28.08.2016, 32°C
  • 23.01.2016
  • von Henry Klix

Wieso es in Potsdam-Mittelmark keine Hausboote mehr gibt: Der Traum ist ausgeträumt

von Henry Klix

Abgeschieden. Nur Tiere als Nachbarn. Foto: H. Klix

Leben auf dem Boot: Im Landkreis Potsdam-Mittelmark gibt es für eine solche, anderswo übliche Wohnform fast keine Chance. Warum das so ist.

Werder (Havel) - Klaus Kamolz schaut auf die Spuren auf dem beschneiten Eis der Havel. Wasservögel, Füchse und Damwild haben in den vergangenen Tagen probiert, ob die Eisdecke trägt. Am Rand der Fahrrinne kreuzen sich zwei Spuren und die kleine verwischte Fläche zeigt wohl, überlegt Kamolz, dass sich ein Kampf abgespielt hat. Er lehnt sich über die Reling, zieht die Mütze ins Gesicht. Dann schweift der Blick des 55-Jährigen nach oben, ein Silberreiher schwebt erhaben über sein Hausboot am Töplitzer Hafen hinweg. Es ist genau das Leben, das er sich mit seiner Frau Jana Kamolz vorgestellt hat. Keine Eigentumswohnung in der City, keine Villa am Stadtrand, kein Autoverkehr. Dafür Abgeschiedenheit, Ruhe, Wasser, Natur.

Mit all dem wird es bald vorbei sein: Die erste Beseitigungsanordnung für das Hausboot liegt drei Jahre zurück. Kamolzes haben argumentiert, Widersprüche geschrieben, geredet. Am Ende haben sie sich einen Rechtsanwalt genommen und beim Potsdamer Verwaltungsgericht geklagt. Der Richter bedeutete ihnen: keine Chance. Dafür, dass sie die Klage zurückziehen, bekamen sie eine einjährige Schonfrist, sie endet im April.

Wohlige Wärme in der maritimen Wohnstube

Eine letzte Führung durchs enge Quartier: Eine Miniküche mit großem Esstisch, die Gitarren im Flur, die Schlafkajüte, Minibad, Heizungsraum. Jana Kamolz, deren Landschaftsbilder die Wände schmücken, malt nicht mehr. Die Werkstatt, die sich Klaus Kamolz ausbauen wollte, hat er nicht mehr vollendet. Die ersten Koffer sind gepackt. Dabei ist der alte Wohnkahn, 30 Meter lang, fünf Meter breit, in der zugefrorenen Havel eine Oase. „Eisbär“ hieß er, als er noch als Lehrlingswohnheim des VEB Yachtwerft Eisenhüttenstadt diente.

Ein kleines Windrad und Solarpaneele sorgen heute dafür, den Energieverbrauch überschaubar zu halten. In der maritimen Wohnstube knistert ein kleiner Kaminofen, es herrscht wohlige Wärme. Jana Kamolz kommt mit einer Tasse Tee. Sie findet es absurd, dass diese Lebensform nicht möglich sein soll, dass Leute hinter ihren Schreibtischen entscheiden, was gut für sie ist. Sie seien nicht blauäugig an die Sache herangegangen, sagt ihr Mann, der als Technischer Leiter der Weissen Flotte in Potsdam arbeitet.

Es gibt eine strom- und schifffahrtspolizeiliche Genehmigung für das Wohnschiff an dieser Stelle, technische Auflagen wurden erfüllt. Die Steganlage des Verpächters ist mit Hausbootsliegeplatz genehmigt. Im Binnenschiffsregister ist das Boot als „Wohnschiff“ verzeichnet. Es sei ja gar keine bauliche Anlage – und entziehe sich somit baupolizeilicher Vorschriften, meinte ihr Rechtsanwalt.

Kamolzes haben es dennoch mit einem Bauantrag versucht – es wurde ihnen bedeutet, dass er keine Aussicht auf Erfolg hat. Von der mittelmärkischen Bauaufsicht wird bestätigt, dass im Landkreis noch nie ein Hausboot als Wohnstätte genehmigt worden sei. Was in Hamburg und Berlin zum Stadtbild gehört und die Lausitz attraktiver machen soll, ist in der Mittelmark nicht möglich. Allenfalls, wenn das Wohnschiff in einem Bebauungsplan verzeichnet ist, sagt der Sprecher des Landratsamtes, Kai-Uwe Schwinzert. In den vergangenen zehn Jahren sei man achtmal mit dem Thema befasst gewesen.

Naturschutz oder Wasserrecht berührt

Anders als in Hamburg und Berlin, wo die Wasser- und Schifffahrtsbehörden für das Thema zuständig sind, sieht man in Bad Belzig die Bauaufsicht in der Pflicht, wenn Hausboote „überwiegend ortsfest benutzt werden und der Wochenend- oder Dauerwohnnutzung dienen“, so Schwinzert. Bei allen acht Fällen habe die Baugenehmigung gefehlt, die Kähne mussten weg. Alle hätten in Außenbereichen gelegen. „Hausboote wären hier nur zulässig, wenn keine öffentlichen Belange beeinträchtigt werden“, so Schwinzert. Meist aber werde der Naturschutz oder das Wasserrecht berührt.

Potsdam gibt sich generöser. Erstmals mit dem Hausboot versucht hatte es das Ehepaar Kamolz in der Landeshauptstadt. „Weil das Boot an der Spundwand am alten Stadthafen lag, hatten wir auch einen Bauantrag gestellt“, erinnert sich Klaus Kamolz. Und mit drei anderen Hausbootbesitzern eine Baugenehmigung bekommen. Als das Mompercenter kam, sei ihnen Wasser und Strom abgeschnitten worden. Zwar teilt man in Potsdam die Auffassung des Nachbarkreises, dass für Hausboote Baugenehmigungen erforderlich seien, wie Rathaussprecher Jan Brunzlow sagt. Es gebe aber Stellen, an denen Bauanträge unter bestimmten Voraussetzungen erfolgversprechend sein können, wie in der Neustädter Havelbucht oder an privaten Steganlagen.

Zurück nach Potsdam

Auf der Suche nach Alternativen zum Potsdamer Stadthafen fand das Ehepaar Kamolz vor fünf Jahren den idyllischen Liegeplatz am Kleinen Zernsee in Töplitz, ohne Berührung zum Land. Ein Glücksgriff, dachten sie. Jetzt geht es wieder zurück nach Potsdam – dorthin, wo immer der Wohnsitz war, in die Wohnung nach Waldstadt II. Erstmal haben die beiden vom Kämpfen genug und sortieren die Erinnerungen: eine Kiste voller Fotos, auf denen zu sehen ist, wie sie aus dem völlig verrosteten und hinfälligen Kahn vor 15 Jahren begonnen hatten, ihr neues Zuhause zu machen. Der Traum ist ausgeträumt. „Ich könnte heulen, dass alles vorbei ist“, sagt Jana Kamolz.

Social Media

Umfrage

Statt des Lifts: Soll es eine Rampe zur Alten Fahrt geben? Stimmen Sie ab!