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Kleinmachnow

  • 14.10.2017
  • von Erik Wenk

Mit 74 Jahren zum Ironman: „Meine Hausärztin weiß davon nichts“

von Erik Wenk

Vor dem Wettkampf. Der Kleinmachnower Helmut Schicketanz will beim Ironman auf Hawaii unter die ersten fünf in seiner Altersklasse kommen. Vorbereitet hat er sich in den vergangenen Monaten beim Triathlon Potsdam e.V. Foto: Sven Schicketanz/privat

Der 74-jährige Kleinmachnower Helmut Schicketanz nimmt zum dritten Mal am Ironman auf Hawaii teil. Der Wettkampf gilt als härtester Triathlon der Welt.

Kleinmachnow/Hawaii - 3,8 Kilometer durchs Meer schwimmen, danach 180 Kilometer Radfahren über 1800 Höhenmeter und zum Schluss ein Marathonlauf über 42 Kilometer – was für die meisten Menschen nach einer übermenschlichen Tortur klingt, ist für Helmut Schicketanz einer der Höhepunkte seines sportlichen Lebens. Der 74-jährige Kleinmachnower startet am Samstag als einer von rund 2300 Teilnehmern beim „Ironman“, dem härtesten Triathlon der Welt.

„Man muss immer Ziele im Leben haben“, erzählt Schicketanz, der schon zweimal am Ironman teilgenommen hat, den PNN am Telefon von Hawaii aus. „Ich wollte wissen, ob ich es schaffe, mit 74 Jahren hier noch mal zu starten.“ Sport habe schon immer zu seinem Leben gehört, egal ob Handball, Joggen, Marathon oder Triathlon: „Ohne Bewegung könnte ich schlecht leben und auch im Alter ist Fitness natürlich wichtig“, sagt Schicketanz, der in diesem Monat 75 wird.

Ein Japaner tritt in der Altersklasse 85 bis 89 an

Und er ist keineswegs der einzige Teilnehmer in der Altersklasse „75 bis 79“, der er zugeordnet wurde; insgesamt 13 Männer sind in der Gruppe. „Es gibt sogar einen Japaner, der für die Altersklasse 85 bis 89 antritt“, sagt Schicketanz und lacht. Er scheint es selbst nicht ganz glauben zu können.

Aber die fitten Senioren sind der Herausforderung gewachsen, denn um sich für den Ironman auf Hawaii zu qualifizieren, muss jeder Teilnehmer zuvor einen anderen Ironman-Triathlon außerhalb Hawaiis in seiner Altersklasse gewinnen – die Besten der Besten sind also hier versammelt. Der Wettkampf auf Hawaii gilt aufgrund der klimatischen Bedingungen als besonders schwer. „Es ist schön warm hier“, berichtet Schicketanz: „30 Grad und 90 bis 100 Prozent Luftfeuchtigkeit.“ Eine gute Woche habe er gebraucht, um sich auf der Vulkaninsel Big Island, wo das Rennen stattfindet, zu akklimatisieren.

In Potsdam 15 bis 25 Stunden pro Woche trainiert

Vorbereitet hat sich Schicketanz in Potsdam. Seit einem halben Jahr hat er als Mitglied des Vereins Triathlon Potsdam 15 bis 25 Stunden pro Woche trainiert. Geschwommen ist er meist im Luftschiffhafen, geradelt auf verkehrsarmen Landstraßen, gelaufen meist im Grunewald oder entlang des Teltow-Kanals. Zusätzlich hat er Krafttraining und Athletik betrieben sowie an vier Mitteldistanz-Triathlons teilgenommen. Zum Glück habe er mit einem guten Freund zusammen trainieren können, sagt er: „Es gibt ja nicht so viele, mit denen man das machen kann, und zu zweit ist es viel einfacher, da kann man sich gegenseitig motivieren.“

Macht der Körper das alles eigentlich noch mit? „Also, nach dem Qualifikations-Ironman in Barcelona hatte ich ein bisschen Muskelkater, sonst nichts“, sagt Schicketanz. „Wir wissen natürlich, dass das nicht mehr gesund ist, was wir hier machen“, räumt er ein. Aber wenn man Lust darauf habe, gesund und trainiert ist, sei es nicht mehr so hart. Bisher habe er jedenfalls kaum Probleme gehabt.

Die Hausärztin weiß nicht Bescheid

Und was sagt seine Hausärztin dazu? „Die weiß das gar nicht“, sagt Schicketanz. Sein Sportarzt allerdings schon – der ist selbst Triathlet. Aus seinem privaten Umfeld erhielt Schicketanz gemischte Reaktionen auf seine erneute Teilnahme: „Einige fanden es ganz toll, andere meinten, ich wäre ja schon immer ein bisschen verrückt gewesen“, erzählt er.

Beim Wettbewerb in Hawaii starten neben ihm noch 200 andere Teilnehmer aus Deutschland – 38 Frauen und 162 Männer. Obwohl alle der 2300 Teilnehmer im Grunde Konkurrenten sind, sei die Atmosphäre zwischen den Sportlern eher familiär, sagt Schicketanz: „Man hilft sich untereinander, auch die Profis sind überhaupt nicht abgehoben.“

Konzentration am Lavafeld

Beim Rennen selbst ist aber jeder auf sich allein gestellt: Die Teilnehmer müssen nicht nur körperlich sondern auch geistig voll dabei sein, um das Rennen schaffen. „Gerade beim Radfahren muss man sehr konzentriert sein, da kann man nicht mehr träumen, sonst liegt man ganz schnell abseits der Fahrbahn im Lavafeld“, sagt Schicketanz. Und wie ernährt man sich, wenn man stundenlang auf dem Rad sitzt? „Es gibt Verpflegungseinheiten entlang der Strecke, und ich habe am Rad ein Kohlenhydrate-Konzentrat, das ich zusammen mit Wasser zu mir nehme.“ Der Marathon sei der schwerste Teil, da er die letzte Disziplin ist.

Der Zieleinlauf in Kailu-Kona entschädige dafür: „Da sind natürlich sehr viele Zuschauer, die einen anfeuern, es ist eine wahnsinnig tolle Atmosphäre“, sagt Schicketanz. Und jeder, der das Ziel erreicht, werde vom Moderator über Lautsprecher mit den Worten begrüßt: „You are an Ironman!“ Selbst der letzte, der eintrudelt, wird frenetisch bejubelt, eine Medaille bekommen alle, die es überhaupt ins Ziel schaffen – definitiv angemessen.

„Man will ja immer ein bisschen besser werden“

2012 war Schicketanz mit 15 Stunden 21 Minuten und 28 Sekunden auf Platz 1782 der Gesamtwertung gelangt, in der Altersklasse 70 bis 75 kam er unter die ersten zehn. „Aber man will ja immer ein bisschen besser werden“, sagt er, dieses Mal möchte er unter 15 Stunden bleiben und in seiner Altersklasse unter die ersten fünf gelangen. Für möglich hält er das: „Ich glaube, ich bin ganz gut trainiert, das könnte ich schon schaffen.“ Trotzdem bleibt Schicketanz realistisch, was die Zukunft angeht: Bis zum Umfallen wolle er nicht antreten. „Mir haben schon Leute gesagt: Ach, mit 80 bist du auch noch dabei!“, sagt Schicketanz: „Aber ich denke, das wird das letzte Mal sein.“

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