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Teltow

  • 30.03.2017
  • von Julia Frese

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in Teltow: Der Hahn im Korb

von Julia Frese

Zur Handarbeit verdonnert. Häkeln gehört nicht zu Martin Schulz’ Leidenschaften. Daran konnte auch eine Teltowerin nichts ändern, die ihm die Fertigkeit am Mittwoch bei seinem Besuch im Mehrgenerationenhaus Teltow nahebringen will. Foto: Andreas Klaer

Alte Masche: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz besucht das Mehrgenerationenhaus in Teltow. Ein Ortstermin.

Teltow - Mit großen Augen folgt die 15 Monate alte Charlotte dem Tross der Pressefotografen. „Na, wollen wir auch mal dem Herrn Schulz Hallo sagen?“ fragt die Mutter, die ihre Tochter auf dem Arm wiegt. Das Mehrgenerationenhaus Philantow hat an diesem Mittwochvormittag prominenten Besuch: SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sieht sich das Familienzentrum an, einen „Ort, an dem der Zusammenhalt unserer Gesellschaft deutlich wird“, wie er sagt.

Wenn man ihn beim Wort nimmt, dann sind es vorwiegend Frauen, die unsere Gesellschaft zusammenhalten. In den Betreuungsgruppen, beim Eltern-Kind-Turnen, in der Strickgruppe – überall ist Schulz Hahn im Korb. Der Kanzlerkandidat stellt viele Fragen, streicht über Kinderwangen und gibt Anekdoten von seinen eigenen Sprösslingen zum Besten. Das Blitzlichtgewitter prasselt derweil nur so auf den 61-Jährigen hernieder.

Könnte Schulz als Kanzler Familien entlasten?

Paare bekämen heutzutage oft erst mit Mitte 30 oder sogar Anfang 40 die ersten Kinder, sagt Schulz in einer anschließenden Gesprächsrunde in der Cafeteria des Mehrgenerationenhauses. Zur Linken wird er vom Teltower Bürgermeisterkandidaten Thomas Schmidt und zur Rechten von Bundestagskandidatin Manja Schüle (beide SPD) flankiert. Pressefragen sind in der Runde nicht zugelassen. Wer erst ab Mitte 30 Eltern werde, könne sich nicht mehr unbedingt auf die Unterstützung der Großeltern verlassen, sagt Schulz. Vielmehr sei die ältere Generation oft inzwischen selbst pflegebedürftig, wenn die ersten Enkelkinder kämen, und es entstehe eine anstrengende Doppelbelastung für die Familien. Er wolle als Kanzler denen helfen, die Familie, Beruf und Betreuung unter einen Hut zu bringen versuchen.

Die Mutter der kleinen Fiona hat am Nebentisch bei Schulz’ Rede nur mit halbem Ohr zugehört. Fiona hat gerade eine Gurkenscheibe auf den Boden fallen gelassen und trauert dieser nun lautstark nach. Für größere politische Zusammenhänge bleibt in solchen Momenten keine Zeit. Ob Schulz als Kanzler die Arbeitsbelastung für Familien wohl reduzieren könnte? „Das wäre wünschenswert“, sagt die junge Frau. Aber glauben tue sie es eigentlich nicht.

Handarbeiten sind Schulz nicht geheuer

Ähnlich skeptisch betrachten die Damen der Strickgruppe den SPD-Kandidaten. Als er vorhin an ihrem Tisch saß, machte Schulz gleich deutlich, dass ihm Handarbeiten nicht geheuer sind. Mit einem Witz versuchte er, die Runde aufzulockern: „Ich habe einen Vorschlag: Sie häkeln und stricken, ich esse Kuchen – das kann ich.“ Doch der Schuss ging nach hinten los: Sogleich stand eine hilfsbereite Dame auf, legte Schulz forsch von rückwärts ihre Hände voll pastellfarbenem Wollgarn über die Schultern und versuchte, den 61-Jährigen in die Kunst des Häkelns einzuführen. Der SPD-Vorsitzende ging mit mäßigem Enthusiasmus auf das Angebot ein. „Dafür war er sich wohl zu fein“, beklagt die Dame, nachdem sich Schulz vom Handarbeitstisch entfernt hat. „Aber ist ja auch nur eine Werbeveranstaltung für ihn, der interessiert sich ja nicht wirklich für uns.“ Eine weitere Dame wirft ein, dass es ja immerhin nett sei, dass er sich die Zeit genommen habe, die „kleinen Leute“ zu besuchen. Und eine dritte äußert gar Hoffnung: „Vielleicht macht er ja wieder gut, was uns der Schröder eingebrockt hat.“

Bevor es überhaupt so weit kommen kann, muss Schulz noch weiter die Wahlkampftrommel rühren. Und wo die Medien nun schon einmal versammelt sind, lässt sich der Kandidat nicht lange bitten und erteilt munter Wahlempfehlungen für die anwesenden lokalen SPD-Genossen. Nachfragen der Journalisten zu anderen aktuellen politischen Themen lässt der Kanzlerkandidat allerdings nicht zu. Dann muss Martin Schulz auch schon wieder zum Dienstwagen – es warten an diesem Mittwoch noch zwei weitere Termine auf ihn.

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