24.11.2017, 13°C
Themenschwerpunkt:

Teltow

  • 06.11.2017
  • von Sarah Kugler

Insekten als Snack: Proteine mit Flügeln

von Sarah Kugler

Kleine Marktlücke. Die Idee zu den Insektensnacks kam Désirée Niehuss auf einer ihrer Thailandreisen. Auf den Straßen von Bangkok sind geröstete Insekten als Snack weit verbreitet. Da solch ein Streetfood in der Region noch relativ unbekannt ist, sah sie darin ein Geschäftsmodell für ihre Heimat. Fotos: Andreas Klaer

Das Unternehmen „What the bug“ bietet Insekten als knusprigen Streetfood-Snack an - und hoffen, damit als Start-up durchzustarten.

Teltow - Désirée Niehuss isst ihre Insekten am liebsten mit Schokolade. Entweder ganz umzogen oder eingetunkt – der nussige Geschmack von Grillen oder Mehlwürmern kombiniere sich gut mit der Süße. Auch mit Kokosmilch und Reis würden sie gut schmecken. Als Fingerfood seien sie so allerdings nicht so gut geeignet. Die 24-jährige Teltowerin muss es wissen: Seit Februar dieses Jahres betreibt sie gemeinsam mit ihrem Freund das Unternehmen „What the bug“, das Insektensnacks auf Veranstaltungen anbietet.

Die Idee kam Niehuss auf einer ihrer Thailandreisen, wie sie erzählt: „Ich war in Bangkok und da kommt man auf den Straßen an Insekten als Snack gar nicht vorbei.“ Da ein solches Konzept von Streetfood in Teltow und Umgebung noch relativ selten ist, sah sie darin eine gute Geschäftsidee. Bevor sie die allerdings praktisch umsetzen konnte, stand erst einmal viel Recherche an. „Zunächst habe ich nach passenden Produzenten gesucht“, erzählt die studierte Kommunikationsmanagerin. Aus Thailand selbst dürfe man Insekten aus hygienetechnischen Gründen nicht importieren, viele deutsche Anbieter seien recht teuer. Selbstzüchtung wäre zu aufwendig. „Das haben wir probiert, aber die Tiere fressen so viel und auch die Pflege ist super viel Arbeit“, erklärt die junge Unternehmerin.

„Ich habe eine Farm gefunden, die Insekten für die Tierfütterung und die Lebensmittelindustrie züchtet“

Die Lösung lag schließlich in Holland. „Ich habe dort eine Farm gefunden, die sowohl Insekten für die Tierfütterung als auch für die Lebensmittelindustrie züchtet“, erzählt Niehuss. Beide Bereiche seien natürlich streng getrennt. Gerade mal so groß wie ein Einfamiliengrundstück sei das Areal – trotzdem hätten die Insekten viel Platz und alles sei sauber. Artgerechte Tierhaltung also. Eingesammelt werden die Insekten mit einer Art Sieb und dann schockgefroren. „Das geht ganz schnell“, versichert sie. Die Kommunikation mit den Züchtern vor Ort sei auch kein Problem, ihr Freund stammt aus Holland. Niehuss ist in Bonn geboren, in Budapest aufgewachsen und spricht fließend Ungarisch.

Nachdem die Formalitäten mit dem Veterinär- und Gewerbeamt geklärt waren, konnte die Firma starten. „Wir bestellen die Insekten je nach Bedarf und lagern sie dann in Beelitz“, erzählt Niehuss. Die Zubereitung erfolge dann jeweils vor Ort auf den verschiedenen Veranstaltungen. „Uns ist es wichtig, dass die Leute direkt zuschauen und dabei auch Fragen stellen können“, sagt sie. Fragen gebe es nämlich viele. Und oft sei sie mit Vorurteilen konfrontiert. „Wir werden ständig gefragt, ob wir die Insekten bei Fressnapf kaufen oder solche Dinge.“

Knusprig geröstet, mit Schokolade oder Knoblauch - Flügel dürfen mitgegessen werden

