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  • 27.01.2018
  • von Enrico Bellin

Eine Pferdestärke für den Weinberg

von Enrico Bellin

Ein Pony soll in Töplitz einen Traktor ersetzen und so die Umwelt schonen. Beim benachbarten Winzer funktioniert das nicht

Werder (Havel) - Zwischen den Weinstöcken ist Franzi kaum zu sehen. Knapp 80 Zentimeter hoch ist das acht Monate alte Shetlandpony, das beim Töplitzer Winzer Klaus Wolenski künftig einen sechs Tonnen schweren Traktor ersetzen soll. „In anderen Gegenden ziehen die Ponys ja auch Kutschen. Für uns ist Franzi perfekt geeignet, um einen Grubber oder eine Walze über den Weinberg zu ziehen“, so der Winzer.

Noch macht er das mit dem Weinbergstraktor. Etwa zehn Mal musste er im vergangenen Jahr mit dem schweren Gerät und einer Walze durch die Reben fahren, um hoch gewachsenes Unkraut zu brechen, das den Weinstöcken die Nährstoffe aus dem Boden zieht. Das Walzen mag Wolenski nicht: „Es verdichtet den Boden extrem, der wird wie Beton.“ Was zur Folge hat, dass man noch einmal mit Traktor und einem Pflug durchfahren muss, um den Boden bis in tiefe Schichten wieder zu lockern. Und hier lauert das nächste Problem: Das Pflügen schädigt die Wurzeln des Weines. Außerdem wächst auf den Wegen des Traktors kein Gras mehr, sodass der Boden am Weinberg bei Starkregen weggespült wird. Wolenski muss das mühevoll ausgleichen: Jedes Jahr schafft er etwa 20 Kubikmeter Erde auf seinen Weinberg.

Franzi soll jetzt Abhilfe schaffen. „Sie ist extrem stur und kräftig. Wenn sie nicht will, bekommt man sie keinen Millimeter bewegt“, so der Öko-Winzer. An Tochter Lara habe sich das Pony aber in den zwei Wochen, die es jetzt schon in Töplitz ist, gewöhnt. In den kommenden zwei Jahren will Lara, die auch den Reiterhof der Familie am Fuße des Weinbergs betreibt, das Shetlandpony ausbilden. Die anderen Pferde sind zu groß, um durch die engen Kurven zwischen den Weinstöcken zu kommen. Daher musste ein Pony her. „Zunächst muss sich Franzi an den Weinberg gewöhnen. Erst wenn sie älter ist, kann man sie an die Arbeit mit einem Grubber oder der Walze heranführen“, erklärt Lara Wolenski. Ein Grubber greift mit seinen kurzen Haken nur wenige Zentimeter tief in die Erde, um Gräser herauszuziehen, und zerstört nicht die Weinwurzeln. Derzeit sieht man Lara und das Pony in Töplitz beinahe täglich beim Spaziergang vom Hof auf den Weinberg.

Der 32-Jährigen gehört inzwischen der Weinberg, sie übernimmt auch handwerkliche Arbeiten wie den Rebschnitt. Der 69-jährige Klaus Wolenski kümmert sich hauptsächlich um den richtigen Reifeprozesses des Weines im Keller, in dem derzeit 12 000 Liter von der vergangenen Traubenernte lagern.

In den Fässern von Manfred Lindicke sind es 60 000 Liter, die derzeit heranreifen. Auch der Winzer des Werderaner Wachtel- und Galgenberges hat an seinen Hängen mit Erosion und Bodenverdichtung durch schwere Maschinen zu kämpfen. „Wir versuchen aber, durch das Anpflanzen pilzresistenter Sorten möglichst wenig mit dem Traktor auf dem Weinberg unterwegs zu sein“, so Lindicke. Durch resistente Sorten müsse schließlich weniger gespritzt werden. Auch der Rebschnitt, der bei anderen Winzern grob mit der Maschine gemacht werde, wird bei ihm per Hand gemacht. Ein Pferd einzusetzen, kann er sich aber nicht vorstellen. „Das funktioniert vielleicht bei den knapp zwei Hektar Fläche in Töplitz, aber nicht bei 7,6 Hektar.“

Um die Gräser zwischen den Weinreben nicht unterpflügen zu müssen, was Lindicke zufolge bis zu acht Mal im Jahr nötig wäre, verwendet er Herbizide – unter anderem auch das umstrittene Mittel Glyphosat. „So muss man nur ein- bis zweimal im Jahr mit dem Traktor in den Weinberg“, sagt Lindicke. Glyphosat tötet die Gräser ab, sie verrotten vor Ort und bilden Lindicke zufolge eine Humusschicht.

Der Einsatz von Glyphosat ist wie berichtet noch einige Jahre möglich. Das Mittel steht in der Kritik, da es alle Pflanzen tötet, auf die es trifft und die nicht gentechnisch verändert wurden, um Glyphosat zu überleben. Dadurch gebe es weniger Blühpflanzen, was wiederum zum Bienensterben beitrage, so die Kritiker.

Lindicke jedoch hält dagegen: Ohne das Mittel müsse er nicht nur deutlich mehr Stunden mit dem Traktor arbeiten, was durch den Kohlendioxidausstoß auch umweltschädlich sei. „Durch das Pflügen gerät auch Sauerstoff in den Boden, was wiederum unnütz wichtigen Humus vernichtet“, so der Winzer. Womöglich müsste man dann also noch künstlich düngen. Die Gräser per Hand aus dem Boden zu ziehen, würde dem Winzer zufolge nicht nur dazu führen, dass niemand mehr den Wein bezahlen könne. „Es gibt dafür auch gar nicht genügend potentielle Arbeiter.“

Klaus Wolenski hat indes Mitarbeiter für diesen Job gefunden: 45 Kamerunschafe, die am Fuße des Berges ihre Hütte und Weide haben und gelegentlich zwischen die Rebstöcke getrieben werden. Allein in den vergangenen drei Tagen wurden sieben Lämmer geboren, drei bis vier werden noch erwartet. Wie berichtet wurden im November vier Schafe von der Weide gestohlen. Bis auf ein Loch im Zaun gab es keine Spuren der Täter, die Polizei hat die Ermittlungen eingestellt.

Vor knapp zwei Jahren hat der Winzer die ersten elf Schafe gekauft. Seither ist die Herde stetig gewachsen. Die vielen Tiere haben auf dem kleinen Weinberg viel zu tun: Neben dem Gras sollen sie vor allem im Frühsommer die unteren Blätter der Weinstöcke abfressen, damit mehr Sonne an die Früchte kommt und sich weniger Feuchtigkeit im Blattwerk hält. Außerdem haben sie genau wie Pony Franzi einen positiven Nebeneffekt: Die Besucher der ab Frühjahr geöffneten Schankstube am Weinberg lieben die Tiere.

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