25.06.2016, 31°C
  • 27.02.2016
  • von Enrico Bellin

Neues im Werbeturm

von Enrico Bellin

Schmucker Turm. Auf zwei Etagen wird die Ziegeleigeschichte erzählt, aufgearbeitet von Barbara Czycholl und Wolfgang Firl (o.). Allein die Ziegelei Borchmann beschäftigte einst 30 Mitarbeiter (M.). Ein Ringofen ist noch in Betrieb. Fotos/Repros: A. Klaer

Das Ziegeleimuseum zeigt in einer neuen Ausstellung die Entwicklung der Steinproduktion rund um den Glindower See. Besucher können einen Rundgang durch die letzte noch aktive Produktionsstätte machen

Werder (Havel) - Fußgänger freuen sich im Jahre 1773, als nach monatelangen Bauarbeiten die neue Strengbrücke über den Kanal zwischen dem Glindower See und der Havel fertig ist und sie endlich wieder ohne Boot nach Geltow kommen. Beim Blick über die Brüstung sehen sie statt blauen Wassers jedoch nur Gelb: Lastkähne mit Ziegeln stauen sich im schmalen Wassergraben, dem einzigen Weg, um Ziegel aus Glindows Brennereien nach Potsdam und Berlin zu liefern.

„Allein in Glindow gab es in der Hochzeit des Tonabbaus sieben Ziegeleien“, erklärt Barbara Czycholl beim Rundgang durch das Ziegeleimuseum am Westufer des Glindower Sees. Seit acht Jahren recherchiert die 80-Jährige zum Tonabbau, im vergangenen halben Jahr hat sie eine neue Ausstellung für das Ziegeleimuseum konzipiert. Darin werden alle sieben Standorte, die rund um das Seeufer verteilt waren, vorgestellt. „Ziegeleien waren um 1870 herum zu einer guten Geldanlage geworden, Rechtsanwälte und Tierärzte haben in Glindow dort Ziegeleien eröffnet, wo heute der Fußballplatz oder der Supermarkt sind“, so Czycholl. Der Grund für den Ziegelboom: Mit der Reichsgründung 1871 wurde Berlin zur deutschen Hauptstadt auserkoren, was mit einem Bauboom einherging.

Doch die Geschichte des Tonabbaus in Glindow reicht wesentlich weiter zurück, wie in der neuen Ausstellung, die am Mittwoch eröffnet wird, klar wird. Im Jahre 1689 wird die „Acta die Ziegelscheune bey Glindau und Petzau betreffend“ angelegt, Barbara Czycholl fand sie bei Recherchen im Potsdamer Landeshauptarchiv. Ein Abdruck des Deckblattes ist ausgestellt. Darin wird dem Investor Daniel Block die Erlaubnis erteilt, eine Scheune und zwei Ziegelöfen zu errichten und sechs Jahre lang zu betreiben. Die Rechte am Tonabbau gehörten damals dem Staat Preußen, gegen Konzession vergab er sie an Unternehmer. Erst nach dem siebenjährigen Krieg (1756–1763) musste Friedrich der Große wegen Geldmangels die Ziegeleien und die Rechte am Tonabbau verkaufen.

Zwischen 3500 und 4000 Besucher lassen sich in Glindow jedes Jahr die Geschichte des Tonabbaus erklären, sagt Wolfgang Firl, einer der drei ehrenamtlichen Museumsführer des Fördervereins Historische Ziegelei Glindow. „Kurz nach der Wende waren es noch 16 000, da kamen viele Besucher aus Berlin.“ Jahr für Jahr sei der Zustrom abgeebbt. Mit der neuen Ausstellung, die die erste im Zusammenhang mit dem 700. Jubiläum der Stadt Werder ist, sollen nun wieder mehr Gäste kommen. Der Museumsturm wäre einem Ansturm gewachsen, er wurde erst im vorigen Jahr renoviert. „Der Turm war beim Bau ein Referenzobjekt und reine Werbung“, sagt Firl. Zwar werde er auch als Wärterturm bezeichnet, dass von dort oben aber tatsächlich die Ziegeleien bewacht wurden, sei nicht belegt. „Die Berliner kamen früher mit Ausflugsdampfern bis auf den Glindower See, da konnten sie am Turm sehen, wie hochwertig die Glindower Ziegel waren“, so Firl.

Die Besucher des Ziegeleimuseums können ab Mittwoch sogar wieder beobachten, mit welchem handwerklichen Geschick die gelben Ziegel hergestellt werden: Direkt neben dem Museum liegt die einzige noch produzierende Ziegelei, aus ihr stammen etwa die Steine, mit denen die Fassade des Babelsberger Schlosses saniert wurde. Firl und seine beiden Kollegen zeigen in der rund 90-minütigen Führung den kompletten Produktionsprozess, sogar auf und in den Ringofen können die Besucher steigen.

In Zukunft sollen sie auch sehen können, wo der Ton für die Ziegel einmal abgebaut wurde. Auf 800 Metern Länge soll eine Feldbahn vom Ziegeleimuseum bis zum Rand einer Tongrube in den Glindower Alpen, der Hügelkette hinter der Ziegelei, führen. Derzeit wird dafür ein Umweltgutachten für die Untere Naturschutzbehörde erstellt.

Wann die Bahn fahren könnte, wagt beim Förderverein bisher jedoch niemand einzuschätzen. Neben dem Gutachten fehlt es an Arbeitskraft, der Verein hat nur etwa 20 Mitglieder. „Außerdem brauchen wir mehr Menschen, die bereit sind, mittwochs und am Wochenende Führungen anzubieten“, sagt Wolfgang Firl. Mit 75 Jahren ist er noch der jüngste der drei Museumsführer. Mit mehr Ehrenamtlichen könnte man das Museum zumindest auch am Sonntag wieder öffnen. Auch müsse der Werderaner Nachwuchs Firl zufolge stärker für die Ortshistorie begeistert werden. „Wir haben zwar oft Architekturstudenten hier. Aber Schulklassen aus der Region melden sich nicht an.“

Märkisches Ziegeleimuseum Glindow, Alpenstraße 44, Mittwoch und Samstag von 10 bis 16 Uhr, Eintritt 6, ermäßigt 4 Euro.

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