02.12.2016, 5°C
  • 13.02.2016
  • von Enrico Bellin

Glindow: Vom Serengeti-Camp ins Apfelhotel

von Enrico Bellin

Gut angebunden. Das Apfelhotel liegt an der Bundesstraße, gleich gegenüber vom Plessower See.

Sabine Jorke betreibt in Glindow eine Unterkunft, die neben einem Bett viele Reisegeschichten bietet.

Werder (Havel) - Es war ein großer Sprung für Sabine Jorke, von der Kenianischen Serengeti in die Glindower Apfelplantagen. Vor einem Jahr übernahm die 53-Jährige gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Wolf-Wilhelm Sittig das Glindower Apfelhotel an der Bundesstraße 1, eröffnet hatte sie es nach Umbaumaßnahmen im vergangenen Sommer. Vorher hat sie acht Jahre lang in Kenia gelebt und von dort aus den ganzen Kontinent bereist.

Eigentlich ist die im sächsischen Pirna geborene Jorke Sozialpädagogin. „Nach der Ausbildung wollte ich dann irgendwann wissen, ob das auch im Ausland geht“, so die 53-Jährige. Also reiste sie quer durch Afrika, schrieb nebenbei Reiseberichte und Bücher über ihre Touren und landete schließlich im Tourismussektor. „Vier Jahre lang habe ich im Busch im Kenianischen Masai Mara Nationalpark ein Camp mit Bewertungen zwischen vier und fünf Sternen geleitet, aber ich wollte als Frau nicht allein in Afrika alt werden“, beschreibt sie ihre Motivation, nach Deutschland zurückzukehren. „Im Camp habe ich mich gefühlt wie im goldenen Käfig.“ Wegen der wilden Tiere habe sie sich im Busch nicht frei bewegen können. Und in afrikanischen Städten mit ihren hohen Abgasverschmutzungen und den fehlenden Radwegen seien Ausflüge mit dem Rad, die Jorke übrigens liebt, ebenfalls kaum möglich gewesen. Also kam sie vor drei Jahren nach Deutschland zurück und lernte ihren Mann kennen, der ebenfalls vom Reisen begeistert ist: Auf seinem Motorrad hat Sittig 120 000 Kilometer quer durch Nord- und Südamerika zurückgelegt. „Wir haben beide auf unseren Reisen so viel Gastfreundschaft erlebt, die wollten wir einfach weitergeben“, so Jorke.

Auf das Glindower Apfelhotel haben sie Bekannte von Sittig aufmerksam gemacht. „Ein Standort mit schöner Landschaft und Radwegen in der Nähe war Pflicht“, so die Betreiberin. Das Hotel, direkt gegenüber des Plessower Sees und mit Anbindung an den Obstpanorama- und Europaradweg, schien ideal. „Ich versuche jetzt in Glindow, Vorurteile abzubauen. Viele begreifen die Dimensionen des Kontinentes nicht“, so Jorke. Einige hätten während der Ebola-Epidemie Angst geäußert, nach Kenia zu fliegen. „Dabei liegt Berlin näher an den betroffenen Ländern in Westafrika als die Serengeti.“ Die Wände des Hotel-Restaurants Granny Smith sind mit Urlaubsbildern von Jorke und Sittig geschmückt, gern erzählen sie die Geschichten dazu. Wie sie an einer dörflichen Straßenkreuzung mitten im Nirwana eine kleine Unterkunft mit bröckeligem Putz und dem Namen „Hotel Hilton“ fanden, oder wie Sittig auf den Höhen der Sierra Nevada drei Menschen fand und gerade noch rechtzeitig vor Dunkelheit und Kälte sicher in den nächsten Ort brachte. Angedacht sind auch Dia-Abende im großen Gastraum, auf denen andere Abenteuerreisende ihre Erlebnisse weitergeben können.

Vorerst wird im Restaurant aber gutbürgerliche Küche mit leicht exotischem Touch geboten, wie Ochsenbäckchen mit Apfel-Birnen-Chutney – gekocht von „Oma Schmitz“. So hat ein Gast mal den Restaurantnamen übersetzt, der von der einzigen grünen Apfelsorte der Region, dem Granny Smith, herrührt. Restaurant- und Hotelname hat Jorke vom Vorbesitzer übernommen, im Gegensatz zu ihm zieht sie das Apfelthema aber konsequenter durch. Zum Frühstücksbuffet gibt es unter anderem Apfel-Prosecco-Gelee.

Die Küche ist Sittigs Reich, mittwochs bis sonntags ist das Restaurant geöffnet. Diesen Monat steht Eisbein auf der Karte, klassisch mit Salzkartoffeln, Erbsenpüree und Sauerkraut. Das hätten sich viele Gäste im Januar gewünscht. Die Preise variieren zwischen 8,80 Euro für die Kohlroulade und 27,80 Euro für das Rinderfilet auf Kräuterseitlingen. Vier Teilzeitangestellte arbeiten in Küche und Hotel, in der Hochsaison werden es wohl mehr, sagt Jorke. Sechs Zimmer hat das Hotel, dazu einen Hostelbereich mit Doppelstockbetten für bis zu acht Gäste. „Wir wollen sowohl dem Radreisenden, der im schweren Regenguss schnell eine Unterkunft sucht, als auch Langzeitgästen oder Biker-Gruppen etwas bieten können“, so Sittig. Eine Übernachtung im Hostel gibt es für 25 Euro, ein Zweibettzimmer ab 65 Euro, jeweils mit Frühstück. Durch seine Touren weiß Sittig, was die Gästeklientel braucht: In der Hotelscheune gibt es abgeschlossene Unterstellmöglichkeiten für Räder, eine gut ausgestattete Werkstatt und einen Trockenraum für nasse Biker-Klamotten. Dafür gab es die Auszeichnung „Bett & Bike“ des Fahrradclubs ADFC.

Neben Radreisenden wirbt Sabine Jorke auch um internationale Gäste. Webseiten und Flyer sind auf Deutsch und Englisch, dazu wirbt sie auf Foren für Naturfotografen. Ornithologen aus England seien schon im Apfelhotel gewesen, schließlich ist die seenreiche Landschaft um Werder auch reich an Vögeln. „Die Landschaft ist einer der Gründe, warum Kurzzeitbesucher zu Stammgästen werden“, sagt die Hotelbesitzerin. So gebe es für den Sommer schon Reservierungen von Gästen, die im Vorjahr nur auf der Durchreise waren. Auch sie werden mit ihren Geschichten den Schatz an Reiseberichten im Hotel bereichern.

Social Media

Umfrage

Sollte es ein Rauchverbot an Potsdams Haltestellen geben? Stimmen Sie ab!