22.02.2018, 2°C
  • 12.02.2018
  • von Gerold Paul

KulTOUR: Zwischen Himmel und Erde

von Gerold Paul

Herein. Die Holz-Skulptur „Erfurter Figur“ am Eingang des Z200. Foto: Andreas Klaer

Frottagen und Skulpturen im Kleinmachnower Landarbeiterhaus Z200

Kleinmachnow - Jeder Mensch ist ein Bilderbuch, und ein Rätsel zugleich. Alles an Leben und Welt ist in ihm drin, und doch versteht er nur wenig davon. Die Kunst als Medium kehrt indes einiges davon heraus. Besonders eindrücklich zu sehen in der aktuellen Ausstellung im Kleinmachnower Landarbeiterhaus Z200. Hier wird auf brillante Weise gezeigt, wie unterschiedlich und gut so etwas geht.

Mit dem Altmeister Manfred Butzmann aus Potsdam-Bornim und der Wahlberlinerin Anna Franziska Schwarzbach hat der Kunstverein Die Brücke zwei Erstklassige ins alte Gemäuer locken können. Zwei, die sich lange schon kennen und schätzen, die so konträr an die Wirklichkeit gehen und sich heimlich doch manchmal gleichen.

Manfred Butzmann sucht das Leben dort, wo es jedem erscheint, manchmal in der Kunst versteckt, manchmal andersherum. Seine Passion waren Frottagen nach altchinesischem Vorbild, Abreibungen also dort, wo andere ihre Spuren hinterlassen haben. In Hausfluren, auf einem russischen Truppenübungsplatz, in der Erfurter Severikirche, wo man so lange über uralte Grabplatten läuft, bis die reliefähnlichen Köpfe der teuren Toten sozusagen abgelatscht sind. Staub wird wieder zu Staub.

Vom Dokument, dem Authentischen, also zur Kunst hin und sei es nur die Frottage eines Berliner Fußabtreters aus Pankow. Auch Butzmanns Plakate älteren Datums, teils in Korrespondenz mit seinem Freund Klaus Staek entstanden, streben nach direktem Wirken: Eine Fotoserie von Fahrradleichen am Gehsteig, eine zweite mit überfahrenen Waldtieren und dem doppelsinnigen Titel „Bitte fahren Sie weiter“. Unter den neueren Arbeiten zeigt er Aquarelle mit Motiven gleich aus seiner Nachbarschaft am Bornimer Pannenberg. Landschaft, Bäume, der Wald, in einer pastellartigen Technik mit dem Borstenpinsel verwirklicht, bis an den Bildrand gemalt, und alles in einem diffus-traurigen Licht. Wunderschön, und alles sehr irdisch.

„Skulptur muss in den Himmel greifen, oder in die Hölle oder in die Gischt“, formulierte die Bildhauerin Anna Franziska Schwarzbach, aus Schwarzenberg im Erzgebirge stammend. Sie zeigt lebensgroße und auch kleinere Figuren in Holz, Metall- und Steinguss sowie Porzellan. Schon am Eingang begrüßt eine sehr dynamische Dame lebensgroß den Gast. Als „Erfurter Figur“ hat die Künstlerin sie absichtsvoll „Zwischen Himmel und Erde“ gesetzt. Da ist viel Material drangelassen, doch alles feinstens ausgearbeitet. Ein Fragment voller Schönheit und Kraft mit einem Anflug von Hommage auf die Kunst des hohen Mittelalters. Auch sonst hält sie es viel mit Engeln und den Sagen der griechischen Antike, mit Daphne als Bronze zum Beispiel. Im letzten Raum ist eine Familie von Kleinwüchsigen ins Holz geschnitzt, eindrucksvoll als Figuren, aber auch in ihrer Lebensgeschichte, denn sie haben Mengeles Menschenexperimente in den Lagern überlebt.

Unter ihren grafischen Arbeiten sind Steinabreibungen aus selbst geschlagenem Sandstein der Renner. Ein besonderes Verfahren mit breitem Wirkspektrum, egal ob es eine rot kolorierte Mücke oder „Maria mit dem Einhornbaby“ ist. Mehr „Himmlisches“ also. Christophorus erscheint, „Der Honigdieb nach Lucas Cranach“, auch Toulouse-Lautrec wird Respekt gezollt. Klasse, wenn man so ans Vergangene herangeht. Macht ja heute kaum einer mehr. Eine Ausstellung der Superlative, voller Bilder und Rätsel. Sie sollte dem Kenner und Kunstfreund Entzücken abringen. Gerold Paul

Die Ausstellung Butzmann/Schwarzbach im Landarbeiterhaus in Kleinmachnow, Zehlendorfer Damm 200, ist noch am 17. und 18. Februar jeweils von 14 bis 18 Uhr geöffnet

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