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  • 29.12.2017
  • von Enrico Bellin

Regiobus verässt Potsdam: „Wir werden uns aus Babelsberg zurückziehen"

von Enrico Bellin

Foto: A. Klaer

Seit einem Jahr gibt es mit regiobus Potsdam Mittelmark nur noch eine Busgesellschaft im Landkreis. Geschäftsführer Hans-Jürgen Henning über Probleme und Erfolge des ersten Jahres und die Zukunft des mittelmärkischen Nahverkehrs.

Herr Hennig, Anfang Januar startet das neue PlusBus-Konzept im Raum Beelitz/Michendorf mit zusätzlichen Bussen und Anschlüssen an Regionalzüge. Erwarten Sie dort einen ähnlichen Erfolg wie in Werder (Havel), wo die Fahrgastzahlen im ersten Jahr um 30 Prozent gestiegen sind?

Realistischerweise muss man das eher mit den Änderungen im Hohen Fläming vergleichen, wo wir im ersten Jahr etwa zehn Prozent mehr Fahrgäste hatten, innerhalb von drei Jahren dann etwa 20 Prozent. Zwar sind die Hauptlinien Beelitz-Potsdam und Werder-Potsdam vergleichbar, in Werder gab es aber gleich eine ganze Reihe von betroffenen Buslinien und auch eine Tarifanpassung. Außerdem geht es jetzt überwiegend über größere Entfernungen im ländlichen Raum. Es bleibt aber abzuwarten, wie gut der neue Schnellbus Beelitz-Potsdam angenommen wird.

Stichwort PlusBus: Sollten gut merkbare Abfahrzeiten und Anschlüsse an Bahnhöfen nicht eigentlich Standard im Nahverkehr sein?

Grundsätzlich natürlich schon. Die Abfahrt in jeder Stunde zur gleichen Minute gibt es im regionalen Busverkehr, der ja oft nur auf die Schulzeiten abgestimmt ist, aber nicht als Standard. Auf den PlusBus-Linien gibt es zudem keinen Unterschied zwischen Schultagen und Ferien, außerdem gibt es in jedem Fall Wochenendverbindungen. Wäre der Erfolg in Werder größer geworden, wenn Potsdam nicht in diesem Jahr die Zeppelinstraße verengt hätte, wodurch auch Busse im Stau standen und stehen? 

Die Zeppelinstraße war ja vorher auch schon nicht unproblematisch. Prognosen ohne eine Verengung wären da zu gewagt. Hätten wir aber, wie es ja ursprünglich geplant war, von Beginn an eine Busspur zwischen Geltow und Potsdam gehabt, wäre der Erfolg noch deutlich größer gewesen. Dann wären wir noch attraktiver für Autofahrer geworden. Die Attraktivität des Nahverkehrs wäre dadurch augenfällig geworden. Was allerdings ganz klar auf die Verengung zurückzuführen ist: Früher gab es nur stadteinwärts Probleme, die Fahrzeiten einzuhalten, heute aber auch bei den Fahrten aus Potsdam hinaus. Von Tag zu Tag ist das komplett unterschiedlich, an einigen Tagen läuft es gut, an anderen bricht der Verkehr zusammen. Da haben teilweise alle Fahrten über 20 Minuten Verspätung. Dafür reichen schon Baustellen in Geltow oder Störungen auf den Nebenstraßen in Potsdam. Es ist für uns eine richtige Wundertüte geworden.

Müssen Fahrten auch komplett ausfallen?

Das war nur am Anfang bei den Markierungsarbeiten auf der Zeppelinstraße so. Uns hilft jetzt, dass wir sowohl in Bad Belzig als auch in Potsdam eine Einsatzleitung haben, bei der die Fahrer anrufen können, wenn Busumläufe schnell umgeplant werden müssen.

Der Standort in Potsdam stammt noch aus Zeiten, als Potsdam-Mittelmark und das Havelland eine gemeinsame Busgesellschaft hatten. Seit diesem Jahr gibt es aber mit regiobus Potsdam Mittelmark eine Gesellschaft, die nur noch im Landkreis tätig ist. Wird da der Betriebshof in Potsdam Babelsberg, an dem auch die meisten Verwaltungsmitarbeiter sitzen, dauerhaft bestehen bleiben?

