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  • 05.10.2017
  • von Enrico Bellin (mit dpa)

Eine halbe Ernte

von Enrico Bellin (mit dpa)

Einsamer Apfel. Das regionale Obst wird wegen der schlechten Ernte fast nur noch direkt vermarktet. Foto: Carmen Jaspersen/dpa

Werders Obstbauern haben 50 bis 70 Prozent weniger Äpfel an den Bäumen als im Vorjahr und hoffen auf Landeshilfen. Im Großhandel werden die Preise wohl um bis zu einem Drittel steigen

Werder (Havel) - Die Werderaner Bauern können in diesem Jahr höchstens halb so viele Äpfel ernten wie im Vorjahr. Bei einigen von ihnen sind die Verluste sogar noch dramatischer. Zwar ist die Ernte erst in knapp zwei Wochen abgeschlossen. Die Verluste sind aber so extrem, dass einige Sorten wahrscheinlich schon vor dem Jahreswechsel ausverkauft sein werden. Auch die Preise werden wohl deutlich steigen.

Obstbauer Stefan Lindicke spricht von etwa 50 Prozent Ernteausfällen im Vergleich zum Vorjahr. Schuld sind, wie bereits im Sommer bei den Kirschen, hauptsächlich die langen Frostnächte im Frühjahr. „Jonagold und Boskop sind besonders hart getroffen“, so Lindicke. Elstar und Gala hätten das Wetter besser vertragen, lägen aber auch deutlich unter dem Ernteschnitt. Ebenso Sorten wie Pinova oder Rubinette, die hauptsächlich in die regionale Vermarktung gehen.

Noch stärker getroffen hat es die Plantagen von Thomas Giese, der mit seiner Firma Havelfrucht auf etwa 70 Hektar Fläche Äpfel anbaut. „Ich gehe insgesamt von etwa 70 Prozent Ernteausfall aus“, so Giese, wobei einzelne Lagen deutlich stärker betroffen seien als andere. Die dramatischen Ausfälle seines Hauptproduktes seien nur zu kompensieren, weil seine Firma der Schoonhoven-Gruppe angehört, die auch Dienstleistungen wie Vermarktung und Vertrieb anbietet.

Anders bei Lindicke, der auf schnelle Hilfen des Landes hofft. „Wir brauchen Unterstützung, die eigentlich schon in den kommenden zwei bis drei Monaten ausgezahlt werden muss.“ Schließlich habe keine andere Obstsorte in diesem Jahr mit guten Erträgen die Verluste ausgleichen können, wie es in anderen Jahren oft der Fall sei. Die Selbstpflücke von Äpfeln sei in Werder gar nicht mehr angeboten worden. „Es geht bei uns und vielen anderen jetzt an die Substanz.“ Schließlich müssten die Bauern im Herbst vorbereitende Maßnahmen wie etwa Düngungen durchführen, die sich einige nicht leisten können.

Nach Angaben des Sprechers des Agrarministeriums, Jens-Uwe Schade, wird derzeit eine Richtlinie vorbereitet, nach der die Bauern finanzielle Unterstützung erhalten sollen. Wann diese fertig sein wird, ist aber noch nicht klar. Die Landesregierung habe sich bereits im August grundsätzlich darauf verständigt, die Landwirte mit den Sorgen nicht allein zu lassen, sagte er. Schäden werden jedoch nicht zu 100 Prozent ausgeglichen, betonte er. Stefan Lindicke bezeichnete diese Hilfen eher als „Schuss ins Blaue“, da kein Wert für eventuelle Hilfen dahinter gestanden habe. Er hofft, dass sich das Land und der Gartenbauverband nun auf unbürokratische, schnellere Hilfe einigen können.

Wer Werderaner Äpfel kaufen möchte, kann das aber trotz der geringen Erntemenge weiterhin bis in das kommende Jahr hinein auf Wochenmärkten oder in Hofläden tun. „Dafür reicht die Erntemenge, wir werden aber den Zwischenhandel und die Großmärkte kaum noch bedienen“, so Lindicke. Die Sortenvielfalt werde deutlich eingeschränkt sein. Auch würden die Äpfel womöglich nicht wie sonst bis ins späte Frühjahr hinein reichen. Spannend werde nun, woher die Äpfel dann kommen und wie sich die Warenströme generell entwickeln. Da die Situation für alle Bauern neu sei, sei auch noch unklar, wie sich die Preise bei den örtlichen Bauern entwickeln.

Für die Äpfel im Großhandel geht Petra Lack, Geschäftsführerin der Werder Frucht GmbH, aufgrund der Ernteausfälle von Preissteigerungen zwischen einem Viertel und einem Drittel aus. Auch ihr Unternehmen gehört zur Schoonhoven-Gruppe. „Genau können wir die Steigerung aber noch nicht abschätzen, da noch unklar ist, welche Apfelmengen genau in den Handel kommen. Auch die Werder Frucht gehe für Brandenburg etwa von der Hälfte der Erntemenge aus. Der Landesgartenbauverband schätzt die Erntemenge knapp darüber (s. Kasten). „Wir arbeiten aber auch mit Landwirten in Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Thüringen zusammen“, so Lack. Dort sei die Ernte deutlich besser verlaufen, in Mecklenburg-Vorpommern etwa lägen die Ausfälle lediglich bei 20 Prozent. „Brandenburg wurde von den neuen Bundesländern eindeutig am härtesten getroffen“, so Lack. Auch die Äpfel aus anderen Bundesländern werden unter der Marke Werder Frucht im Supermarkt verkauft, für den Konsumenten würde aber die Herkunftsregion auf die Beutel gedruckt. Einige Supermärkte gingen Lack zufolge aufgrund der veränderten Bedingungen schon zu kleineren Verpackungen über. Enrico Bellin (mit dpa)

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