situation wieder: Nach einem drastischen Anstieg in der letzten Februarwoche, als die Zahl der Grippekranken im Kreis von 71 auf 212 sprunghaft angestiegen war, seien nach Angaben des Landratsamtes inzwischen weniger Fälle zu verzeichnen. In der Woche vor den Osterferien hätte es demnach nur noch 132 Meldungen in der Mittelmark gegeben. Damit entwickelten sich die Zahlen im Kreis entgegen dem landesweiten Trend. In Brandenburg waren die Grippefälle von der elften bis zur zwölften Kalenderwoche, also Mitte bis Ende März, um weitere rund 200 auf insgesamt etwa 1500 angestiegen. Nach dem aktuellen Bericht des

Robert-Koch-Instituts(RKI) sind bundesweit inzwischen jedoch immer weniger Erkrankungen zu verzeichnen, wobei der Osten des Landes mit 11 400 Fällen derzeit noch am stärksten betroffen ist. Der Höhepunkt der Grippewelle sei aber überschritten.

Deutschlandweit gab es Ende März etwas über 25 000 gemeldete Influenzafälle, insgesamt wurden bisher rund 300 000 Fälle registriert. 

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