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Kleinmachnow

  • 30.10.2017
  • von Solveig Schuster

Gemüse fürs Plansoll: 60-jährige Geschichte einer Kleinmachnower Familien-Gärtnerei

von Solveig Schuster

Vor mehr als 60 Jahren gründete Josef Schöwel in Kleinmachnow seine Gärtnerei. Heute helfen seine Enkel mit.

Kleinmachnow - An den Moment erinnert sich Josef Schöwel, als wäre es gestern gewesen. Dabei ist es jetzt schon mehr als 60 Jahre her. An der Friedensbrücke stieg der junge Gärtner damals aus dem Bus, lehnte sich über das Geländer und schaute auf den vor ihm liegenden See. „Hier möchte ich leben“, dachte er sofort. Heute ist der junge Gärtner von damals 87 Jahre alt. Erst kürzlich gab er für die Heimatausstellung im Kleinmachnower Sommerfeld-Haus ein Zeitzeugeninterview. Die Besucher hingen an seinen Lippen und verbrachten Stunden mit dem vor Ort präsentierten Tonband. Der Gärtner schüttelt leicht den Kopf und beugt den Rücken, sodass er noch ein bisschen kleiner wirkt: „Dabei kann ich gar nicht mehr gut erzählen“, meint er.

Im Sudentengebirge, da sei er aufgewachsen, erzählt er dann. Am Abhang eines Berges hatte der Vater ein Haus gebaut. Mit vier oder fünf brachte er sich selbst das Lesen bei. „Alle dachten, ich wär besonders schlau, aber das stimmte nicht“, meint der Rentner. Er sollte Lehrer oder Pfarrer werden, sagte man ihm. Im letzten Jahr des Krieges besuchte er die Lehrerbildungsanstalt. „Schnell wie Windhunde, hart wie Kruppstahl sollten wir werden – das war meine schlimmste Zeit“, sagt der 87-Jährige.

Als im Mai 1945 die sowjetischen Soldaten einmarschierten, zog die Familie fort. Auf einem Gut in der Niederlausitz ließen sie sich nieder. Auf dem Hof habe er gearbeitet, lief barfuß dem Gespann hinterher, erzählt Josef Schöwel. Irgendwann wollten die Füße nicht mehr. Die Lehrerin seiner Schule ermunterte ihn, bei ihr zu hospitieren. „Das hat mir Spaß gemacht“, erinnert sich der Gärtner. Der Schulrat wollte ihn zur Lehrerprüfung schicken, doch dafür war er noch zu jung. „Ich war 16, man musste mindestens 18 sein“, erklärt Schöwel.

Dass er Gärtner wurde, verdanke er einer glücklichen Fügung, erzählt er. Auf dem Arbeitsweg seines Vaters lag eine Gärtnerei: „Er fragte, ob sie einen Lehrling brauchen.“ Vom ersten Tag an habe ihn der Beruf begeistert, sagt Schöwel. Er begann als Gehilfe, zog später nach Berlin, 1955 erhielt er seinen Meisterbrief, da war er 25. „Ich war wohl damals der jüngste Gärtnermeister.“

Über ein Zeitungsinserat kam er schließlich nach Kleinmachnow an den Zehlendorfer Damm. Der Pächter der Schlossgärtnerei hatte einen Nachfolger gesucht. Als Privatgärtnerei der Familie von Hake hatte diese längst ausgedient und war mit der Bodenreform 1947 ins Eigentum der Gemeinde übergegangen. Statt frischer Schnittblumen fürs Schloss baute der Pächter Gemüse zur Planerfüllung der DDR-Oberen an.

Auch Josef Schöwel hatte zunächst den auferlegten Gemüsesoll zu erfüllen. „Es war ein schwerer Anfang“, sagt er heute. Mit Dünger päppelte er den Boden auf, baute an, was gefordert war: Bohnen, Tomaten, Blumenkohl, Schnittlauch oder Fenchel. Mit dem Handwagen fuhr er das Gemüse zur Abnahmestelle ins Speichergelände nach Teltow. „Es war schwierig. Die Kunden bettelten, aber ich durfte nicht verkaufen“, erzählt er. Vor allem seine Gemüsepflanzen waren anfangs sehr gefragt. Es war die Zeit der Selbstversorger. Damals waren die Grundstücke noch viel größer, die Häuser hatten Nutzgärten. „Später teilten viele ihre Flächen, verkauften es als Bauland und sanierten so ihre Häuser“, erzählt der Gärtner.

Schöwel baute das alte Taubenhaus, das auf dem über einen Hektar großen Gartenareal verblieben war, zum Verkaufsstand um, aus stillgelegten Gärtnereien holte er sich ein paar alte Gewächshäuser. Ein neues bekam er nicht. „Immer wieder habe ich eins bestellt, über 30 Jahre lang.“

Auch nach der Kollektivierung in den 1960er-Jahren blieb die Gärtnerei Schöwel ein privater Betrieb und damit abgeschnitten von der Materialversorgung. Die drei großen Gärtnereien hatten sich zu einer Genossenschaft zusammengeschlossen. Der Bürgermeister wollte, dass auch die kleineren eine gründen, erzählt Josef Schöwel. „Als über Nacht drei Gärtner in den Westen geflohen waren, hat er eingesehen, dass das nichts wird und gab auf.“

Die Gärtnerei habe nie viel eingebracht, aber das habe ihn nicht gestört, erzählt Schöwel. Einnahmen gab’s zweimal im Jahr. Während der Pflanzzeit im Frühjahr und im Herbst, zu Advent und Totensonntag. Man musste sehen, dass man mit den Einnahmen im Frühjahr über die Runden kam. Statt Gemüse verkaufte er später Blumen. Doch „viel Schnitt konnte ich nicht anbauen“. Für Winterblumen waren die Häuser nicht geeignet, erklärt er. „Ich habe versucht, schöne Sträuße Ton in Ton zusammenzustellen, aber die Leute wollten ihn quietschbunt“, erzählt er. Mit dem „Schöwel-Strauß“ machte er sich einen Namen.

Schon früh wurde er durch seine vier Kinder unterstützt, heute helfen auch die Enkel schon mit. Seit 1991 wird die Gärtnerei von seiner Tochter, Brigitte Germuhl, geführt. „Ich hatte immer tüchtige Arbeiter“, sagt der 87-Jährige. Alle seine Kinder hätten eine gärtnerische oder floristische Ausbildung abgeschlossen. Verlangt habe er das nie.

Nach der Wende schlossen viele Gärtnereien, der Familienbetrieb Schöwel blieb. „Das erste Mal musste ich einen Juristen kommen lassen“, erzählt der Gärtner. Er hatte mit einem Unternehmensberater einen Vertrag geschlossen. Doch es kam zum Streit. Schöwel hatte sich in Frankfurt am Main von einem Gärtner ein gebrauchtes Gewächshaus geholt, sein heutiges Verkaufshaus. Der Berater war dagegen, doch Schöwel bestand darauf. „Ich dachte, es wird schon noch 20 Jahre halten“, sagt er. Er sollte recht behalten.

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