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  • 03.02.2016
  • von Enrico Bellin

Flüchtlinge in Werder (Havel): Neues Netzwerk gegen die Angst

von Enrico Bellin

Weit ab vom Schuss. Das Gelände war zu DDR-Zeiten Sitz der Bezirksdirektion Straßenwesen und diente später als Unterkunft für Erntehelfer. Das Areal ist kaum erschlossen und es gibt weder Versorgungsmöglichkeiten noch Öffentlichen Nahverkehr. Foto: Henry Klix

Werderaner wollen Flüchtlingen helfen und Kontakt zur Bevölkerung vermitteln, um Vorurteile in der Stadt abzubauen.

Werder (Havel) - Werderaner wollen Flüchtlinge willkommen heißen. Als vor zwei Monaten bekannt wurde, dass im Ortsteil Töplitz ein früheres Bauarbeiterhostel zur Unterkunft für bis zu 80 Menschen umfunktioniert werden soll, hat sich das Netzwerk Neue Nachbarn gegründet. Inzwischen hat es etwa 30 Mitglieder, wie Pfarrer Georg Thimme am Dienstag den PNN bestätigte. Thimme ist einer der Organisatoren der Gruppe. „Wir wollen das Netzwerk jetzt so aufstellen, das wir sofort mit der Arbeit beginnen können, wenn die Flüchtlinge ankommen“, so Thimme. Laut Landratsamt soll die Unterkunft im März bezugsfertig sein.

Dann wollen die Ehrenamtlichen Deutschkurse und andere Beschäftigungen anbieten, entsprechende Arbeitsgruppen haben sich Thimme zufolge bereits gegründet. „Wir haben eine Lehrerin, die auch andere Helfer so schulen will, dass sie den Flüchtlingen erste Deutschstunden geben können.“ Die Freiwilligen sammeln derzeit Geldspenden, um etwa Unterrichtsmaterial besorgen zu können. Eine Mobilitätsgruppe will sich unter anderem um genügend Fahrräder für die Flüchtlinge kümmern. Dafür gebe es regen Austausch mit dem Hilfsnetzwerk der Fercher Erstaufnahmestelle. Auch ein Gärtner gehöre dem Netzwerk an. Er wolle gemeinsam mit den Flüchtlingen einen Garten in Töplitz anlegen. Konkrete Pläne dafür sollen jedoch erst entwickelt werden, wenn klar ist, ob eher Familien oder Alleinstehende nach Töplitz kommen.

Wann die ersten Flüchtlinge in den Werderaner Ortsteil kommen, ist unklar. Seit Jahresbeginn sind im Kreis Sprecherin Andrea Metzler zufolge 26 Flüchtlinge angekommen. Die seit Januar verfügbare Unterkunft für 100 Flüchtlinge im Beelitzer Ortsteil Schönefeld stehe leer. Eine zweite Flüchtlingsunterkunft in Töplitz neben dem Bauarbeiterhostel ist wohl vom Tisch: Eine Unterbringung minderjähriger Flüchtlinge im früheren Kinderdorf habe sich laut Metzler als nicht praktikabel erwiesen. Wie berichtet will die Verwaltung die Minderjährigen nun in Caputh unterbringen, heute um 17 Uhr gibt es dazu eine Infoveranstaltung in der Straße der Einheit 45.

Damit Flüchtlinge, wenn sie denn kommen, akzeptiert werden, will sich das Werderaner Helfernetzwerk auch um den Austausch mit Werderanern kümmern. „Es gibt viele diffuse Ängste in der Bevölkerung, denen man Tatsachen entgegensetzen muss“, so Pfarrer Thimme. Im sozialen Netzwerk Facebook gibt es beispielsweise die Seite „Werder wach auf“, deren Initiator die Asylpolitik der Bundesregierung ablehnt. Die Seite gefällt 376 Personen. Es gibt sie seit Ende Oktober vergangenen Jahres, seit erste Pläne für eine Flüchtlingsunterbringung in Werder bekannt wurden. Gepostet werden Sprüche wie „Überfremdung ist Völkermord“.

Wer genau hinter der Seite steht, ist unklar. Auf ihr werden aber Beiträge der rechtsextremen Splitterpartei „Der III. Weg“ geteilt, mehrere Mitglieder der Partei wohnen in Werder. Der Seitenbetreiber lobt unter anderem eine Rede von Pascal Stolle auf einer Demonstration in Genthin am 17. Januar. Stolle war bis Anfang 2015 NPD-Stadtverordneter in Bad Belzig, ehe er sein Mandat aufgab und zum „III. Weg“ wechselte.

Wie genau das Netzwerk Neue Nachbarn den Vorurteilen einiger Werderaner entgegentreten will, ist noch unklar. Es soll mehrere Begegnungsorte oder gemeinsame Feste geben. Aber: „Es macht keinen Sinn, ein Begegnungscafé im Stadtzentrum einzurichten, wenn die Flüchtlinge draußen in Töplitz sind“, so Georg Thimme. Zwar habe das Netzwerk mehrere Mitglieder in Töplitz, die auch vor Ort aktiv werden wollen. In Werder wurde jedoch immer wieder die sehr abgeschiedene Lage des Bauarbeiterhostels kritisiert, das praktisch keine Anbindung an das Stadtzentrum hat.

Werders Pfarrer spricht sich klar für eine zentrumsnähere Unterbringung aus. „Ich wünsche mir auch, dass die Stadtverwaltung dabei mehr gestaltet und selbst Vorschläge macht, wo Flüchtlinge unterkommen könnten“, so Thimme. Mit ihm habe die Stadt noch nicht über mögliche kircheneigene Grundstücke für Unterkünfte gesprochen. Es gäbe Grundstücke, für die jedoch der Flächennutzungsplan geändert werden müsste.

Kontakte zwischen Helfernetzwerk und Stadtverwaltung gibt es aber: Fachbereichsleiterin Ulrike Paniccia war beim jüngsten Treffen anwesend und berichtete am gestrigen Abend im Sozialausschuss über die Arbeit. 

Spenden: Ev. KKV Potsdam-Brandenburg, IBAN: DE12 5206 0410 0003 9098 59, Verwendungszweck: Netzwerk Werder

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