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  • 08.02.2016
  • von Gerold Paul

KulTOUR: Schloss Caputh: Was für eine Schule des Sehens

von Gerold Paul

Teufelseule. Geschaffen von Greta, sechs Jahre alt, beim Ferienworkshop. Foto: A. Klaer

Preußens Gespenster: Im Schloss Caputh sind jetzt Kunstwerke zu sehen, die Kinder schufen.

Also, einen echten „Sxingo“ hat man sich so vorzustellen: Er ist 1,29 Meter groß, frisst Fleisch, Fisch, Pilze, Pflanzen und Vögel, kann 300 000 Kilometer laufen und mindestens 1000 Meter tief tauchen. Giftverträglichkeit: Ja. Das Geschöpf mit dem Leopardenkopf und den vier Beinen lebt überall in der Welt, auch bei uns. Die gesamte Population wird auf eine Zahl mit 15 Nullen geschätzt. Natürlich ist das keine Spinnerei, denn der zehnjährige Johann verbürgt sich dafür, und Kinder haben ja noch die Fähigkeit, hinter die Dinge zu schauen. Ihm ist es auch zu verdanken, dass man ein Bild von diesem Fabelwesen bekommt, denn trotz der 15 Nullen vor dem Komma ist der „Sxingo“ wenig bekannt. Wie er also ausschaut, kann man bis zum April hin an jedem Wochenende im Seitenflügel des Caputher Schlosses bestaunen.

Nicht allein den! Auch die Kurfürstin Dorothea hat es dorthin verschlagen, mit Eulenkörper und ihrem eigenen Kopf. Sie ist auf der Pirsch, denn ganz unten im Bild tippelt ein weißes Mäuslein herum. Sie ganz itterig: „Mm, lecker, eine Maus“. Aiden aber hat die Hohe Fürstin als Schnecke gezeichnet, mit dem männischen Titel „Mr. Schreck“. Gesehen und collagiert wo? Im Bild-Fundus der Dorotheischen Immobilie, und dies alles im Rahmen eines Ferienworkshops, den sich das jetzige Schloss-Personal zusammen mit Potsdams Offenem Kunstverein für Kinder von sieben bis zehn Jahren ausgedacht hat. Nicht zum ersten Mal: Dass man dort ein ganz großes Herz für die Kleinen hat, ist seit Langem bekannt. Mehr als 30 aus der Umgebung, aus Berlin und Babelsberg kamen, das „Ferienabenteuer mit neuer Kunst in allen Gemächern“ zu erleben. Kasia Czech, Marion Casejuane und Susanne Nitsch bildeten das künstlerisch leitende Trio.

Zwei Tage Fantasie also, mit Führungen beginnend, aber unterschiedlich thematisiert. Einmal galt es, Monster und Gespenster auf den Bildern der Schlossgalerien zu finden, im anderen Fall waren die Kinder gerufen, angemessene Kleidung für sich selbst zu entwerfen, falls sie doch mal in die Verlegenheit kämen, in diesem bescheidenem Heim zu wohnen. Was da an Entwürfen und Modellen entstand, könnte, falls möglich, selbst den Glööckler erstaunen: Natkas spitzgoldner Zauberhut zum Beispiel, das anmutige Damenkleid mit Schwert und Hut von Greta, eine weiße Polizeiweste (das spricht ja Bände übers Churfürstliche!) mit Versteifungsflies. Konträr dazu steht Johanns Entwurf, einfachste Bauernbluse aus Bastelpapier, weil er nicht will, „dass man immer nur Befehle gibt“. Unter den Entwürfen und Skizzen auf Karton gibt es Prinzen mit Schwertern wie beim Tarot, einen wohl gerüsteten Heldenkopf, Fell- und Teufelseule, und ein Herz, das Beinchen hat. Wohin mag es laufen?

Nun mal Halt! Was haben diese Kinder denn mit inneren Augen gesehen? Eine maskulin und schneckenhaft wirkende Dorothea, eine Damenkollektion gleichsam mit Dolch im Gewande, den Vierbeiner „Sxingo“ eh, aber auch die Wahrheit über Johann Moritz von Nassau, der „das gantze Eyland“ Potsdam behufs eines heimlichen Werks in ein Paradies verwandeln wollte. Ihn haben die Kinder beim Schlossrundgang gleich mehrfach wahrgenommen. Fridtjof gab Nassaus fotokopiertem Porträt einen Entenkörper und ließ ihn auf dem Ozean schwimmen. Er kam ja tatsächlich von Brasilien her. Auch Luisa sah ihn als Zwitterwesen mit Augenmaske (!) und Rehgeweih, obwohl sie von seinen hochmaurerischen Absichten kaum etwas gewusst haben wird. Erwachsene verstehen das Künstliche besser als das Natürliche, so Novalis, doch mit dem „Zauberstab der Allegorie“ wird alles zur Offenbarung. Nicht Wissenschaft, sondern Kinder bringen das geheime Mensch-Tier-Verhältnis im Inneren der Hohenzollern ans Licht, wie bei des Kaisers neuen Kleidern! Also Preußens Gespenster!

Jetzt versteht man auch, warum Anik die Schwester der ersten Kurfürstin namens Marie als Schnee-Eule mit den traurigen Augen zeigt, genau zwischen Mond und Sonne platziert. Das eilende Herz?

Eine wunderbare Ausstellung, eine Sensation! Man sollte die Bilder bewahren, und sie den Eleven jeder Fakultät anempfehlen. Vor allem der Forschung! Es gibt keine bessere Schule des Sehens!

 

Schloss Caputh, bis zum 10. April, immer samstags und sonntags von 10 bis 16.30 Uhr.

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