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Stahnsdorf

  • 11.05.2017
  • von Julia Frese

Stahnsdorf: Ein Haus in der Warteschleife

von Julia Frese

Die Zukunft der Villa in der Ruhlsdorfer Straße 1 in Stahnsdorf ist ungewiss. Künstler der Gruppe ArtEvent nutzen die Zwischenzeit, um Kunst dort zu machen. Am Samstag wird die Schau eröffnet.

Stahnsdorf - Das Mädchenzimmer ist rosa gestrichen, in eine Ecke hat jemand mit Filzstift ein kleines Einhorn an die Wand gezeichnet. Man könnte meinen, die Bewohnerin sei gestern erst ausgezogen – wäre da nicht die seltsam verformte Heizungsverkleidung: Ein paar der Holzstreben sind gen Zimmerdecke gebogen, andere scheinen in der Luft zu schweben, so als habe ein starker Wind sie durch den Raum geweht. Sie sind Teil des Werks, das die Installationskünstlerin Susanne Ruoff geschaffen hat. Ruoff gehört zur Künstlergruppe ArtEvent, die mit einer Vernissage am Samstag in der Ruhlsdorfer Straße 1 eine zweiwöchige Ausstellung einläutet. Unter den Motto „Durchzug“ wollen die zwölf Künstler neue Perspektiven auf die alte Villa eröffnen, die der Fabrikant Albert Pardemann im Jahr 1910 erbauen ließ.

„Unser Ansatz ist es zu zeigen, dass das Haus noch gut nutzbar ist“, sagt Frauke Schmidt-Theilig, ein Gründungsmitglied der Gruppe. ArtEvent veranstaltet seit 2000 einmal jährlich eine temporäre Ausstellung, meist in besonderen, vorübergehend leerstehenden Gebäuden. „Manche Menschen denken, wir wollten die Häuser für uns beanspruchen“, sagt Schmidt-Theilig. Das sei allerdings ein Missverständnis. Auch wenn viele der Gruppenmitglieder immerhin von ihrer Kunst leben könnten – die Miete für ein solches Haus würde dann doch über ihre Verhältnisse gehen.

Das versinnbildlicht wohl keins der Kunstwerke besser als die ungewöhnliche Carl-Spitzweg-Interpretation von Anke Fountis. Auf dem Dachboden der Villa liegt am zugigen Rundfenster auf einer Matratze der „arme Poet“ aus Spitzwegs bekanntestem Gemälde – als Pappmaché-Figur. Zwischen den Lippen den Federkiel haltend zerdrückt er mit Daumen und Zeigefinger der rechten Hand einen Floh, über sich hat er einen Regenschirm zum Schutz vor durchsickernder Feuchtigkeit gespannt. Anke Fountis nennt ihr Werk ironisch „Der erste neue Mieter“: „Wie wir wird er aber am Ende der Ausstellung wieder ausziehen.“

Was dann mit dem Haus passiert, ist noch unklar: Seit im vergangenen September die letzten Bewohner des Erdgeschosses ausgezogen sind, streitet die Gemeinde darüber. Bürgermeister Bernd Albers (Bürger für Bürger) arbeitet derzeit an einem Nutzungskonzept für das Gebäude, das er im Juni der Gemeindevertretung präsentieren wird. Aktuell könne er noch nicht sagen, was dieses Konzept beinhalten werde, sagt Albers’ Pressesprecher Stephan Reitzig auf PNN-Anfrage. Zuletzt hatte die Kreisvolkshochschule Interesse angemeldet, ihre Hauptgeschäftsstelle in die Ruhlsdorfer Straße 1 zu verlegen. „Wir möchten uns gern noch stärker in der Region verankern und denken, dass der Standort einer ist, an dem wir gesehen werden“, sagt Indra Kühlcke, Leiterin der Kreisvolkshochschule.

Christian Kümpel, Vertreter der Stahnsdorfer FDP, hatte vor einigen Wochen die Befürchtung geäußert, die Sanierungskosten würden für die Gemeinde zu hoch. Bei einem Gutachten im Jahr 2015 wurden die Kosten auf 550 000 Euro geschätzt, Kümpel hält diese Summe jedoch für zu niedrig angesetzt. Frauke Schmidt-Theilig ist da anderer Ansicht. „Die Substanz des Hauses ist noch absolut in Ordnung“, sagt sie. Auch Kümpels Argument, es sei nicht genug Platz zum Parken rund um das Gebäude vorhanden, um es kulturell zu nutzen, hält sie für vorgeschoben. „Allein hinter dem Haus sind es 180 Quadratmeter“, so Schmidt-Theilig. Außerdem gebe es noch ein Nachbargrundstück, das die Gemeinde zukaufen könnte. Wichtig ist der Gruppe ArtEvent vor allem, den historischen Wert zu erhalten, der in der Villa steckt. Bauelemente wie das bunte Mosaikfenster im Treppenhaus oder den Kachelofen mit Bleiglasur in der ersten Etage gebe es heutzutage nicht mehr. Den Ofen hat der Künstler Hartmut Sy zur Inspiration für eine Installation aus Drahtstäben genutzt. Als dunkle Schneise zum Fenster stellen die Stäbe den "Durchzug" dar. Auf dem Fußboden des Zimmers hat Sy flauschigen Teppich ausgelegt, um die Gemütlichkeit wiederherzustellen, die dieser Raum für seine einstigen Bewohner erfüllt haben muss.

Die erste Etage des Hauses war in der DDR in zwei Wohnungen aufgeteilt, steht aber seit mehreren Jahren leer. Ein paar Reste Blümchentapete an den Wänden zeugen noch vom Einrichtungsgeschmack der 70er Jahre. Während der Ausstellung sollen die verlassenen Räume wieder lebendig werden: In einem der Zimmer lässt der Künstler Douglas Henderson eine Installation aus elektrisch betriebenen Hexenbesen tanzen, in einem weiteren wird die Künstlerin Gunhild Kreuzer zur Vernissage eine Theaterperformance zum Thema Heimat und Flucht zeigen.

Sollte die Kreisvolkshochschule in naher Zukunft tatsächlich in das Haus einziehen, möchte Indra Kühlcke das Gebäude nicht bloß als Geschäftsstelle und für Kurse nutzen. Es sollen dann auch weiterhin Räume für Kunstausstellungen zur Verfügung stehen. „Das würde sehr gut zu unserem Bildungsangebot passen“, so die Leiterin.

ArtEvent, Vernissage am Samstag, 13. Mai ab 15 Uhr in der Ruhlsdorfer Straße 1. Die Ausstellung ist vom 14. bis 28 Mai, Freitag bis Sonntag 15 bis 19 Uhr geöffnet

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