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  • 24.02.2016
  • von Solveig Schuster

Erstes Flüchtlingsbaby in der Teltower Region: Geboren, um zu bleiben

von Solveig Schuster

Foto: Solveig Schuster

Eine syrische Familie hat Zuwachs bekommen. Ein Besuch bei Taim, dem ersten Flüchtlingsbaby der Teltower Region.

Teltow - Azza lächelt freundlich und weist auf einen Holzstuhl am weißen Küchentisch. „Setz dich, bleib!“ bittet sie. Gerade hat ihr Mann Abdulhafid ein großes Backblech mit Baklava abgestellt und beginnt, das braungebrannte Blätterteig-Gebäck in kleine Stücke zu zerteilen. „Du musst“, springt Sidra ihrer Mutter fröhlich bei und stellt sich demonstrativ vor die Tür zum Flur.

Wer einmal die kleine, spartanisch eingerichtete Teltower Zwei-Zimmer-Wohnung der syrischen Familie betreten hat, kommt nur schwer wieder hinaus. Das Leben pulsiert und schließt jeden Gast unwillkürlich ein. Die Umstände, die die inzwischen siebenköpfige Familie von Syrien über den Libanon nach Österreich und schließlich von Potsdam nach Teltow führten, sind in diesen Momenten kaum präsent, fast scheinen sie vergessen.

In Potsdam geboren: Taim ist das erste Flüchtlingsbaby

Azza strahlt, voller Lebensmut und Freude. Der orangene, knallig leuchtende Pullover zaubert zusätzlich Farbe in ihr hübsches Gesicht. Gerade hat die 31-Jährige ihr fünftes Kind zur Welt gebracht. In der Nacht zum 10. Januar kam Taim im „Ernst von Bergmann“-Klinikum in Potsdam zur Welt. Noch weiß er nicht, dass ihm schon heute der Status des Besonderen anhaftet. Taim ist das erste Baby einer Flüchtlingsfamilie, das in der Region geboren worden ist.

Geburtsurkunde und Gesundheitskarte der Krankenkasse hat er schon, in ein paar Jahren vielleicht auch einen deutschen Pass. Azza und ihr Mann träumen davon, dauerhaft in Deutschland zu bleiben. „Ich möchte, dass meine Kinder hier zur Schule gehen“, erklärt die junge Mutter. Da wo sie herkommen, sei alles zerstört. Zurzeit lernen die drei größeren Kinder Sidra, Abdullah und Qamar (10, 11 und 12 Jahre) mit deutschen Kindern und anderen Flüchtlingskindern des Teltower Übergangswohnheimes in der benachbarten Stubenrauch-Grundschule. Später, erzählt Azza, werden sie vielleicht nach Potsdam ziehen.

Noch wenige Worte, aber mit Bedacht gewählt

Doch erst einmal muss Abdulhafid eine Arbeit finden. Der gelernte Konditor spricht noch nicht so gut Deutsch. Einen Monat lang hat der 42-Jährige gemeinsam mit seiner Frau einen Sprachkurs besucht. Noch mindestens weitere fünf Monate muss er die Schulbank drücken, bis das Jobcenter ihn vermitteln kann, erzählt Azza. Sie wählt ihre Worte mit Bedacht, noch sind es wenige, aber zusammen ergeben sie schon ein sehr gutes Bild. Azza lernt mit ihren Kindern, wenn diese aus der Schule kommen, sagt sie. Das Wörterbuch liegt griffbereit auf dem Tisch. Ihren eigenen Sprachkurs konnte sie irgendwann nicht mehr fortführen. Als sie hochschwanger war, wurde ihr das Sitzen zu schwer.

