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  • 12.09.2017
  • von Martin Anton

Urzeitfunde in Werder: Der Schatz im Untergrund

von Martin Anton

Bodenschätze: Urzeitliche Spuren in Werder lassen sich durch Funde im Boden nachweisen, zum Beispiel durch Blattabdrücke in diesem Bernstein. Foto: K. Heinemann

Kai Heinemann sammelt urzeitliche Spuren in und um Werder. Sein Buch liefert spannende Einsichten aus der Zeit von vor 12.000 Jahren.

Werder (Havel) - Die Jäger kommen nur mühsam voran. In der Nacht hatte es wieder geschneit. Durch den hohen Pulverschnee durchqueren sie die jungen Birkenwälder auf der Landzunge zwischen Wublitz und Havel. Auf dem Weg zum Sumpf entdecken sie im Dickicht eine Rentierfährte. In Felle gehüllt und mit Speeren bewaffnet pirschen sich die Männer an die Herde heran.

Werders Erben aus der grauen Vorzeit

So oder so ähnlich könnte es ausgesehen haben vor 12.000 Jahren im Wolfsbruch, dem heutigen Naturschutzgebiet im Norden von Werder (Havel). Zumindest wenn man den Potsdamer Biologen Kai Heinemann fragt. Der gebürtige Werderaner hat Ökologie und Naturschutz studiert, interessiert sich aber schon seit der Grundschule für Archäologie, Paläontologie und Naturgeschichte. Jetzt hat er ein Buch über die weit zurückliegende Vergangenheit seiner Heimat herausgebracht: „Geheimnisse der Urgeschichte – Werders Erbe aus der ,grauen Vorzeit’“.

Das Buch ist das Ergebnis von 14 Jahren Recherche. Während seines Studiums hatte Heinemann begonnen, sich in die Materie einzulesen. „Je mehr ich in das Thema eintauchte, desto mehr Fragen ergaben sich“, sagt er heute. Also las er weiter. Er suchte und sammelte. In Kies-, Sand- und Tongruben, auf Feldern und Äckern in der Region um Werder. Seine Funde sind auf den 130 Seiten des Buches dokumentiert.

Der Schatz im Untergrund

Die Bilder zeigen Steine die Gletscher vor hunderttausenden von Jahren hier herbrachten. In plessow fand Heinemann beispielsweise fossile Seelilienglieder aus dem Jura. Vor etwa 150 Millionen Jahren war der größte Teil Brandenburgs von Meer überflutet. Zu seinen Lieblingsfundstücken gehören ein Bernstein, den er bei Glindow gefunden hat, sowie ein Gehäuse der Süßwasserschnecke „belgrandia germanica“, die während der letzten Warmzeit vor der heutigen, der Eem-Warmzeit, vor etwa 120.000 Jahren, hier vorkam. Insgesamt, so steht es im Buch, wurden bisher aus dieser Zeit für Werder und Umgebung 71 Weichtierarten, Schnecken und Muscheln, nachgewiesen. „Im Untergrund unserer Region schlummert ein sagenhafter Schatz“, sagt Heinemann.

Von seinen archäologischen Funden hebt der Hobby-Paläontologe die Gerätschaften der Alt- und Mittelsteinzeit hervor: Stichel, Pfeilköpfe und andere Bestandteile von Werkzeugen und Waffen. „Versteinerte Pflanzen und Tiere, die vor Millionen von Jahren hier lebten, und die Hinterlassenschaften der früheren Kulturen zeigen auf spannende Weise, wie Evolution funktioniert“, erklärt Heinemann seine Faszination für die urzeitlichen Funde.

Vor 12.000 Jahren verschwand das Wollnashorn

Apropos versteinerte Tiere: Funde aus Phöben zeigen Spuren von noch weitaus größeren urzeitlichen Säugetieren. Zähne von Wald- und Wollnashörnern und einem Steppenmammut zeugen davon. Das Gras fressende Wollnashorn war bis zu 3,60 Meter lang und konnte bis zu drei Tonnen schwer werden. Es verschwand vermutlich vor etwa 12.000 Jahren von der Erde.

Heinemanns Faszination für die Urgeschichte begann in der ersten Klasse. Damals brachte die Klassenlehrerin einen Donnerkeil, das fossilierte Innenskelett eines ausgestorbenen Kopffüßers, mit in den Unterricht. Die Schüler sollten – noch ohne Internet und Google – herausfinden, was ihre Lehrerin ihnen da von der Ostsee mitgebracht hatte. Heinemanns Interesse war geweckt. Im Studium unternahm er Exkursionen um Potsdam und zur Ostsee mit einem Paläontologie-Dozenten. Heinemann stellten sich Fragen nach dem, was vor uns war: „Wie ist unsere Heimat entstanden? Wer waren unsere Ahnen? Wo liegen die Ursprünge unserer Kultur?“ Antworten darauf, sagt er, fänden sich fast ausschließlich im Erdreich.

Der Wolfsbruch birgt Geheimnisse

Zurück zu den Rentierjägern: Im Wolfsbruch liegen laut Heinemann die ältesten archäologischen Fundschichten der Region. „Zum Glück“, so der Biologe, könne man dieses aber nicht sehen. Er befürchtet, sonst würden Artefaktjäger dort ihr Unwesen treiben. Einen gesicherten Nachweis über die Anwesenheit spätzeitlicher Rentierjäger der sogenannten „Hamburger Kultur“, wie in der Jagdszene eingangs beschrieben, gibt es für Werder nicht. Doch: „Mit Sicherheit streiften auch diese Menschen durch unsere Region“, glaubt Heinemann. „Sie aufzuspüren, ist eine spannende Herausforderung für die nächsten Jahre.“ Nach derzeitigen Erkenntnisstand durchstreiften laut Heinemann als Erstes späteiszeitliche Waldjäger der Federmesser-Kulturen vor etwa 11.500 Jahren die hiesigen Gefilde.

Ein weiterer interessanter Ort sind laut Heinemann die Petzower Tongruben. Das dort freigelegte Erdreich zeigt eine Linienstruktur, die auf das Auftauen und Gefrieren in Permafrostschichten zurückzuführen ist. Es finden sich vor allem Sedimente der Saale-Kaltzeit vor etwa 200.000 Jahren. Jahrtausende alte Spuren, an denen die meisten Menschen vorbeigehen, ohne sie zu erkennen. Kai Heinemann hat sie festgehalten und aufgeschrieben. Damit man sich vorstellen kann, was damals um Werder geschah.

Kai Heinemann: Geheimnisse der Urgeschichte – Werders Erbe aus der „grauen Vorzeit“. 35 Euro, bei Hellmich in Werder, Internationales Buch in Potsdam oder per Mail: heinemannnatur@gmail.com.

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