19.10.2017, 15°C
  • 06.10.2017
  • von Solveig Schuster

Teltow: Potsdam-Mittelmark: Geflüchtete in der Arbeitswelt

von Solveig Schuster

Von vorne anfangen: Semir Abdu (r.) hat in seiner Heimat Eritrea bereits als Schweißer gearbeitet. Eine Ausbildung konnte er in Deutschland zunächst nicht machen. Er absolvierte ein Praktikum und erwarb einen internationelen Schweißerpass. Foto: A. Klaer

Die Integration von Flüchtlingen im Kreis Potsdam-Mittelmark kommt voran. Am Haupthemmnis für einen Job auf dem Arbeitsmarkt in der Region aber hat sich nichts geändert.

Teltow - Mit ruhiger Hand legt Semir Abdu das Messgerät ans Gewinde, ein prüfender Blick auf die danebenliegende Zeichnung, dann nickt der 23-Jährige. „Am Anfang war es etwas schwierig, die Zahlen und Zeichnungen zu lesen“, erklärt der junge Mann. Inzwischen gehe es aber schon viel besser.

Vor drei Jahren kam Semir Abdu mit einem kleinen Flüchtlingsboot aus Eritrea, strandete zunächst an der Küste Italiens, bevor ihn sein weiterer Weg nach Deutschland führte. Er wohnte im Teltower Übergangswohnheim, wartete wie viele seiner Landsleute zunächst auf seine Aufenthaltserlaubnis. Heute lebt der junge Mann mit einem Freund in einer eigenen Wohnung in Kleinmachnow, seit drei Monaten hat er einen festen Job. Arnold Ruf, technischer Geschäftsführer der Firma Mohr Präzisionsteile in Teltow, sagt: „Wir hatten von Anfang an einen positiven Eindruck.“ Der 23-Jährige ist ein Erfolgsbeispiel für gelungene Integration und das funktionierende Zusammenspiel der Institutionen und Behörden, erklärt der Fachbereichsleiter des mittelmärkischen Jobcenters Maia, Bernd Schade.

Zum Jahresende könnten zehn prozent der Geflüchteten in Potsdam-Mittelmark eine Arbeit haben

Derzeit würden in den Jobcentern in Potsdam-Mittelmark rund 770 der derzeit knapp 1400 Geflüchteten im Kreis betreut. Um 150 von ihnen, die bereits über ein Sprachniveau von B1 verfügen, kümmern sich intensiv drei Jobcoaches, die im Juli dieses Jahres im Rahmen der Zuwanderungsstrategie des Landkreises in Bad Belzig, Teltow und Werder (Havel) eingestellt worden sind. Dort würden die meisten der rund 400 Bedarfsgemeinschaften leben. 80 Prozent kämen aus Syrien, acht Prozent aus Afghanistan und sechs wie Semir Abdu aus Eritrea.

Für die Migranten sei es noch immer nicht leicht, in Deutschland einen Job zu finden, der es ihnen ermöglicht, ihren Lebensunterhalt selbst zu verdienen, sagt Schade. Ziel der Maia sei es aber, durch die Jobcoaches 25 Prozent der 150 individuell betreuten Teilnehmer in eine Ausbildung oder sozialversicherungspflichtige Beschäftigung zu vermitteln. Zum Jahresende sollen insgesamt mindestens zehn Prozent der erwerbsfähigen Flüchtlinge mit Aufenthaltstitel in den Arbeitsmarkt integriert sein, erklärt er. Das Ziel scheint greifbar. Aktuell liege die Quote bereits bei 9,4 Prozent.

„Viele Geflüchtete kommen ohne formalen Abschluss“

Doch ohne enge Kooperation mit Partnern ginge es nicht. „Viele Geflüchtete kommen ohne formalen Abschluss“, erklärt Schade. Willkommenslotsen bei der Handwerkskammer zeigen den Geflüchteten beispielsweise, welche Möglichkeiten es auf dem Arbeitsmarkt gibt und spüren gemeinsam mit den Arbeitssuchenden Interessen und Fähigkeiten auf. Jobs finden sie vor allem dort, wo hoher Bedarf besteht, in der Metall- und Elektrobranche, als Maler oder Tischler.

Auch Semir Abdu, der in seiner Heimat bereits als Schweißer gearbeitet hatte, kam über diesen Weg zum Job. Auch er hatte keine Unterlagen bei sich. Eine Ausbildung, wie zunächst geplant, war ihm so nicht möglich. Über die Willkommenslotsen erhielt er Einblick in die deutsche Berufswelt. „Es gibt so viele Berufe in Deutschland, ich wollte erst einmal alle kennenlernen“, sagt Abdu. Schließlich entschied er sich für die Metallbranche. Er absolvierte ein Praktikum und erwarb einen internationalen Schweißerpass. Seine ersten Erfahrungen sammelte er bei einer Großbeerener Anlagen- und Metalltechnik-Firma, bevor er vor drei Monaten nach Teltow kam. „Wir haben gesagt, wir fackeln nicht lange rum und probieren es aus“, sagt Technik-Chef Arnold Ruf. Zurzeit sei es Aufgabe des 23-Jährigen, die Produktion aufrechtzuerhalten, produzierte Teile auf Maßgenauigkeit zu prüfen, Maschinen abzubauen, so Ruf. Später soll er die Maschinen jedoch auch selbst bedienen können.

Sprache und Arbeitswelt: Fachbegriffe bereiten oft Probleme

Eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker, die Abdu weitere Entwicklungsmöglichkeiten biete, sei im Anschluss an den zunächst auf zwei Jahre befristeten Vertrag aber erklärtes Ziel. „Wir benötigen dringend Fachkräfte“, sagt Mohr-Geschäftsführer Gerhard Mohr. Das Unternehmen habe mittlerweile Probleme, Termine zu halten, weil die Kapazitäten nicht da sind. Eine zusätzliche Maschine sei schnell gekauft, aber was nutzt sie ohne Personal, klagt Arnold Ruf. Noch mindestens zwei Zerspanungsmechaniker benötige das zurzeit 15-köpfige Team, bislang verlief die Suche jedoch erfolglos. Der Betrieb bildet sich seine Leute selber aus, vier Azubis sind es derzeit. Doch nicht alle bleiben. „Von unseren letzten Auszubildenden blieb einer übrig, einer ging sogar noch im letzten Ausbildungsjahr“, erzählt Ruf.

Wie der Firma gehe es vielen Handwerksbetrieben, sagt Katja Wolf, Pressesprecherin der Potsdamer Handwerkskammer. „Die Leute suchen wie verrückt“, erklärt sie. Die größte Herausforderung bei der Integration von Geflüchteten in den Arbeitsmarkt sei nach wie vor die Sprache. Vor allem die Fachbegriffe bereiteten anfangs Probleme, seien aber unabdingbar, um bestimmte Jobs überhaupt ausführen zu können. Technik-Chef Ruf bestätigt: „Wir fertigen nach komplexen Zeichnungen unserer Kunden.“ Semir Abdu lernt nun, sie zu lesen und umzusetzen.

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!