„Sie ist unglaublich wissbegierig“, erzählt Eva Wieczorek, die in den zurückliegenden Monaten zu einer engen Vertrauten der Familie geworden ist. Sie besucht sie regelmäßig, bringt Geschenke für die Kinder, Kuchen, hilft bei den Hausaufgaben. Eigentlich engagiert sich die Vorstandsfrau der Potsdamer Bündnisgrünen im Erstaufnahmelager in der Landeshauptstadt. Dort hatte sie vor knapp einem halben Jahr auch Azza und ihre Familie kennengelernt.

Zurück nach Teltow

Damals trug Azza ihren jüngsten Sohn noch im Bauch. Dann plötzlich, von einem Tag auf den anderen war die Familie weg, erinnert sich Eva Wieczorek. „Ich wusste nicht wohin.“ Der Zufall führte sie wieder zusammen. Eine gemeinsame Bekannte sah Abdulhafid mit den Kindern an einer Straßenbahnhaltestelle. Eva Wieczorek erfuhr, dass Azza gerade zum fünften Mal Mutter geworden war. Vier Tage blieb Azza im Bergmann-Klinikum, dann kehrte sie mit dem jüngsten Familienzuwachs nach Teltow zurück.

Sanft streicht Eva Wieczorek dem Baby über den Rücken, das voller Urvertrauen seinen kleinen Kopf an ihre Brust schmiegt. Im Flur sitzt der zweijährige Omar und blättert zufrieden in einem Bilderbuch. Sein Bruder Taim schläft noch viel. Einen Monat lang hat ihn seine Mutter unter großen Strapazen durch halb Europa getragen. Im Vergleich zu dem, was sie auf der Flucht erlebte, war die Geburt ein Kinderspiel, erzählt sie.

Ein normales, gesundes Kind

Im Schlauchboot mit zwei fiebernden Kindern an der Seite, da hatte sie Angst, sagt Azza. Jetzt ist alles überstanden, weit weg, vorbei. In Deutschland bekam die werdende Mutter Vitamine, Taim war zu klein, doch er entwickelte sich gut. Zur Geburt war er bereits 48 Zentimeter groß, wog etwas über 3100 Gramm. Ein normales, gesundes Kind.

Eva Wieczorek brachte Azza die wichtigsten Vokabeln bei: Medikamente, Gemüse, Obst. Heute findet sich die Hausfrau und Mutter bereits gut zurecht, kann selbstständig einkaufen, öffentliche Verkehrsmittel nutzen. Im nahen Gesundheitszentrum in Teltow werden Säugling und Mutter auch nach der Geburt betreut und versorgt. Noch werden Azza und ihre Familie von vielen ehrenamtlichen Helfern unterstützt. Irgendwann wollen sie jedoch auf eigenen Beinen stehen. Azza, die bisher noch keinen Beruf erlernt hat, will auch irgendwann arbeiten gehen, in einem Blumenladen vielleicht, meint sie.

Auf die Frage nach einem Foto für die Zeitung nickt Azza freundlich. „Ja, ja“, sagt sie. Einen kurzen Augenblick später verlässt sie die Küche und kehrt in einen schwarzen Mantel gehüllt zurück, auch ihre langen, dunklen Haare hat sie jetzt unter einem schwarzen Tuch verborgen.

Spannende Begegnung der Kulturen

Eben noch hatte sie wie selbstverständlich ihren orangenen Pullover über ihre Brust geschoben und Taim ohne Zurückhaltung zum Stillen angelegt. Die Begegnung der Kulturen sei spannend, sagt Eva Wieczorek, die die Bekanntschaft mit der jungen Frau als „sehr bereichernd“ empfindet. Missen möchte sie den Kontakt nicht mehr.

Sidra hat sich inzwischen einen Pappteller geschnappt und zwei lange Gebäckstreifen darauf drapiert. „Für dich und deine Familie“, sagt das zehnjährige Mädchen und streckt lächelnd ihren Arm vor. „Warte“, sagt sie dann, verschwindet kurz und kehrt mit einer Plastiktüte zurück. Weil der Abschied unabwendbar scheint, wickelt sie die Gabe für den Heimweg sorgsam ein.

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