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Teltow

  • 27.05.2017
  • von Solveig Schuster

Schweinemuseum in Teltow: Von der Super-Sau zum Kulturgut

von Solveig Schuster

Geschichtsträchtig. Die Ausstellung zeigt viele historische Bilder und Dokumente.

Saisonstart im Teltower Schweinemuseum: Museumsleiter Paulke plant jetzt Lebend-Exponate.

Teltow - Den Kopf gestreckt, die Schnauze gespitzt, die Schlappohren wie Gurkenscheiben auf die Augen gelegt, die Hufe elegant gespreizt. So posiert sie: Bettina, die Super-Sau. Eine Turbomaschine der Tierzucht, einst ausgezeichnet mit dem Staatsehrenpreis. 175 Ferkel hat sie zur Welt gebracht, im Laufe ihres Lebens warf sie 14 Mal. Eine bemerkenswerte Zahl. Denn Bettina lebte in den 1920er-Jahren, zu einer Zeit, zu der sich die Schweineproduktion unter Effektivitätsaspekten gerade erst entwickelte. Heute steht Bettina in Bronze gegossen und durch Glas geschützt auf einem Tisch in einem umgebauten Stall, umgeben von rund 4000 weiteren Exponaten.

Seit fast 25 Jahren beherbergt der Klinkerbau auf dem Gelände der Lehr- und Versuchsanstalt in Teltow-Ruhlsdorf Deutschlands einziges Schweinemuseum. Auf rund 500 Quadratmetern widmet es dem vor mehr als 10 000 Jahren aus dem Wildschwein hervorgegangenen Nutztier sechs Ausstellungsräume. Seit Anfang Mai sind diese wieder jeden Samstagnachmittag wissbegierigen Besuchern geöffnet.

Museumsleiter Thomas Paulke beugt sich über den Glaskasten, um die Inschrift des Sockels zu entziffern, auf dem Bettina thront. „Auch früher gab es schon hochleistungsfähige Schweine“, sagt er anerkennend. Nur weniger. Das, was Bettina damals geleistet hat, sei bei den heute verfügbaren Methoden weitestgehend Normalität. Im Schnitt wirft eine Sau 30 Ferkel pro Jahr, sagt Paulke. Der studierte Landwirt unterhält selbst in Teltow einen kleinen Mastbetrieb und ist hauptberuflich beim benachbarten Landesamt für Ländliche Entwicklung und Landwirtschaft in der Forschung tätig.

Vor etwa sechs Jahren hat er die Leitung des Museums von Gunther Nitzsche übernommen. Nitzsche hatte das Museum gemeinsam mit ehemaligen Kollegen des vor Ort ansässigen Versuchszentrums 1993 gegründet, nachdem dieses abgewickelt worden war. „Es gab sehr viel Material, das für die Nachwelt erhalten werden sollte“, erklärt Thomas Paulke – Fotos, Dokumente, Bücher, die in Vitrinen und auf Schautafeln für die Besucher aufbereitet sind. Daneben ausgestopfte Wild- und Hausschweine, Skelette, Modelle, eingelegte Innereien, Messinstrumente. Vor der Tür türmen sich vor einem Thüringer Schweinekoben alte Stall-, Zucht- und Schlachtutensilien, Tröge und Transportkästen.

1918 war auf dem Areal nahe der Ruhlsdorfer Dorfkirche die erste Versuchswirtschaft für Schweinehaltung gegründet worden. Schweine waren knapp, die Leute brauchten mehr Wissen, wie die Zucht effektiver zu gestalten ist, erzählt der Museumsleiter. Neben dem Fleisch wurde vor allem das Fett zum Backen und Braten benötigt. „Schon damals wurde Schweinefleisch aus Amerika importiert“, sagt er.

Bis in die 1970er-Jahre blieb die Schweinehaltung kleinteilig, bis die Großanlagen erfunden wurden. Vor allem in der DDR wurde überproduziert und etwa in Westberlin mit den im Osten aufgezogenen Schweinen Schulden bezahlt, erinnert sich der 56-Jährige. Mittlerweile habe sich der damals überhöhte Bestand von bis zu 16 Millionen Tieren auf etwa die Hälfte reduziert. Es gibt deutlich weniger Mastbetriebe, die dafür mehr Tiere halten. „Die Bestände müssen größer werden, sonst bleibt zu wenig zum Leben übrig“, erklärt der Landwirt.

Die Alltagsbedingungen haben sich geändert, Lebensmittel müssen heute günstig sein und den gewachsenen Ansprüchen gerecht werden. Der Effektivitätsdruck steige, kritisiert Paulke. Stück für Stück führt das Museum durch diese Entwicklung. „Das Schwein ist wichtiger Bestandteil unserer Kultur“, sagt Paulke. Auch wenn das heute nicht mehr jeder so akzeptieren kann und will. „Es gibt viele junge Leute, die haben noch nie ein lebendes Schwein gesehen.“

Rund 350 Besucher zählt das Museum pro Jahr. Für größere Veranstaltungen, die mehr Publikum generieren, fehle das Personal. Schon 2011, als Paulke sich entschloss, die Leitung des Museums ehrenamtlich zu übernehmen, drohte Ruhlsdorf sein Unikat zu verlieren. „Wir hatten überlegt, unsere Exponate ins Agrarmuseum nach Wandlitz zu geben“, erzählt Paulke, der auch Vorsitzender des Fördervereins des Museums ist. Dann kam es doch anders. Im vergangenen Jahr wurde in neue Fenster, die Elektrik und eine Toilette investiert, die es zuvor noch nicht gab. Doch „wenn wir größer werden, ziehen wir einen Rattenschwanz Probleme hinter uns her“, meint Paulke mit Blick auf mögliche Auflagen. Auch personell sei eine größere Nachfrage kaum zu bewältigen. Von den rund 70 Mitgliedern des Fördervereins sind vor Ort etwa zehn aktiv, die am Wochenende die Kasse betreuen, durch das Museum führen und sich Besucherfragen stellen.

Auf der Wiese vor dem Stall gucken die Besucher in zwei leere Schweinebuchten. Das soll sich ändern. Zumindest temporär könnten hier ein paar lebende Tiere einziehen, meint der Landwirt. Das Interesse der Leute sei da, sagt er. Doch auch die Schweine im Museum wollen gut betreut sein.

Deutsches Schweinemuseum, Dorfstraße 1, Teltow-Ruhlsdorf, geöffnet von Mai bis September, jeden Samstag von 13 bis 17 Uhr oder nach Vereinbarung

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