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  • 15.03.2016
  • von Henry Klix

Baumblütenfest in Werder (Havel): Es kann nur eine geben

von Henry Klix

Cindy Linke ist neue Blütenkönigin von Werder. Die 27-Jährige ist seit Jahren die Erste, bei der das nicht erst einen Tag vor der Eröffnung des Blütenfestes bekannt gegeben wird. Foto: Johanna Bergmann

Cindy Linke wird neue Blütenkönigin von Werder. Die 27-Jährige lebt erst seit drei Monaten in Werder - und bekommt als einzige Bewerberin jetzt einen exklusiven Intensivkurs zur Blütenstadt.

Werder (Havel) - Einen solchen Intensivkurs zur Blütenstadt hat ein Zuzügler noch nie bekommen: Cindy Linke wohnt „offiziell“ seit dem 1. Januar in Werder, „inoffiziell auch erst seit Mitte Dezember letzten Jahres“, wie sie auf Nachfrage lächelnd eingesteht. Sie hat sich, angestoßen von ihrer neuen Arbeitgeberin, der Tierärztin Inga Vetrella-Paare, als Baumblütenkönigin beworben. Und weil sie die einzige Bewerberin ist, stand schon gestern fest: Sie wird es auch. Mehr Werder geht nicht als neun Tage Baumblütenfest, und das als neue Blütenkönigin.

In den vergangenen Wochen hatte die 27-Jährige noch Bammel, ob sie einen Pfirsichast vom Kirschast unterscheiden kann. So etwas kann entscheidend sein, wenn sich die Jury aus Obstbauern und Festsponsoren – Lokalpatrioten durch und durch – ein Bild über die Bewerberinnen macht. Cindy Linke hat alles gelesen und gelernt, was sie über Werder finden konnte, hat sich an den Obstgarten ihrer Eltern erinnert und zwei Bände der Stadtchronik gelesen, die erst zum 700. Stadtjubiläum im kommenden Jahr erscheinen soll und noch gar nicht fertig ist. Und jetzt – geht es auch so.

Sie war noch nie beim Blütenfest

Neue Erfahrungen warten nun, am Wochenende hat Cindy Linke erstmals Obstwein probiert: „Jetzt weiß ich, warum man Bretterknaller dazu sagt.“ Und jeden Tag, wenn sie über die Insel läuft, wo sie jetzt wohnt, versucht sie sich das Getümmel vorzustellen, wenn sich die Straßen vom 30. April bis zum 8. Mai mit Zehntausenden Menschen füllen. Sie war ja noch nie beim Baumblütenfest.

Cindy Linke wird darauf vorbereitet, wird noch mehr dazulernen. Aus den Jurymitgliedern werden nun „Coaches“. Die traditionelle Fahrt durch die Obstplantagen, bei der sich bislang entschieden hat, welche Bewerberin die neue Königin wird, soll es nun mit ihr allein geben: als exklusive Trainingsfahrt.

Cindy Linke stammt aus Pasewalk („Müssen Sie das schreiben?“), hat dort eine Lehre als Tiermedizinische Fachangestellte absolviert, bevor sie über die Stationen Hamburg und Berlin durch eine Freundin, die es beruflich bereits herverschlagen hatte, in Werder landete. Ihr Lächeln und ihre Ausstrahlung stimmten gestern schon mal, die Fotografen hatten es leicht. Auch ihre Hobbys passen in die Stadt an der Havel: Fahrradfahren, Joggen, mit dem Hund die Gegend erkunden, Musik hören, Freunde treffen.

Obstbauer Wels: "Irgendetwas wird schon blühen"

Letzteres ist ja – unter blühenden Obstbäumen – geradezu der tiefere Sinn des Blütenfestes. Eine Prognose, ob die Obstblüte terminlich passt, möchte Jurymitglied und Obstbaumeister Heiko Wels noch nicht abgeben. „Solange die Nächte kalt sind, kann man das nicht sagen.“ Aber so wie jedes Jahr werde wohl auch diesmal irgendetwas blühen: Falls der Pfirsich vorbei ist, die Kirsche; falls die vorbei ist, der Apfel. Der Obstwein stehe auch schon bei den Kellermeistern bereit, wie jeden Frühling in Werder.

Und dennoch: Nur eine Bewerberin für den Blütenthron? Das hat es seit der Wende nicht gegeben. Ist das ein Indiz, dass das Interesse an der Baumblüte abnimmt? Werders 1. Beigeordneter Christian Große (CDU) hat mit der Frage schon gerechnet, er glaubt das nicht. „Es war auch in anderen Jahren manchmal nicht so einfach, Kandidatinnen zu finden.“ Die Zeiten hätten sich geändert, den persönlichen Einsatz neben der Arbeit würden junge Frauen nicht mehr ohne Weiteres auf sich nehmen wollen, und Unterstützung der Arbeitgeber werde für den zwölfmonatigen Terminmarathon nach dem Fest auch benötigt. „Vielleicht müssen wir auch mal etwas am Bewerbungsverfahren ändern“, überlegte Große gestern, vielleicht sei es aber auch nur eine Phase. Am Ende sei es doch gut, wieder eine Bewerberin gefunden zu haben. „Noch dazu mit einem solchen Mut.“

Eine Tüte Selbstvertrauen dazugewonnen

Einiges wird wie immer, einiges anders laufen als in den vergangenen Jahren beim Blütenfest. Aus dem Namen der Neuen wurde sonst ein großes Geheimnis gemacht, der Umschlag mit ihrem Namen erst zum Baumblütenball geöffnet, am Freitag vor dem ersten Festwochenende. Noch-Blütenkönigin Tamara Thierschmann erinnerte sich gestern an die bangen Momente. Tolle Menschen habe sie seitdem kennengelernt, immer wieder auf Bühnen gestanden, auf dem Frischemarkt ins Mikro gesungen, bei der Grünen Woche für Werders Obstbau geworben und im vollen Ornat in der VIP-Lounge des Olympiastadions Hertha beim Spiel gegen Borussia Dortmund angefeuert. Ganz umsonst war es nicht.

Auf den Mund sei sie schon vorher nicht gefallen gewesen. „Aber die Amtszeit hat mir nochmal eine Tüte Selbstvertrauen gegeben“, sagt Thierschmann. So kann es auch für ihre dunkelhaarige Nachfolgerin laufen. Alle Eindrücke aufsaugen wie ein Schwamm, lautet Thierschmanns Tipp, nur den Obstwein nicht. Und falls es doch mal ein Gläschen zu viel wird, hat sie einen Geheimtipp gegen die brennende Speiseröhre: Talcid.

 

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