Trotz aller Skepsis seien ihre Snacks sehr beliebt. Derzeit bietet „What the bug“ Grillen, Mehlwürmer und Heuschrecken an – Flügel dürfen mitgegessen werden. Gereicht werden die Insekten knusprig geröstet, mit Schokolade oder auch mit Knoblauch. „Wir haben sie auch mal karamellisiert, aber das ging nicht so gut“, erzählt Niehuss. Die meisten Kunden nehmen eine bunte Mischung, Kinder hingegen mögen die Mehlwürmer am liebsten. Überhaupt seien die Jüngsten oft sehr unvoreingenommen und ekelten sich weniger als die Erwachsenen. Im Praxistest gehört tatsächlich ein wenig Überwindung dazu, etwa einer Heuschrecke zunächst in die (toten) Augen zu blicken und ihr dann den Kopf abzubeißen. Geschmacklich sind die Krabbelviecher aber geröstet ein echtes Highlight: Sie schmecken nach Nuss und Chips.

Und gesund sind sie obendrein: Laut dem Bundeszentrum für Ernährung sind die meisten essbaren Insektenspezies reich an hochwertigem Protein, gefolgt von Fett, Ballaststoffen und Kohlenhydraten. Ihre durchschnittlichen Proteingehalte liegen zwischen 35 und 61 Prozent, bezogen auf die Trockenmasse. Einige Vertreter der Grashüpfer, Heuschrecken und Grillen können sogar bis zu 77 Prozent Protein enthalten. Der Fettgehalt liegt hingegen im Durchschnitt zwischen 13 und 33 Prozent. Ihr Energiewert, bezogen auf die Frischmasse, gilt dem von Fleisch vergleichbar. Mit ihren teils hohen Gehalten an ungesättigten Fettsäuren können sie auch mit einigen Fischarten konkurrieren. Je nach Spezies, Alter und Ernährung enthalten sie außerdem Mikronährstoffe wie Kupfer, Eisen, Magnesium, Mangan, Phosphor, Selen und Zink sowie die Vitamine Riboflavin, Pantothensäure und Biotin. Einige Käfer-, Heuschrecken- und Grillenarten sind zudem reich an Folsäure. Experten erwarten zudem, dass Insekten in Zukunft als Fleischersatz bei der nachhaltigen Ernährung der Weltbevölkerung eine wichtige Rolle spielen könnten.

"What the Bug" will Sortiment noch erweitern: um Skorpione und Trantula-Spinnen

Noch ist „What the bug“ ein Zwei-Personen-Unternehmen, nächstes Jahr soll es wahrscheinlich wachsen. Erfolgreich ist das Start-up auch auf dem Teltower Stadtfest (PNN berichteten). Der Stand sei immer gut besucht, erzählt Désirée Niehuss. Die Schlangen würden kaum abreißen. Mit den Krabbel-Snacks war das Unternehmen seit Februar bereits auf rund 50 Veranstaltungen. Auch Catering hat das Unternehmen schon übernommen, zum Beispiel bei den Horrornächten im Filmpark Babelsberg. Viel Zeit für Freizeit bleibt den Unternehmern nicht. „Mit der ganzen Organisation kommen wir auf bis zu 70 Stunden pro Woche“, sagt Niehuss, die ihr Marketing bisher lediglich über Facebook betreibt.

Das Insektensortiment wollen die Firmen-Starter gerne noch erweitern: Mit Tarantula-Spinnen etwa, eventuell auch mit Skorpionen. Angst vor dem Gift müsse dabei niemand haben, selbst der Schwanz der Skorpione könne theoretisch mitgegessen werden. „Ich breche den allerdings ab“, gibt Désirée Niehuss zu. Im Privaten habe sie viele Insektenrezepte ausprobiert. Über dem Salat eignen sie sich gut oder mit Chili. Aber auch eingelassen in Götterspeise seien sie ein Gag – und ein Hingucker allemal.

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!