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  • 24.04.2017
  • von Oliver Dietrich

"Rock in Caputh" fällt 2017 aus: „Zu viel Arbeit für zu wenige Leute“

von Oliver Dietrich

Viel Beifall, zu wenig Hilfe. Das Musikfestival „Rock in Caputh“ musste in diesem Jahr zum ersten Mal in seiner 16-jährigen Geschichte abgesagt werden – aus Mangel an ehrenamtlichen Helfern. Festivalgründer René Christ hofft aber darauf, dass es im nächsten Jahr wieder stattfindet. Foto: Manfred Thomas

René Christ, einer der Gründer des Festivals „Rock in Caputh“, spricht im PNN-Interview über die diesjährige Absage des Musikevents, den Verein „CoolTour 05“ – und die Krise des Ehrenamtes

Das Festival „Rock in Caputh“ ist nach 16 Jahren Erfolgsgeschichte zum ersten Mal abgesagt worden. Zunächst hieß es noch, es finde statt – aber nur an einem Tag.

Das haben wir bereits im Dezember so beschlossen, weil sich da abgezeichnet hat, dass wir von der Personenzahl her dazu nicht mehr in der Lage sind. Es gab dazu eine Abstimmung im Verein „CoolTour 05“. Wir wollten das Festival ja machen. Aber wir schaffen es in der Form, wie wir es bisher gemacht haben, definitiv nicht.

Weil es zu wenige Leute vor Ort gibt?

Weil es zu viel Arbeit für zu wenige Leute gibt.

Eine Krise des Ehrenamtes also. Aber vorher hatte es doch auch funktioniert. Wo sind die Helfer alle hin?

Das hat in den letzten Jahren ja auch nur funktioniert, weil einige Leute auf dem Zahnfleisch gelaufen sind und Einzelne mehrere Posten übernommen haben.

Zum Beispiel?

Wenn man im Vorfeld die Plakataktionen plant, dann gibt es richtig heftig zu tun. Dann müssen die Gemeinden angeschrieben, die Genehmigungen eingeholt, das muss abgeglichen werden, die Touren müssen vorbereitet werden. Und damit ist man ehrenamtlich für ein paar Wochen ausgelastet. Wenn man sich dann aber noch zusätzlich um Technik und Logistik kümmern muss, ist man überlastet.

Wie viele sind denn jetzt an der Festivalplanung beteiligt?

Es geht ja nicht nur um den Festivaltag an sich, der Hauptteil spielt sich im Vorfeld ab. Booking ist da noch eine Kleinigkeit. Und der richtige Kern waren zum Schluss nur noch zwei oder drei Leute.

Und wie viele waren es vor zehn Jahren?

Da waren noch bei jeder Versammlung locker 20 Leute da.

Ist das kontinuierlich weniger geworden?

Ja, über die Jahre sind immer mehr weggebrochen und die ganze Last hat sich auf immer weniger Leute verteilt. Und wenn dann einer aufgibt, sind auf einmal drei Aufgaben zu verteilen. So blieb immer mehr Arbeit bei immer weniger Leuten hängen.

Ein logistisches Problem also?

Ja, definitiv. Und jetzt sind wir in den Vorbereitungen so weit hinterher, dass es nicht mehr zu schaffen war. Würden wir das Festival jetzt trotzdem machen, wäre das Harakiri: Dann wäre der Schaden, der dabei angerichtet wird, viel größer, als wenn wir jetzt die Reißleine ziehen. Wir wollen das ja nicht erst feststellen, wenn das Festival baden gegangen ist.

Was wäre denn das schlimmste Szenario?

Dass das totale Chaos ausbricht. Das fängt schon bei den Plakaten an: Man kann kein Festival ohne Werbung machen. Es droht ein finanzielles Desaster, aber eben auch ein Desaster vor Ort.

War das eine schmerzhafte Entscheidung oder überwog die Erleichterung darüber, noch mal Aufschub zu bekommen?

Beides. Ich spreche da zum einen vom Verein, zum anderen aber als einer der Gründer von „Rock in Caputh“. Das sind zwei verschiedene Dinge: Für den Verein ist es erst mal eine Erleichterung, da man sich um die liegen gebliebenen Sachen kümmern kann. Aber wenn man sich als Vater des Festivals fühlt, dann blutet etwas. Das ganze Leben dreht sich um „Rock in Caputh“, schon fast die Hälfte meines Lebens.

Es besteht also auch eine gewisse Angst?

So ein Festival auszusetzen ist immer auch ein schlechtes Zeichen.

Aber so pessimistisch klang die Absage doch gar nicht.

Natürlich will man sich einen gewissen Optimismus bewahren. Und es gibt auch Überlegungen, jemand anderen mit ins Boot zu holen. Der Verein leistet auch ganz tolle Arbeit abseits des Festivals: Weihnachtsmärkte, Seifenkistenrennen, die Unterstützung des Fährfestes in Caputh, Jugendclubtouren mit Bands.

Also könnte auch jemand anderes die Organisation des Festivals übernehmen?

Da gibt es noch nichts Konkretes dazu. Aber es gibt Vereine, die uns jahrelang unterstützt haben, und die werden wir auch um ihre Meinung bitten. Aber wir werden keine Entscheidung ohne den Verein treffen, das wollen wir nicht. Das Festival muss nicht sterben, nur weil eine Sache krankt. Es kommt also darauf an, ob der Verein die Krise übersteht. Wenn sich da genügend Leute finden, stemmen wir das gern gemeinsam mit dem Verein. Aber wenn keiner mehr da ist, muss der Verein irgendwann aufgelöst werden.

Ist eine Privatisierung eine Option?

Privatisieren macht keinen Sinn, das ist Quatsch. Wir waren nie ein kommerzielles Festival. Das muss auch weiterhin ein gemeinnütziger Verein machen.

Das Festival hat sich ja auch deutlich in Richtung Potsdam geöffnet.

Klar, und da gibt es auch Wunschpartner, die eine gewisse Festigkeit in der Region haben.

Also gibt es nächstes Jahr ein „Rock in Caputh“?

Das ist natürlich mein Wunsch. Es wäre doch schade, wenn das Festival in Vergessenheit geriete. Wir haben in den letzten 17 Jahren viele Festivals kommen und gehen gesehen. Und wir haben selbst auch harte Jahre durch: mit Regen, mit finanziellen Schwierigkeiten. Wir haben es letztlich immer wieder stemmen können. Wir können es aber nicht stemmen, wenn niemand mehr da ist.


Das Gespräch führte Oliver Dietrich

ZUR PERSON: René Christ (37) erfand 2001 gemeinsam mit Sven Lehmann das Festival „Rock in Caputh“. Aus der eintägigen Gartenparty des Jugendclubs wurde ein Festival mit 2500 Besuchern.

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