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  • 22.04.2016
  • von Henry Klix

Abschluss des Verkehrsprojekts 17: Havelausbau light

von Henry Klix

Graugansfamilie auf der Mittleren Havel. Foto: dpa

Die Mittlere Havel wird zwischen Ketzin und Brandenburg/Havel nur noch umweltschonend leicht vertieft. Es ist der letzte Lückenschluss für das Verkehrsprojekt 17 und ein Riesenerfolg der Umweltschützer. Eine Flussverbreiterung wird es nicht mehr geben.

Es geht also doch: In einer letzten großen Kraftanstrengung soll der Havelausbau nun umweltschonend vollendet werden. Noch in diesem Jahr soll das Planfeststellungsverfahren für das letzte große Nadelöhr in der Mittleren Havel beginnen. Mit Widerständen wird beim Wasserstraßenneubauamt Berlin nicht mehr gerechnet, aus gutem Grund: Die Ausbauplanungen wurden auf Druck von Umweltschützern massiv abgespeckt.

Planspiele für 27 Meter tiefe Uferabbaggerungen, die in den 90er-Jahren Bürgerinitiativen und Umweltschützer auf die Barrikaden gebracht hatten, sind Vergangenheit. Die Uferzonen zwischen Ketzin und Brandenburg/Havel werden nicht mehr angerührt. Als das Wasserstraßenneubauamt die eingedampften Pläne am Mittwochabend in Ketzin erstmals öffentlich vorstellte, begrüßten viele der etwa 30 anwesenden Bürger, dass ihr Naturparadies erhalten bleibt. Es kam sogar die Frage auf, warum das noch „Ausbau“ heißt und ob die 28 Millionen Euro teuren Investitionen überhaupt Sinn machen.

Schon fast zwei Millarden in Projekt 17 investiert

Rolf Dietrich, Leiter des Wasserstraßenneubauamtes, erklärte, warum man vom Havelausbau nicht ganz abrücken kann, nachdem der größte Teil des „Verkehrsprojektes 17“ abgeschlossen ist und bald zwei Milliarden Euro ausgegeben wurden. Ziel des Nachwendeprojektes: Ost-Wasserstraßen zwischen Berlin und Magdeburg auf Westniveau zu bringen. Schubverbände mit 3500 und Gütermotorschiffe mit 2100 Tonnen Ladung sollen vom Westhafen Berlin und dem Hafen Wustermark nach Hamburg schippern können, bislang ist die Grenze bei 1300 Tonnen erreicht. Mit der höheren Ladung werde der Schiffstransport wirtschaftlicher und nicht nur Dietrich hofft, dass damit das Lastschiff zur Konkurrenz für den Laster wird.

Ein typisches Güterschiff ersetze gut 100 Lkw. Damit es fahren kann, sollen in der Mittleren Havel und auch auf der Berliner Nordtrasse nun bis 2021 die letzten beiden Projekt-17-Lücken geschlossen, die Flussabschnitte aber nur noch ganz leicht vertieft werden. Wermutstropfen für die Güterschifffahrt: Ein Begegnungsverkehr großer Schiffe, anfangs noch angedacht, wird nur an wenigen Stellen möglich sein. Steuermänner müssen sich an Wartestellen per Funk und Radar abstimmen, ob die Fahrrinne frei ist.

2019 beginnen die Bauarbeiten

Die Flusshavel zwischen Ketzin und Brandenburg ist mit 22 Kilometern der weitaus größere Abschnitt. Der Fluss ist in dem Bereich verschlungen und von Natur- und Vogelschutzgebieten flankiert. Biber, Fischotter, Brut- und Rastvögel fühlen sich hier wohl. Die Erfassung von 1000 teils streng geschützten Arten für das Ausbauprojekt durch das Institut für Umweltstudien in Potsdam ist so genau geraten, dass die Planfeststellungsbehörde sie nur Umweltverbänden, nicht aber der Öffentlichkeit vorstellen möchte, um Wilderei zu vermeiden.

Nach der Planfeststellung beginnen voraussichtlich ab 2019 die Bauarbeiten: Der Havel werde, wie es Dietrich bildhaft formulierte, „die Zähne geputzt“. Statt Uferbereiche ab- und den Fluss metertief auszubaggern, soll nun lediglich auf rund einem Drittel der Strecke eine rund 20 Zentimeter dicke Sedimentschicht abgeschabt werden. Statt vier Meter werde die Havel zwischen Ketzin und Brandenburg am Ende durchgängig 3,20 bis 3,50 Meter tief sein. Im Zuge der Arbeiten werden Ufereinfassungen auf einem Fünftel der Strecke instand gesetzt, was laut Dietrich ohnehin wieder nötig sei.

Dem Aktionsbündnis gegen den Havelausbau sei Dank

Der naturschonende Ausbau ist dem Aktionsbündnis gegen den Havelausbau zu verdanken. Stellvertretend für das Bündnis hatte der Bund für Umwelt und Naturschutz vor acht Jahren gegen den Planfeststellungsbeschluss für den Sacrow-Paretzer Kanal geklagt. Man verglich sich vor dem Bundesverwaltungsgericht und schließlich entschied das Bundesverkehrsministerium, Havel und Spree nicht mehr für den uneingeschränkten Begegnungsverkehr von Großmotorgüterschiffen aufzuweiten. Umweltschützer feierten damals den nach jahrelangem Ringen kaum noch erwarteten Erfolg.

Der Ausbau des Sacrow-Paretzer Kanals hat unter diesen Vorzeichen gerade begonnen und soll 2018 abgeschlossen sein. Allein dort können nun laut BUND mehr als 900 Bäume gerettet und Flussabschnitte ökologisch aufgewertet werden. Auch Wasserstraßenbauer Dietrich scheint sich daran zu freuen: Er präsentierte am Mittwoch stolz Bilder der Biberburgen, die als Ersatz für drei Biberbauten im Kanal errichtet und bereits bezogen wurden. Für eingesammelte Zauneidechsen, von deren Lebensräumen er detailreich berichtete, wurden für die Bauzeit Übergangsquartiere gebaut.

So sorgsam sollen auch in der Mittleren Havel unvermeidbare Eingriffe abgemildert werden. Alle Ufer sollen, wo für neue Einfassungen Gehölze weichen müssen, nachher aussehen wie jetzt, versprach Dietrich. Und ergänzte noch, dass seine Bauleiterin Nabu-Mitglied ist.

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