18.12.2017, 2°C
  • 30.05.2016
  • von Gerold Paul

KulTOUR: Ganz in Weiß, rot umrandet

von Gerold Paul

Im Teltower Mattausch-Haus zeigen Welten aus Pappe von Anna Trubel die Vergänglichkeit der Dinge

Teltow - Der echte Künstler schafft aus dem Bauch. Will heißen: Unter Ausschaltung des lenkenden und also filternden Verstandes. Wer den im richtigen Moment abzustellen versteht, kommt an das Tor der Phantasie, vielleicht sogar in den Vorgarten der Poesie, der ersten Lehrmeisterin der Menschheit, nach uraltem Glauben. Die hochbegabte Künstlerin Anna Trubel scheint trotz oder wegen ihrer Jugend den Zugang zu den verborgenen Schatzkammern der Bilder bereits gefunden zu haben.

Unklar, wer da aufgemacht hat, ihr Werk aber – Malerei, Grafik, Zeichnung, Kuschelwesen, Objekt, Kurzfilm, ist ganz ungeheuer, und sofort überzeugend. So etwas hat man nicht oft, wie es ja auch nur ganz wenige Künstler unter den Malern gibt, meist ist der Verstand eben einfach zu stark – der Lateiner sagte dazu „praeclara sunt rara“, das Besondere macht sich rar.

Von dieser Art ist die Kunst Anna Trubels im Allgemeinen, etwas weniger vielleicht in einer entzückenden Exposition – eine komplette „Wohneinheit“ aus einfacher Pappe, die bis zum Sonntag im Teltower Mattausch-Haus unter dem Titel „Auf aengstem Raum“ zu schauen ist. Ängste? Engster Raum zieht bekanntlich immer Ängste an. Und genau so war das mit ihrem schreibenden Partner Udo Darnstädt entstandene Projekt auch gemeint. Keine Puppenstuben-Idyll also!

Zuerst wollten die beiden Potsdamer ja nur ihre „Chaos-Küche“ nachbilden, doch dann kam ein Stück um das andere hinzu. Schwer, genügend Pappe heranzuschaffen. Dann wurde skizziert, gefaltet, geklebt, bemalt, bis aus der Küche eine komplette Wohnung en miniature wurde. Alles aus Pappe im Mattauschhaus-Atelier von Frauke Schmidt-Theilig, aber nicht „Pappe“ im Bedeutenwollen, dazu sind die „Zimmerchen“ im Zimmer viel zu ernst nachgebaut worden: Badewanne und Wasserhahn, Tisch und Kinderbett, darin die kleinen Läuschen marschieren, Schuhe, Wäschebeutel und Schulmappe, deren Inhalt „Pappe“ ist. Fernseher nebst laufendem Programm: Pappe! Ein Kühlschrank mit Tetrapack-Milch dito, ein Regal, der Eckschrank mit Büchern, mit Darnstädts Gedichten verziert, auch Papp-CDs (eine mit dem bekennenden Titel „Die offenen Hosen“) und zerknautschte Cola-Dosen liegen herum. All dies in Weiß, und rot umrandet, alles wie im richtigen Leben, eben nur Pappe.

Das Plakat zur Vernissage am gestrigen Sonntag und der Menüplan waren auch so gemacht, die Wurstbouletten und Minipizzen zur Atzung der ersten Besucher hoffentlich nicht, denn die Installation „Auf aengstem Raum“ ist quasi eine Welt-Premiere! Zum allgemeinen Interieur von „Anna im Trubel“ gehören aber auch ein paar Gemälde, Porträts von gehörnten, humanoiden Wesen mit wunderschönen Augen, ganz traurig, ganz friedlich, ganz lieb. Dafür ist die Standuhr brutal von einem Stift durchbohrt, es blutet. Das ist die andere Seite.

Seltsame Ambivalenz: Obwohl hienieden alles nur Pappe ist, findet man Trubels Credo inmitten: „den Rand zum Licht erreicht ich nicht – ich bleib hier unten – ewiglich“.

Mit Darnstädts Buch „Metazyklen“, seine Präsentation ist für Donnerstag um 16 Uhr geplant, ging es anders herum. Er schrieb, sie machte ganz hervorragende Illustrationen. Somit macht diese tolle Ausstellung – praeclara sunt rara! – mal wieder klar, wie wichtig „die Dinge hinter den Dingen“ sind, und dass Kunst sehr wohl zu seinem Ursprung zurückfinden kann. Als Spiel, als etwas Künstliches, und: dass es hier unten nichts Ewiges gibt. Alles nur Pappe! Gerold Paul

Die Ausstellung „Auf aengstem Raum“ ist bis zum 5. Juni täglich von 16 bis 18 Uhr zu sehen in der Alten Potsdamer Straße 5.

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