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Kleinmachnow

  • 20.06.2017
  • von Solveig Schuster

Kleinmachnow: Hakeburg könnte bald wieder schließen

von Solveig Schuster

Die um 1906 errichtete Hakeburg auf dem Kleinmachnower Seeberg ist beliebtes Fotoobjekt. Zehn Jahre nach dem Kauf will ein Investor in dem denkmalgeschützten Haus Eigentumswohnungen errichten. Foto: Manfred Thomas

Der Kleinmachnower Heimatverein bietet Führungen durch die Hakeburg auf dem Seeberg an. Bald könnte es das letzte Mal sein, denn der Investor hat exklusive Pläne.

Kleinmachnow - Überall kleine weiße Zettel. Wie übergroße Konfettis kleben sie auf dem grauen Steinboden. Im Schein der Taschenlampe bilden sich, verblasst, doch lesbar, Buchstaben und Zahlen ab: Strudel mit Eis, Tisch 401, gemischtes Eis mit Sahne, Cola. „Das ist ja interessant“, sagt Marianne Bastian und beugt sich tiefer. Zwischen den Restaurantquittungen hat sie einen Meldeschein entdeckt. „1967“, liest sie und fährt mit dem Finger über das mit Kugelschreiber aufgetragene Datum. „Den nehme ich mal mit“, meint die Mitarbeiterin des Kleinmachnower Heimatvereins und wendet sich zum Gehen.

Gut sieben Meter unter der Erde im unteren von zwei doppelten Kellergeschossen der denkmalgeschützten Hakeburg wurden in einer Kühlzelle am Ende eines langen Bunkergangs Kisten mit alten Hotel- und Gastronomie-Belegen gefunden. Doch bevor sie geborgen werden konnten, hat sie „irgendjemand einfach ausgekippt“, erklärt Bastian. „Purer Vandalismus.“ Auch auf der Treppe vor dem Haus sind frische Schmierereien aufgekritzelt. Zwar habe der Eigentümer einen Wachdienst beschäftigt, doch dagegen, dass immer wieder junge Leute das Areal für sich beanspruchen, teils randalieren, könne dieser nicht viel tun, sagt der Heimatforscher Rudolf Mach.

Exklusive Eigentumswohnungen in der Hakeburg geplant

Seit etwa einem Jahr bietet der Kleinmachnower Heimatverein an zwei Sonntagen im Monat kostenlose Führungen durch den zwischen 1906 und 1908 für die Familie Dietloff von Hake errichteten Adelssitz auf dem Seeberg an. Die Nachfrage ist groß, denn schon bald könnten sich die Türen der seit zehn Jahren leer stehenden Burg für Besucher wieder schließen. Der französische Investor Nicolas Tomassini, der das Haus 2006 von der Deutschen Telekom erworben hatte, will in dem denkmalgeschützten Bau exklusive Eigentumswohnungen errichten (PNN berichteten). Die Vereinbarung zwischen Verein und Investor laufe regulär zum Jahresende aus, sagt Mach.

Am vergangenen Sonntag war jedoch Geduld gefragt. Weil der Eigentümer das Haus für mehrere Stunden an Hobbyfotografen vermietet hatte, verschob sich der vom Verein angebotene Rundgang. Marianne Bastian verkürzte den Wartenden die Zeit, indem sie einen Blick in die gegenüberliegende Remise zuließ. Zu Lebzeiten der Hakes waren hier Bedienstete, Kutsche und Pferde und später Gäste der SED-Bezirksregierung Potsdam untergebracht. Heute türmt sich hinter den großen Stalltüren und in den heruntergewirtschafteten Zimmern der Sperrmüll. „Es ist schade, wenn das alles verfällt“, sagen Petra und Lutz Marquardt. Beim Spaziergang um den nahe gelegenen Machnower See hatten die beiden Teltower den einst von Architekt Bodo Ebhardt nach dem Vorbild der elsässischen Hohkönigsburg entworfenen Wohnsitz entdeckt.

Das Gelände wurde zu Forschungszwecken hermetisch abgeriegelt

Wer genau hinschaut, könne seine Initialen im Gemäuer entdecken, sagt Bastian und weist auf eine Wand neben dem Eingangstor. Nachdem Familie von Hake einige Jahrzehnte auf dem Seeberg gewohnt hatte, verkaufte Dietloff von Hake die Burg 1937 an die Deutsche Reichspost, die das mehr als 34 000 Quadratmeter große Gelände zu Forschungszwecken hermetisch abriegelte. Weitestgehend verschlossen blieb es auch später, als die SED dort hochrangige Politiker beherbergte.

Lediglich das Untergeschoss hat die Zeiten überdauert. Hinter der Eingangstür empfängt ein offenes Entree den Besucher, der von dort in den ehemaligen Speisesaal und weiter in die Küche gelangt. Im dahinterliegenden Teezimmer wird es bedächtig still. Hier unter dem Turm war es möglich, alle Gespräche im Haus mit anzuhören, erzählt Marianne Bastian.

Zurück im Foyer steigen die etwa ein Dutzend Besucher über die große Freitreppe nach oben und schlürfen über den grauen, weichen und gut gedämmten Linoleumboden. Auf der Etage, wo einst Michael Gorbatschow, Yassir Arafat und Fidel Castro nächtigten, wurden später Ehepaare getraut. Die Malereien an der Wand zeugen noch aus dieser Zeit. Ein weißer Sockel, darauf ein imposantes Blumenbouquet, darüber sind zwei in sich verschlungene goldene Ringe aufgemalt. „Hier stand der Tisch des Standesbeamten“, erklärt Bastian und stellt sich vor die bemalte Wand. 580 Trauungen sollen dort zwischen 1995 und 2006 vollzogen worden sein. Um die Burg für den Hotelbetrieb herzurichten, waren vor allem in den oberen Etagen viele Zwischenwände eingezogen worden, erklärt die Burg-Führerin. 99 Toiletten und ebenso viele Zimmer soll es einst auf den 3500 Quadratmetern Wohnfläche gegeben haben.

Keine Fotos aus der SED-Zeit

„Ich hätte mir das nicht so groß vorgestellt“, sagt Peter Willmann. Als etwa Zwölfjähriger sei er schon einmal in der Burg gewesen, erzählt der Kleinmachnower. Weil dies zu DDR-Zeiten nicht ohne Weiteres möglich war, hatte sich die Wirtin als seine Cousine ausgegeben und ihm im Erdgeschoss einige wenige Räume gezeigt. „Wie es damals oben aussah, weiß niemand so recht“, erklärt Bastian. Fotos aus der Zeit, da die SED hier ihre politische Elite schulte, gäbe es nicht.

Ganz oben im Turmhaus angekommen schweift der Blick über die Baumwipfel zum Horizont, an dem Berliner Hochhäuser zu erkennen sind. An der Wand hängt ein Foto, das ein sparsam eingerichtetes Zimmer mit Tisch, Stühlen und Anrichte zeigt. Die Möbel sind längst ausgeräumt. Lediglich zwischen den alten Dachbalken baumelt noch eine alte DDR-Antenne.

Die nächste Führung: Sonntag, 2. Juli, 14 Uhr. Anmeldung Tel.: (033203) 60 96 06.

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