Nein. Es gibt die Grundsatzentscheidung des Landkreises Potsdam-Mittelmark. Wir werden uns in überschaubarer Zeit aus Babelsberg komplett zurückziehen und auf den bestehenden Betriebshöfen die Schwerpunkte neu ordnen. Nach unserem Planungshorizont sollen die Maßnahmen im Jahr 2021 abgeschlossen sein. Dabei wird Werder eine ganz große Rolle spielen. Wir haben rund um den bestehenden Betriebshof in den Havelauen 10 000 Quadratmeter zusätzliche Fläche gekauft, um den Betriebshof zu erweitern. Das wird ein Schwerpunkt. Generell werden die Fahrzeuge aus Potsdam natürlich auf allen Betriebshöfen im potsdamnahen Raum verteilt. Wir werden aber nicht mit allen Fahrzeugen Potsdam verlassen, sondern sind mit den Kollegen der ViP in Kontakt, um dort einige Busse für die morgendlichen Fahrten aus Potsdam heraus zu stationieren. Die Gespräche sind bisher positiv.

Wissen Sie schon, was diese Umstrukturierung kosten wird und ob Werder auch der Hauptsitz des Unternehmens wird?

Nein, noch nicht. Die Kosten hängen im Wesentlichen von den Entscheidungen ab, wo der künftige Betriebssitz dann sein wird. Das wird voraussichtlich im ersten Quartal 2018 feststehen. Im kommenden Jahr sollen auch die Planungen für eine neue Werkstatt in Werder beginnen. Sie wird so ausgelegt werden, dass sie eines Tages Elektrofahrzeuge betreuen kann. 

Die Berliner Verkehrsbetriebe haben jetzt den ersten Großauftrag für 45 Elektrobusse ausgelöst. Gibt es auch bei regiobus Pläne für deren Einsatz?

Wir denken über diese Dinge nach. Da unsere Fahrzeuge in einem großen Gebiet unterwegs sind, unser Landkreis ist ja größer als das Saarland, ist das schwierig. Unsere Wagen fahren zum Teil über 600 Kilometer in einer Schicht. Die Batteriekapazität reicht derzeit nicht ansatzweise für solche Leistungen, und wir haben auch keine Chance, Netznachladestellen zum schnellen Aufladen zu schaffen. Dafür ist das Stromnetz vor Ort derzeit an keiner Stelle leistungsfähig genug, das haben wir untersucht. Zudem halten unsere jetzigen Fahrzeuge nicht nur die Grenzwerte ein, sie unterbieten sie sogar deutlich. Seit zwei Jahren haben alle unsere Busse ein Rekuperationsmodul, mit dem sie beim Bremsen Kraft fürs Anfahren sammeln. Den Flottenverbrauch haben wir in den letzten drei Jahren um über zehn Prozent gesenkt. Früher hat ein Gelenkbus 40 Liter Diesel auf 100 Kilometern verbraucht, heute sind wir bei 30 bis 32. Da gleichzeitig auch die Fahrgastzahlen gestiegen sind, haben wir einen Verbrauch pro beförderter Person, von dem ein Elektroauto nur träumen kann. Außerdem sind mit den heutigen Daten in der Gesamtökobilanz Elektrobusse und -autos wirklich keine Öko-Wunder. Der Aufwand, die Fahrzeuge herzustellen und nach drei bis vier Jahren die Batterien zu entsorgen, übertrifft bei Weitem die Einsparungen im Verbrauch. 

Gibt es trotzdem Pläne, Busse mit alternative Antrieben zu kaufen?

Im nächsten Jahr werden wir aber die ersten Hybridfahrzeuge mit Diesel- und Elektromotor anschaffen. Wir testen drei Gelenkbusse, haben aber die Option, 2019 und 2020 bis zu 20 Hybridbusse nachzubestellen. Die sollen dann weniger als 30 Liter verbrauchen. Die Busse kosten zwar gut 10 000 Euro mehr. Wir gehen aber davon aus, das in vier bis fünf Jahren durch die Kraftstoffeinsparung wieder rauszuhaben. Das wäre etwa die halbe Laufzeit von Bussen in unserem Unternehmen.

