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  • 07.10.2017
  • von Gerold  Paul

Von Sprache und Sprachen besessen

von Gerold  Paul

Sprachgenie Emil Krebs reiste im Auftrag des Kaisers im 19. Jahrhundert nach China. Seite letzte Ruhestätte fand er auf dem Stahnsdorfer Südwestkirchhof

Stahnsdorf - Wer Emil Krebs auf dem Südwestkirchhof in Stahnsdorf sucht: Er liegt gleich gegenüber von Heinrich Zille, im Epiphanias-Block – in bester Gesellschaft also. Dass jemand den Sinologen und kaiserlichen Legationsrat Emil Krebs (1876- 1930) auf dem Friedhof besuchen will, dürfte aber eher selten vorkommen. Denn obwohl Krebs in seiner Heimat Schlesien geschätzt wird und man auch aus China viel Anerkennung hört, ist das Sprachgenie in Deutschland eher unbekannt. Sein Großneffe Eckhard Hoffmann aus Golm versucht das seit einigen Jahren zu ändern.

Krebs, dieser kleingewachsene, aber sehr manierliche Mann, beherrschte 68 Sprachen in Wort und Schrift perfekt. Dazu studierte er gut vierzig weitere, wie es seine 3500 Bände fassende Bibliothek in Berlin auswies. Zum Vergleich: Der italienische Kardinal Guiseppe Mezzofanti (1774-1849) kam auf 57 Sprachen, von denen er „nur“ 38 tatsächlich zu sprechen verstand. Der US-Amerikaner und Sprachschulgründer Maximilian Delphinus Berlitz (1852- 1921) brachte es auf 58 der weltweit 2796 gezählten Sprachen. Somit dürfte der Deutsche – ausgenommen das Ur-Ereignis der biblischen Apostelgeschichte, die alle „Zungen“ öffnet – der Sprach-Weltmeister aller bekannten Zeiten sein.

Durch seinen 25 Jahre dauernden China-Aufenthalt bis 1917 war er zudem als Dolmetscher an allen politisch-diplomatischen Entscheidungen bei der Besetzung der Kiautschou-Region 1897 durch das Deutsche Kaiserreich beteiligt. Kein chinesischer Beamter konnte eine Fremdsprache. Krebs hingegen beherrschte nicht nur das amtliche Chinesisch, sondern auch die linguistischen Feinheiten beim höflichen Umgang miteinander. Hof-Etikette also, die kulturelle Seite der Sprache. Außerdem etliche Dialekte, und die Sprache der nahen und der weiteren Nachbarschaft: Japanisch, Koreanisch, Uigurisch, Mongolisch, Tibetanisch, Burjatisch, um nur einige zu nennen; von anderen, wie Aramäisch, Sumerisch, Griechisch und Latein ganz abgesehen.

Das brachte Krebs bis in die jüngste Vergangenheit Bewunderung aus dem Reich der Mitte ein. Sogar hohe Beamte suchten seinen grammatischen Rat. Und so ein bedeutender Mann, der zudem neben etlichen Aufsätzen über den Stand des Rechtswesens in etlichen Ländern auch noch ein umfangreiches Standardwerk von Wilhelm Grube über das Chinesische Schattenspiel transkribierte und vollendete, soll einfach vergessen sein?

Nicht, wenn es nach Hoffmann geht. Der 1941 geborene Großneffe Emil Krebs’ hat das 1930 in Berlin an einem Hirnschlag verstorbene Genie zwar selbst nicht mehr erlebt. Von seinen Großeltern hörte er aber manch staunenswerten Bericht über ihn – und vergaß sie wieder. Bis er 2003 von Nordrhein-Westfalen, wo er bei einer großen Versicherungsfirma als Buchhalter arbeitete, nach Potsdam-Golm zog und einen Zeitungsartikel über den Stahnsdorfer Südwestkirchhof fand, welcher zu Krebs’ Lebzeiten noch direkt zu Berlin gehörte. Nachdem er in der Prominentenliste auch dessen Namen fand, war sein Interesse geweckt.

