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Stahnsdorf

  • 12.12.2016
  • von Kirsten Graulich

Stahnsdorf: Wird die Fabrikantenvilla neues Kulturzentrum?

von Kirsten Graulich

In der Ruhlsdorfer Straße 1 sollen Künstler einziehen. Am Samstag gab es einen ersten Rundgang.

Stahnsdorf - Fast scheint es, als wolle sich das Haus in der Ruhlsdorfer Straße 1 hinter der hohen Tanne verschämt wegducken. So viel Aufmerksamkeit wie in den vergangenen Wochen wurde dem zweistöckigen Bau, der auch als Fabrikantenvilla bekannt ist, schon lange nicht mehr zuteil. Seit im September die letzten Bewohner ausgezogen sind, steht es leer und weckt trotz abgeblätterter Fassade Begehrlichkeiten. Die Stahnsdorfer Künstlerschaft kann sich in der gemeindeeigenen Immobilie wie berichtet ein Kunst- und Kulturhaus vorstellen, am Samstag konnte sich bei einem Rundgang die Öffentlichkeit vom Zustand der Räume überzeugen.

Dem 1910 errichteten Haus des Landwirtes Albert Pardemann sieht man noch an, dass es einmal als erstes Haus in der Straße einen Glanzpunkt gesetzt hat. Ob die Maßstäbe einer Villa zutreffen, ist fraglich, aber immerhin ist es eine freistehende Immobilie mit kleiner Veranda. Und das runde Fenster im Treppenhaus mit den bunten Scheiben sowie die Klingel im Erdgeschoss sind durchaus kunstvolle Zutaten aus der Zeit des Jugendstils, allerdings wohl die einzig verbliebenen. Nun soll dem Haus wieder Leben eingehaucht werden. Lesungen, kleine Konzerte und Ausstellungen soll es geben und vielleicht auch ein kleines Café, beschreibt die Künstlerin Frauke Schmidt-Theilig. Sie nennt das Vorhaben „Kleine Kammerspiele“ in Anspielung auf den Kulturstandort im Nachbarort.

Von der Kleinmachnower Kulturgenossenschaft der Neuen Kammerspiele kam bereits das Signal, die Stahnsdorfer zu unterstützen. „Das wäre eine ideale Partnerschaft für diese Kunst- und Kiezkultur“, meint auch Heinrich Plückelmann vom SPD-Ortsverein. Das Objekt eigne sich aufgrund seiner Lage und seines Zuschnitts in besonderer Weise. Auch die SPD-Fraktion und die Christdemokraten im Ortsparlament wollen sich bei den anstehenden Haushaltsberatungen für eine Sanierung des Hauses einsetzen. Ein Verkauf wurde Ende November vom Gemeindeparlament abgelehnt. „Ein nackter Saalneubau würde niemals die Atmosphäre eines solchen geschichtsträchtigen Hauses haben“, so Plückelmann.

Warum das Haus als Fabrikantenvilla bezeichnet wird, wusste am Samstag allerdings keiner so genau. Auf Nachfrage gibt sich Jürgen Böhm vom Stahnsdorfer Heimatverein skeptisch, die Altvorderen der Familie Pardemann waren meist Bauern und Handwerker, ein Fabrikant sei bislang nicht aufgefallen. Er kann sich dagegen vorstellen, dass Pardemanns das Gebäude als Mietshaus bauen ließen, der sicheren Einnahmen wegen. Denn mit der Errichtung des Südwestkirchhofes flossen immense Summen in die Haushaltskassen von Stahnsdorfer Landwirten, die Teile ihres Waldes und Ackerlandes verkauften. Damit konnten sie sich auch schönere Mietswohnungen leisten.

Das Haus baulich wieder nahe an seinen Ursprung heranzubringen, erfordert nun nicht nur Fingerspitzengefühl, sondern auch entsprechende Finanzen. Schon der Blick von der Straße offenbart, dass es mit „neuen Fenstern, Leitungen und bisserl Putz“ nicht getan sein wird, wie einige Leute glauben, die das Vorhaben über Facebook gelikt haben. Die Dacheindeckung mit Biberschwänzen ist teilweise verrutscht, einige Ziegel fehlen und zumindest der rechte Schornstein scheint versottet. Hinten im Hof ist die Dachrinne beschädigt. Dass hier schnell gehandelt werden muss, verdeutlicht ein dunkler Fleck neben einer Therme im ersten Stockwerk. Auch die Heizung müsste erneuert werden, die Mieter hatten teilweise noch Kachelöfen beheizt. Ein nicht zu unterschätzender Faktor wären auch die Brandschutzauflagen für ein öffentliches Gebäude. Auf gut eine halbe Million Euro werden die Sanierungskosten bislang geschätzt. Der Gemeindevertreter Christian Kümpel (FDP) bezweifelt nach der Besichtigung, dass das ausreicht. Die CDU/FDP-Fraktion sei bereit, einen Antrag zu stellen, in dem gefordert werde, nur die drei Wohnungen im Haus zu sanieren und den Rest den Künstlern zu überlassen.

Bürgermeister Bernd Albers (BfB) will die Künstlerinitiative unterstützen, die als Auftakt im nächsten Jahr den regionalen Art-Event für das Haus plant. „Wir brauchen in Stahnsdorf ein Bürgerhaus“, sagt Albers bei der Begehung. Als ersten Schritt will er daher eine Bauvoranfrage stellen, um die Chancen für das Vorhaben auszuloten. Denn als Hindernis gelten bereits die fehlenden Stellplätze, ebenso muss für die Barrierefreiheit eine Lösung gefunden werden.

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