Das ja noch sehr jung ist. Wie gut hat die Verschmelzung der Beelitzer und der Belziger Busgesellschaft in diesem Jahr geklappt?

So unterschiedlich waren die Unternehmen ja nicht und die Entscheidung war lange bekannt. Wir haben also auch vor der eigentlichen Zusammenlegung versucht, viele Schritte gemeinsam abzugleichen. Das beginnt bei der Fahrzeugbeschaffung und endet bei der Dienstbekleidung und beim Design. Auch die Software war teils unterschiedlich. Früher war es schwer, heute Fahrzeuge zwischen den Betriebshöfen zu tauschen. Bei den in den vergangenen Jahren gekauften Bussen muss dafür nur noch eine Mobilfunkkarte getauscht werden. Es war zwar ein sportlicher Terminkalender mit eineinhalb Jahren für die Unternehmenszusammenlegung, aber wir haben es geschafft. Durch die Bündelung von Kompetenzen sind wir auch einen großen Schritt vorangekommen. Insbesondere im Planungsbereich sitzen unsere sechs Angestellten, die etwa die neuen PlusBus-Netze erarbeitet haben, jetzt zusammen. Die Mitarbeiter sind in vielen Dingen motiviert. Das Miteinander braucht bei einigen aber natürlich auch noch etwas Zeit, das ist ganz normal. Die Kollegen der früheren Beelitzer Gesellschaft hatten ja auch erst die Abspaltung von Havelbus hinter sich und damit viele Veränderungen gehabt.

Stichwort Veränderung: Die Landesregierung hat wegen guter Haushaltslage auch Mehrausgaben für den Nahverkehr beschlossen. Verkehrsministerin Kathrin Schneider hat erstmals auch finanzielle Unterstützung für PlusBusse angekündigt.

Wir sehen das mit einem lachenden und einem weinenden Auge. So werden wir sicher von der PlusBus-Unterstützung partizipieren können. Aber die zunächst geplanten zusätzlichen 45 Millionen Euro sollen ausschließlich an Städte mit Straßenbahnbetrieb und Eberswalde mit dem O-Bus gehen. Die gesamten anderen Landkreise sind da außen vor, was wir mit Sorge sehen.

Die Ministerin hat auch noch nicht gesagt, wie hoch die Förderung für PlusBusse ausfallen soll. Wissen Sie da mehr?

Wir kennen noch keine Details, ein Budget von 1,2 Millionen Euro steht aber im Raum. Am 8. Januar gibt es in Beelitz eine offizielle Inbetriebnahme des neuen Bussystems – auch wenn wir natürlich schon ab Jahreswechsel den neuen Fahrplan fahren. Dazu soll auch die Ministerin kommen und wir hoffen, dass sie uns dann mehr dazu erzählt.

Das Interview führte Enrico Bellin

Regiobus: Das Unternehmen und neue Linienpläne

Die Busgesellschaft Havelbus, an der neben Potsdam-Mittelmark auch der Landkreis Havelland beteiligt war, wurde im Jahr 2015 aufgespalten. Grund dafür war der Streit über die Kostenverteilung. Aus dem mittelmärkischen Teil, der den potsdamnahen Raum bediente, wurde die Beelitzer Verkehrs- und Servicegesellschaft. Zusätzlich blieb die Verkehrsgesellschaft Belzig bestehen, die den Verkehr im Fläming erbrachte. Die Beelitzer Gesellschaft wurde 2016 in regiobus Potsdam Mittelmark umbenannt und in diesem Jahr mit dem Belziger Betrieb fusioniert.

Ab Januar soll das auch an den Linien sichtbar werden: Aus Kloster Lehnin wird erstmals ein Bus direkt in die Beelitzer Innenstadt fahren. Im Gegenzug wird die bisherige Buslinie 643 nicht mehr bis Busendorf fahren, sondern zum Beelitzer Stadtbahnhof. Neu ist auch die Linie X43, die als Expressbus von Beelitz nach Potsdam fahren und nur am Seddiner Bahnhof sowie zwei Mal im Michendorfer Ortskern halten soll. 

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