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  • 24.08.2016
  • von Enrico Bellin

Flüchtlingskinder aus Afrika zu Gast: Grüne Welt in Teltow

von Enrico Bellin

Unbekannte Spielwelten. Die Kinder aus den Flüchtlingslagern Südalgeriens lernen in Teltow exotische Spiele wie Topfschlagen kennen. Inzwischen haben sie auch gelernt, Fahrrad zu fahren und können im Chor „Bruder Jakob“ singen. Noch bis Freitag wohnen sie in der Kita Käferland. Fotos: Enrico Bellin

21 saharawische Kinder aus algerischen Flüchtlingslagern wohnen derzeit in der Kita Käferland. Sie sind Botschafter eines vergessenen Konfliktes und sehen hier, dass es auf der Erde mehr als Wüste gibt.

Teltow - So eine Welt habe sie noch nie gesehen, sagt Ghaza. Das zehnjährige Mädchen vom Volk der Saharawi lebt in einem Camp in der südalgerischen Sahara, mit mehreren Zehntausend Menschen. Seit dem 15. August ist sie gemeinsam mit 20 gleichaltrigen Kindern und drei Betreuern aus ihrem Lager in der Teltower Kita Käferland. „Hier gibt es so viele große Gebäude und so viel Grün“, sagt das Mädchen am gestrigen Dienstag begeistert. Am Vormittag konnte sie im Teltower Streichelzoo das erste Mal auf einem Pony reiten, das sei ihr schönster Moment bisher in Deutschland gewesen.

Nach Teltow kamen die Kinder durch den thüringischen Verein Salma. Er wurde von der früheren SPD-Europaabgeordneten Margot Keßler gegründet, um auf den „letzten Kolonialkonflikt“ hinzuweisen, wie Keßler sagt. Seitdem die spanischen Besatzer 1975 ihre Kolonie Spanisch-Sahara verließen, beanspruchen sowohl Marokko als auch Vertreter der Saharawi die Westsahara.

Schon zum 13. Mal in Teltow

Durch private Spenden holt der Verein jedes Jahr Kinder aus den fünf großen Flüchtlingslagern in Algerien nach Deutschland. Bevor die Gruppe nach Teltow kam, waren sie schon seit Juli im Landkreis Nordthüringen. Auf Teltow als Partner kam Margot Keßler, da sie den damaligen Bürgermeister von Gonfreville kannte, der französischen Partnerstadt Teltows. Zum 13. Mal sind die Kinder nun bereits in der Stadt.

Unterstützung kommt dabei vom Linke-Kreisverband, die Genossen haben auf ihrem Maifest durch eine Tombola knapp 2800 Euro gesammelt. Auch Ministerin Diana Golze (Linke) kaufte damals ein Los, wie sie gestern bei ihrem Besuch sagte. Vom Geld wurden Kleidung, Spielzeug und Süßigkeiten für die Kinder gekauft. Die Stadt Teltow stellt die Räume und die Verpflegung zur Verfügung. In der Kita, in der die Kinder wohnen, sind derzeit Betriebsferien.

Kleinere Ausflüge und ernste Programmpunkte

Ins nahe Berlin werde man mit den Gästen keinen Ausflug machen. „Die Kinder sind hier glücklich, wenn sie einfach mit dem Fahrrad fahren oder Ball spielen können“, so Margot Keßler. Das Radeln hätten sie zwei Wochen lang im ländlichen Thüringen geübt, der Verein hat dafür 20 Räder angeschafft. Kleinere Ausflüge wie einen Zirkusbesuch oder eine Schiffsrundfahrt gibt es auch. Einige Programmpunkte sind ernster: Wer Krankheiten hat, die in Algerien im Lager kaum behandelt werden können, kann in Deutschland einen Arzt besuchen.

Die Reise soll nicht nur für die Kinder eine Abwechslung im Leben bieten, sondern auch auf den noch immer schwelenden Konflikt in der Westsahara aufmerksam machen. Dafür ist Nadjat Hamdi mit nach Teltow gereist. Sie ist Vertreterin der Frente Polisario, einer militärischen und politischen Organisation der Saharawi-Rebellen, die in der Region liberale bis sozialistische Positionen vertritt und gegenüber der marokkanischen Regierung für ein Referendum kämpft, in dem die Saharawi entscheiden können, ob sie in der Westsahara als autonome Region ähnlich dem spanischen Baskenland oder völlig selbstständig leben können. „Deutschland könnte etwa über die Europäische Union Einfluss auf Marokko nehmen, damit das von den Vereinten Nationen angedachte Referendum über unsere Unabhängigkeit endlich durchgeführt wird“, sagt Hamdi den PNN. Immer mehr Marokkaner würden in die Westsahara ziehen, allein 160 000 Soldaten hätte die Regierung dort stationiert. Vom Rest Marokkos ist die Zone durch einen 2700 Kilometer langen Sandwall abgetrennt.

Die 160 000 nach Algerien geflüchteten Saharawi leben seit mehr als zwei Jahrzehnten in Zelten, Unterstützung gibt es vom Hilfswerk der Vereinten Nationen. Durch Spenden wurde vor Ort auch schon ein nach Teltow benannter Garten angelegt, der jedoch durch heftigen Regen dem Erdboden gleichgemacht wurde.

Nach zwei Monaten Deutschland wieder zurück

„Für die Kinder wird es sicher schwer, nach diesen Wochen wieder ins Camp zurückzukehren“, sagt Khalil Haj, der als Betreuer schon mehrmals in Teltow war und zwischen den örtlichen Helfern und den Kindern übersetzt. Bis Freitag ist die Gruppe noch in Teltow, nach insgesamt zwei Monaten in Deutschland geht dann der Flieger zurück. „Durch die Fahrt nach Deutschland haben die Kinder aber wenigstens gesehen, dass die Welt nicht nur aus schlechten Menschen besteht.“ Außerdem seien sie gute Botschafter, da in Europa im Zusammenhang mit Flüchtlingen fast nur noch vom Krieg in Syrien die Rede sei.

Spendenkonto: Salma - Hilfe für saharawische Flüchtlingskinder e.V., IBAN: DE 95820540520030007437

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