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  • 17.02.2018
  • von Eva Schmid

Im Porträt : Der Herr der Maske

von Eva Schmid

Frank May. Foto: Manfred Thomas

Mit den Händen Menschen verändern: Mehr als 30 Jahre schminkte Maskenbilder Frank May aus Stahnsdorf die einstigen Defa-Filmgrößen.

Stahnsdorf - Es waren die Hände, die Frank May zum Film gebracht haben. May war mehr als 30 Jahre Maskenbildner der Defa, er schminkte Größen wie Manfred Krug oder Rolf Hoppe. Vom Assistenten zum Chef-Maskenbilder, May schaut auf seine Hände. Ihnen hat er viel zu verdanken. Auffällig klein sind sie, filigran. „Nicht gemacht für einen nahrhaften Beruf wie Tischler“, sagt der 79-Jährige und lacht.

Der Vater nahm ihn mit hinter die Kulissen

Der gebürtige Potsdamer, der in Stahnsdorf lebt, hatte Glück. Nach dem Zweiten Weltkrieg suchte das Filmstudio Nachwuchs. Ein Großteil des Personals kehrte aus dem Krieg nicht zurück. Mays Vater, der als Requisiteur am Hans Otto Theater arbeitete und seinen Sohn hinter die Kulissen mitnahm, fand damals die Anzeige. Die Defa suchte Friseure, die sich zum Maskenbildner ausbilden lassen wollten. Die Resonanz war riesig: „Alle wollten das machen.“

70 Bewerber gab es, zehn kamen in die engere Auswahl. May war drin – und blieb, bis zum bitteren Ende, wie er sagt. Die furchtbaren Lehrjahre als Frisör hatten ihm doch was gebracht. Der Wunsch, Menschen mit den eigenen Händen zu verändern, am Filmset mitzuarbeiten, zu gestalten, war größer als der Unmut über das Friseurhandwerk zu erlernen, das zu erlernen Voraussetzung für den Job war. Denn es geht vor allem auch ums Haar.

Mit prüfendem Blick

May blättert in einem großen Buch. Darin unzählige Aufnahmen von verschiedenen Filmsets. Man sieht May mit Ulrich Thein, Hannjo Hasse, dem Bösewicht in vielen Defa-Filmen, und auch mit Dean Reed, dem US-amerikanischen Schauspieler, der in den 1970er-Jahren in die DDR übersiedelte. May, damals mit rot-blondem Vollbart, mit Pinseln in der Hand, prüfendem Blick. Ganz nah an den Schauspielern dran. Er war es, der grünes Licht geben musste, „und dann fiel erst die Klappe“. Über die Jahre sind so viele Geschichten zusammengekommen. May hat sie alle aufgeschrieben, für sich, für die Nachwelt. 200 seiner Bilder von Filmsets bewahrt das Potsdamer Filmmuseum auf.

Es ist die Atmosphäre am Filmset, die für May etwas Magisches hat – noch immer. Er kommt ins Schwärmen, wenn er von seiner Arbeit erzählt. Die habe viel mit Chemie, aber auch mit Kunst- und Literaturgeschichte zu tun gehabt. Und May wurde weil es sich so ergab, zum Experten fürs Historische. Er machte die Maske für Filme über Liebknecht, Lenin, Beethoven, Luther. Seine letzten Produktionen „in der freien Wirtschaft“, wie er sagt, waren Filme über Freud und Goethe.

May musste 400 Komparsen zu Grenadieren machen

Wie viele Perücken der Stahnsdorfer in seinem Leben geknüpft hat, kann er gar nicht mehr zählen. Haarig war es gleich schon zu Beginn seiner Karriere. Sein erster Film: „Kabale und Liebe“, ein Defa-Klassiker von 1959. Bis zu 400 Komparsen musste May zu preußischen Grenadieren machen, sie alle bekamen Halbperücken mit herabhängenden Löckchen verpasst. „Ein Knochenjob.“ Auch seine zweite und dritte Produktion, die Operettenverfilmung „Die schöne Lurette“ und die deutsch-italienische Koproduktion „Italienisches Capriccio“, seien voller Perücken gewesen.

May erinnert sich noch gut an eine der zentralen Szenen des „Capriccio“, den Karneval in Venedig. Da musste der ganze Stab Luftschlangen und Konfetti schmeißen. Gedreht wurde im Herbst 1960, „da war zumindest in der DDR nirgendwo Konfetti zu haben“. Also wurden Lastwagen nach Tschechien und Polen geschickt, um die bunten Schnipsel zu besorgen.

Oft in Prag

In den Ländern, die einst zum Ostblock gehörten, kannte sich May gut aus. Bis sein Vater – der schon früh in den Westen übersiedelte – verstarb, durfte er beruflich nicht dorthin reisen. „Bulgarien, Rumänien kenne ich daher auswendig.“ Auch in Prag drehte er viel. Und über den Balkan zog er einst zusammen mit Manfred Krug für den 1973 erschienen Film „Wie füttert man einen Esel“. Der Dreh zum Roadmovie sei legendär gewesen, „wir haben in drei Monaten 40.000 Kilometer zurückgelegt, haben in 26 Hotels geschlafen und überall blieb was liegen“.

Den Filmgrößen so nahe zu kommen, das gefiel May. Brauchte man dafür nicht nur besondere Hände, sondern auch viel Feingefühl. May lacht, die verfluchte Eitelkeit der Schauspieler habe es ihm nicht immer leichtgemacht. Bei seinen Masken seien jedoch oft auch die Schauspieler wie zum Beispiel Rolf Hoppe oft die treibende Kraft gewesen, mit Ideen und Spaß an der Verwandlung.

Doch manchmal fiel die auch radikal aus. Einmal musste er Ulrich Thein eine Glatze rasieren, der machte mit, doch ihm rollten Tränen über die Wange. May nahm ihn später in die Arme, ein sehr sensibler Mensch sei er gewesen. Mit vielen Schauspielern und Regisseuren war May befreundet, bei der Defa kannte jeder jeden. Der Maskenraum war Mays zweites Zuhause. Und ganz ohne kann er immer noch nicht: Im Keller seines Wohnhauses stehen Spiegel, Strahler, Schminkkoffer und natürlich Perücken. Eine Erinnerung an alte Zeiten.

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