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Schwielowsee

  • 31.03.2017
  • von Julia Frese

700 Jahre Caputh und Ferch: Sieben Jahrhunderte am Wasser

von Julia Frese

Ein See voller Schiffe. Das Gemälde von Johann Heinrich Hintze zeigt den Blick vom Krähenberg auf Caputh und Potsdam. Es ist um 1836 entstanden. Zu dieser Zeit hatte Caputh nach langen Jahren der Armut endlich einen Wirtschaftszweig gefunden, der Geld in die Kasse brachte: die Schifferei. Foto: SPSG

Ferch und Caputh feiern Jubiläum: Dabei erinnern sie an Zeiten der Armut, den Aufstieg durch die Schifferei, an Künstler und andere große Geister, die in der Region Ruhe und Schaffenskraft fanden

Schwielowsee - Die Form eines Hufeisens soll der Caputher See vor langer Zeit einmal gehabt haben. Daher leitete die damalige Bevölkerung den Ortsnamen von dem Wort „Kopyto“ ab, was im wendischen Sprachkreis „Huf“ bedeutete. Am 5. April 1317 wurde Caputh erstmals schriftliche erwähnt, ebenso wie das Nachbardorf Ferch. Für die Gemeinde Schwielowsee gibt es also doppelten Grund zu feiern. Und um dem Anlass gerecht zu werden, gibt es nicht einfach bloß eine Festwoche, sondern ein umfangreiches Programm bis zum 21. Oktober.

Die Alltagskultur der einfachen Leute soll erlebbar sein

Am 5. April wird die Bürgermeisterin Kerstin Hoppe (CDU) das Jubiläumsjahr offiziell mit einer Rede im Schloss Caputh einleiten – „700 Jahre Leben am Wasser“ lautet das Motto. Anschließend wird an diesem Tag die Tafelausstellung „Mäßige Ergetzlichkeiten und erschröckliche Wildnisse“ eröffnet, die die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten gemeinsam mit dem Verein Haven-Volck konzipiert hat. Auch wenn sie auf einem Schloss stattfände, gehe es in der Ausstellung bei Weitem nicht nur um feine Leute, stellt der Vereinsvorsitzende Sebastian Ernst klar. „Wir wollen die Alltagskultur der einfachen Leute erlebbar machen.“

Auf Plakaten hat der Verein Fakten und Geschichten aus dem Leben der Menschen in der frühen Neuzeit, von 1450 bis 1850, zusammengetragen. Besucher erfahren etwa, wie sich das einfache Volk damals fortbewegt hat, was Kinder in der Schule lernten oder warum der Wald damals als ein magischer Ort galt. Mehrere Workshops sollen die Ausstellungsplakate ergänzen und ihre Inhalte veranschaulichen. So etwa die Kinderveranstaltung „Steckenpferd und Schiefertafel – Wie lebten Kinder früher?“ oder „Die Geschichte Capuths als Marionettenspiel“, die von einer Gruppe aktiver Senioren des Ortes aufgeführt wird. „Ursprünglich wollten die Kinder der Grundschule Caputh das Marionettenspiel aufführen, aber sie bringen sich schon an so vielen anderen Stellen ins Festprogramm ein, dass es zeitlich nicht mehr funktioniert hat“, sagt Bürgermeisterin Hoppe. So hätten die Kinder etwa für die Ausstellung im Kunstunterricht Bilder gemalt und gebastelt, die verschiedene historische Ereignisse oder Zeiträume in Caputh und Ferch aufgreifen: „Es wird ums Thema Wasser gehen, um Einstein natürlich und um die Geschichte einiger anderer Orte“, so Petra Reichelt, Schlossbereichsleiterin des Schloss Caputh.

Als Berlin anfing zu blühen, kam auch für die Havelorte eine Blütezeit

Um 1317 arbeiteten viele Bewohner Capuths und Ferchs in Ziegeleien, Teerhütten und als Waldarbeiter. Da die Fischereirechte für die Havel bei den Potsdamern lagen, lebten die Caputher und Fercher über viele Jahrhunderte nur von dürftigen Tagelöhnen. Erst als Berlin begann aufzublühen, kamen auch für die beiden kleinen Havelorte bessere Zeiten. Der Wasserweg zwischen Hamburg und Berlin führte direkt an Caputh vorbei. Und in Glindow und Ferch war die Ziegelei zu jener Zeit der größte Produktionszweig. Für die Menschen in Caputh entstand daraus eine wirtschaftliche Chance, die ihnen nach der langen, entbehrungsreichen Zeit zum Aufstieg verhalf. Sie begannen, Transportschiffe zu bauen – immer größere Kähne, mit denen sie ihre Ziegel ins aufstrebende Berlin liefern konnten. So begann im 19. Jahrhundert die ruhmreiche Ära der Caputher Schifferei.

Viele der Jubiläumsveranstaltungen greifen diese prägende Zeit auf, etwa ein Vortrag zum Thema „700 Jahre Navigation auf See“, der im Mai in der Evangelischen Kirche stattfindet, das Konzert des Caputher Männerchors im Juni, das unter dem Motto steht: „Vom Wasser haben wir’s gelernt...“ oder das Familienkonzert „Ahoi, Piraten!“ des Märkischen Holzpantinen-Musik-Theaters im Juli.

Künstler lebten sich in Ferch aus

Ferch erlangte neben der Ziegelei vor allem als Malerkolonie Bekanntheit. Im 19. Jahrhundert kamen als erstes die Maler Karl Hagemeister und Carl Schuch in den einsamen kleinen Ort an der Havel. Es folgten viele weitere Künstler wie Hans Wacker, Hans-Otto Gehrke oder E. W. Mertens, die an Ferch die Ruhe schätzten, aus der die neue Schaffenskraft schöpfen konnten. Das Museum der Havelländischen Malerkolonie ist heute ein beliebter Ausflugsort. Ab dem 29. April zeigt es anlässlich des Jubiläumsjahres eine Ausstellung zu „Ferch in der Malerei 1880–1910“. Im Juni soll es im Museum darüber hinaus erstmals ein Expertenforum geben, in dem Fachleute Vorträge zu den wichtigsten Künstlern der Fercher Malerkolonie halten werden.

Als ab 1909 die erste Eisenbahn über Caputh und Ferch fuhr, entdeckten die Bewohner der umliegenden Dörfer und Städte Ferch als idyllischen Ausflugsort. Reiche Berliner bauten sich Sommervillen auf dem Krähenberg und am Wasser. Und nachdem der Caputher Gutsbesitzer August von Thümen sein Land parzelliert hatte, brauchte er nicht lang auf die ersten Pächter warten, die es zum Obstanbau nutzen wollten. Über viele Jahrzehnte wurde das Obst der Region nach Berlin verschifft. Heute erinnert an diese Zeit unter anderem die Obstkistenbühne, die in diesem Jahr ebenfalls Jubiläum feiert: Sie wird immerhin schon 25 Jahre alt.

Um die bewegte Vergangenheit der beiden Orte am Wasser gebührend feiern zu können, hoffen die Veranstalter nun vor allem auf eines: einen Sommer, in dem möglichst wenig Wasser vom Himmel herabfällt.

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