„Ich schrieb alles auf, was ich über ihn fand“, denn „so eine Persönlichkeit kann man doch nicht einfach verschwinden lassen!“ Zumal vieles, was bei den Friedhofsführungen erzählt wurde, nach Hoffmann „eher ins Reich der Legenden gehört“. Er recherchierte im Historischen Archiv Krupp der Alfried-Krupp-von- Bohlen-und-Halbach-Stiftung Essen, in der Staatsbibliothek Berlin, aber auch im Hirnforschungszentrum zu Düsseldorf, wo Krebs’ Bestes als sogenanntes Elitegehirn erforscht wurde und wird. Zeitungsartikel, Fotoalben und Privatbriefe kamen hinzu. Wohl dem, der alles aufhebt.

Und so baute der Großneffe ein internationales Netzwerk auf. Er knüpfte Kontakte zum Auswärtigen Amt – wo noch immer eine der drei Personalakten von Krebs liegt –, zu etlichen Universitäten sowie auch nach Schlesien, wo er und sein Großonkel geboren sind und bei Historikern und Institutionen ein großes und gepflegtes Interesse am deutschen Polyglott besteht. In seiner Heimat hat man vor einigen Jahren das touristische Potential des Diplomaten entdeckt. Derzeit ist eine Wanderausstellung dort unterwegs. Im November wird sie auf dem Südwestkirchhof zu sehen sein.

Hoffmann hält überall Vorträge, ist an Buchpublikationen beteiligt, schreibt Artikel, gibt Interviews in Rundfunk und Fernsehen, hat eine Sammlung von mehr als hundert Originalfotos von damals zusammengetragen – einen vorbildlicheren Großneffen kann man sich unmöglich denken.

Die „Ernte“ für seinen Fleiß ließ nicht lange auf sich warten: Das Auswärtige Amt zum Beispiel war ein starker Helfer. Über dessen Homepage meldete sich eine chinesische Studentin, die ihre Masterarbeit über Krebs schrieb, nach Deutschland kam und über die aktuelle Krebs-Rezeption in ihrer Heimat berichtete. Melinda Kovacs-Mosbacher aus Kleinmachnow erstellte einen deutschen und einen polnischen Comic über Emil Krebs für Schulen, wobei in Polen längst zu Krebs unterrichtet wird. Die Auseinandersetzung mit dem Vielsprachler lohnt sich in jedem Fall. Schon bei seinem Abitur beherrschte der Autodidakt „durch Begabung und sehr viel Fleiß“ (Hoffmann) ein dutzend Sprachen. Er hätte eigentlich immer ein Buch vor der Nase gehabt, berichtet Hoffmann, lernte ohne Unterlass – manchmal zum Ärger seiner Vorgesetzten.

Geboren ist Krebs in Esdorf, dem heutigen Opoczka bei Swidnica, als eines von neun Geschwistern. Er studierte Jura und Theologie, ging dann in den Staatsdienst, gleichwohl er die ganz steile Karriere scheute. So lehnte er etwa das Konsulatsexamen ab. Seine Ernennung zum Legationsrat 1912 erfolgte per kaiserlichen Ritterschlag in Potsdams Neuem Palais. Eine akademische Anstellung in den zwanziger Jahren zerschlug sich, weil Krebs auf feste Bezüge beim Auswärtigen Amt nicht verzichten wollte. Krebs war verheiratet, galt aber als eigen. Dabei konnte er auch ausgelassen sein: Als in einer Gesellschaft mal Goethes berühmtes Zitat aus „Götz von Berlichingen“ fiel, übersetzte er die anzügliche Aufforderung flugs in 40 Sprachen. „Er vermochte aber auch in 45 Sprachen zu schweigen“, berichtete einst eine Zeitgenossin.

Wozu überhaupt diese vielen Sprachen, wenn man mit der Hälfte auch schon auskommt, Ruhm und Dankbarkeit erntet? Krebs wollte möglichst viele Kulturen mittels Sprache erforschen. Er meinte einmal, dass eigentlich alle Sprachen auf eine einzige zurückgeführt werden könnten. So steht es auch in der Bibel. Biblisch gesehen ist der Heilige Geist für alle Sprachbelange zuständig. Fraglich also, ob die moderne Gehirnforschung angesichts Krebs’ „Elitegehirns" letzte Klarheit bringen wird. Bekanntlich korrespondiert Geist ja nur mit Geist – und Sprache ist Geist.

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