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  • 21.03.2016
  • von Gerold Paul

Darf man das zeigen?

von Gerold Paul

„Kiefernwald-Studie“. So manches Standardwerk der Ornithologie und Botanik war seinerzeit mit Erich Schröders Bildern illustriert. Repro: Andreas Klaer

Der Wilhelmshorster Geschichtsverein diskutiert das Werk des Malers Erich Schröder – der auch Ortsgruppenleiter der NSDAP war

Michendorf - Dem Geschehenen nachzuforschen, ist immer aller Ehren wert, schließlich kann man sich seine Vergangenheit ja nicht aussuchen. Voraussetzung dazu sind eigentlich nur der gute Wille und ein ehrliches Herz, so kommt man auch mit den heikelsten Themen zurecht. Eines davon haben die „Freunde und Förderer der Wilhelmshorster Ortsgeschichte e. V.“ um den promovierten Historiker Rainer Paetau jetzt im Wortsinn öffentlich gemacht, denn seit dem Wochenende gibt es im örtlichen Gemeindezentrum eine höchst anregende Ausstellung mit dem Bildwerk von Erich Schröder.

Gleichwohl auch er nur ein Leben lebte, erscheint dies für den Heutigen beinahe wie zwei. Auf der einen Seite hat man es mit einem begnadeten Tier- und Kunstmaler zu tun, auf der anderen war er als überzeugter Nationalsozialist seit 1934 NSDAP-Ortsgruppenleiter in Wilhelmshorst, vergleichbar dem Parteisekretär nach dem Krieg.

Der Verein bemüht sich seit vielen Jahren, wichtige Personen des Ortes in ihrer „Ambivalenz“ zu zeigen. Schröder sei, so Paetau, in Wilhelmshorst ja kein Einzelfall gewesen. Auch bei anderen Promis – Architekten, Künstlern, Wissenschaftlern – habe es vor und nach 1945 gewisse Verstrickungen mit der jeweiligen Macht gegeben. „Die Ausstellung will seine Biografie nicht verschweigen. Man muss die Geschichte so annehmen, wie sie gewesen ist“, fügte er bei seiner biografischen Skizze hinzu. Zum historischen Kontext gehöre, dass Schröder als Amtsträger „mittendrin“ war. Trotzdem: „Schlimmes hat er ja nicht gemacht.“

Geboren wurde der Künstler 1893 in Berlin. Sein Vater war Holzstecher und, nota bene, Tiermaler. Teilnahme an Weltkrieg I, seit 1916 ohne Fronterfahrung. Mitte der 20er-Jahre Umzug nach Wilhelmshorst, 1928 Hausbau an der Potsdamer Straße, 1932 NSDAP, Mitglied auch im „Kampfbund für deutsche Kultur“, woraus sich, nach Paetau, auch dessen Motivwahl erkläre: „Er wollte wissen, was das Deutsche an der deutschen Kunst“ sei, und fand es in Worten wie Heimat, und Mythen, wovon diese reiche Ausstellung so viel Zeugnis gibt.

Der scharfgesichtige Loki mit stehendem Haar, Siegfried wider den Drachen, kolorierte Linoldrucke zur nahe liegenden Themen, Akt, Porträts, Sorbisches mit Pumphut und Buschmüller. Seine Illustrationen zu Grimms Märchenschatz sind zum Verlieben schön. Doch auch der dornenkronige Jesus ist dabei, Leben und Tod. Viel Zeugnis auch in den Vitrinen. Schwach hingegen sein Aquarell-Werk.

Vor allem war er ein gefragter und viel engagierter Tier- und Pflanzenmaler, wovon es besonders im Treppenhaus tolle Kostproben gibt. Schon deswegen sei diese „erste Schröder-Ausstellung“ auch Schulklassen anempfohlen, so manches Standardwerk zu Ornis oder Botanik war ja mit seinen Arbeiten geziert.

Doch ob nun Tier, Pflanze oder Landschaft, letztlich malte er immer seine Heimat, so Paetau weiter. Nun, dagegen dürften bestenfalls hartleibige Kosmopoliten etwas einzuwenden haben.

Die Kunsthistorikerin Antje Ziehr führte künstlerisch in Schröders Werk ein. Anfang der 50er-Jahre wurde es in Mappen nach Württemberg geschickt. Jetzt kehrt es in die heimatlichen Gefilde zurück, ein fast unbekanntes Œuvre in toto. Genauso erstaunt war man auch im Verein bei der Ausstellungs-Vorbereitung. „Wunder über Wunder“ hatte man da entdeckt, kaum erforscht, fast noch nie gezeigt.

Aber das ändert sich, in Berlin, Saarbrücken und Hamburg würden jetzt auch Maler aus der NS-Zeit vorgestellt, sagte Antje Ziehr. Gut so, wäre hinzuzufügen, schließlich ist jedes Geschehen zuerst einmal ganz, erst später wird es so merkwürdig ambivalent. Ein unendliches Thema mit 1000 Fragen?

Der NS-Ortsgruppenleiter Schröder endete tragisch. Gleich 1945 hatten ihn die Russen als Amtsträger verhaftet und in ein Lager verschleppt. Seine Familie floh 1950 in den Westen, er selbst wurde acht Jahre später amtlicherseits für tot erklärt. Sein Werk aber ist Geschichte für heute. Wer viel fragt, bekommt auch viel Antwort. Der Ortsverein jedenfalls stellt Schröders Vita und Œuvre (durchweg Repros) im Rahmen seiner „Orts-Erkundungen“ einfach zur Diskussion – und die wird nicht lange auf sich warten lassen. Das ist gut für die Wissenschaft, gut auch für eine Gesellschaft, die sich ihrer Freiheit rühmt. Dabei geht es gar nicht um 1000 Fragen, um eine einzige geht es.

Die wichtige und mutige Expo – Schröders Kinder Hermine und Ekkehard waren Ehrengäste der Vernissage – ist bis zum Herbst im Gemeindezentrum zu sehen, Repros und ein Fotobuch kann man erwerben, auch thematische Führungen sind möglich.

Gemeindezentrum Wilhelmshorst, Albert-Schweitzer-Straße 9–11, Termin-Vereinbarung unter Tel.: (033205) 447 79.

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