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  • 05.01.2016
  • von Eva Schmid

Jugendliche Flüchtlinge in Kloster Lehnin: Endlich wieder Kind sein

von Eva Schmid

Mit Kochen zurück zur Normalität. Im ehemaligen Lehrlingswohnheim wird jeden Abend Eintopf gekocht, den bereiten die jungen Flüchtlinge vor. Danach essen alle gemeinsam. Foto: E. Schmid

Sie kamen ohne Hab und Gut und ohne Eltern: Seit Oktober leben junge Flüchtlinge in Kloster Lehnin. Ein Besuch.

Kloster Lehnin - Hell erleuchtet ist es, das zweistöckige Haus am Rande von Kloster Lehnin. Das Tor zur Einfahrt steht offen, daran ein Schild mit der Aufschrift: Objekt wird überwacht.

Ganz normaler Wohnheimsalltag - und doch mehr

Wer die Tür zum Wohnheim für minderjährige Flüchtlinge, die ohne Eltern oder Begleitung nach Deutschland gekommen sind, öffnet, dem kommt wuseliges Leben entgegen. Junge Männer rennen die Treppe hoch, manche runter. Ein Transporter fährt gleich los zum gemeinsamen Training mit Lehnins Fußballverein. Einige junge Flüchtlinge stehen mit dem Handy in der Hand auf dem Flur und schauen neugierig, wer hereingekommen ist. Aus der Küche im zweiten Stock duftet es nach angedünsteten Zwiebeln und Zimt. Um die Herdplatten stehen weitere, etwa zehn Jugendliche. Sie kochen gemeinsam ihr Abendessen. Ganz normaler Wohnheimalltag, so scheint es – für die Jugendlichen ist es mehr.

„Hier finden sie zum ersten Mal Ruhe und reflektieren, was mit ihnen passiert ist“, sagt der Leiter der Einrichtung Mario Gose. Die Potsdamer Awo betreibt seit letztem Oktober das erste Heim dieser Art im Landkreis Potsdam-Mittelmark. 32 Jugendliche im Alter von 14 bis 17 Jahren können dort untergebracht werden. Jüngere Flüchtlinge, die alleine in Deutschland ankommen, würden in Pflegefamilien versorgt, erklärt Gose. Sie hätten noch ein stärkeres Schutzbedürfnis als die Jugendlichen in Lehnin.

Im Landkreis sind weitere 18 Jugendliche auf eigenen Wunsch mit ihren Verwandten in Flüchtlingswohnheimen untergebracht, heißt es aus dem Landratsamt. Der Kreis geht davon aus, dass die Zahl der jungen Flüchtlinge in den nächsten Monaten deutlich ansteigen wird. Dies gilt auch für das ganze Land (siehe Hintergrund).

Zum ersten Mal ein eigenes Zimmer

In dem ehemaligen Lehrlingswohnheim leben zurzeit 31 junge Männer. Eifrig schütteln sie Besuchern, die ihnen der Leiter Mario Gose vorstellt, die Hand. Lächeln und sagen schüchtern Hallo. Sie sind stolz auf ihr Haus, zeigen es gerne. An den Wänden hängen Weltkarten und immer wieder die gleichen Plakate mit zwei Motiven: der Heidelberger Brücke und einem blauen Heißluftballon. „Die hängen in jedem Zimmer“, sagt Gose. Ursprünglich wurden die Druckbögen gespendet, um daraus etwas zu basteln. Statt sie zu zerschneiden, wollten die Jugendlichen sie lieber aufhängen. „Es ist etwas, was ihnen gehört.“ Auch, dass sie ein eigenes Zimmer haben, ist für die meisten neu. In Zweibettzimmern mit integrierter Dusche und Bad leben sie auf zwei Stockwerken.

Wieso die Jugendlichen aus Syrien, Afghanistan, Pakistan oder Marokko ohne Eltern nach Deutschland kamen, sei von Fall zu Fall unterschiedlich, sagt der Leiter der Einrichtung. Die traurige Wahrheit sei, dass die meisten ihre Eltern verloren hätten – sie seien auf der Flucht oder schon im Heimatland gestorben. „Manche wurden aber auch von ihren Familien alleine losgeschickt, um einer Zwangsrekrutierung durch Terrormilizen zu entgehen“, erklärt Gose. Wieder andere wären auf der Flucht von ihren Familien getrennt worden, „da sitzen dann die Eltern zum Beispiel noch in der Türkei fest.“

Beschäftigung mit der Flucht dauert noch

Der Sozialpädagoge Gose und sein zwölfköpfiges Team überlässt es den Jugendlichen, zu entscheiden, ob sie über ihre Flucht sprechen wollen. Würden die Jungs auf die Mitarbeiter zugehen und über ihre Erfahrungen sprechen wollen, dann höre man zu, helfe, wo man könne. „Meist sind sie aber so hochmotivert, hier was zu erreichen, sei es Deutsch zu lernen, auf die Schule zu gehen oder eine Ausbildung zu machen, dass sie vorerst gar nicht zurückschauen wollen.“ Es wäre falsch, sie in ihrem Trauma zu halten, sagt Gose. Er vermutet, dass die Verarbeitung ihrer Flucht erst erfolge, „wenn sie richtig hier angekommen sind.“ Erst wenn sie ihre Ziele erreicht hätten, seien sie bereit, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen. Das könne unter Umständen bis zu fünf Jahre dauern.

Bis dahin beobachten die Erzieher, Sozialpädagogen und weiteren Mitarbeiter des Jugendwohnheims die Wandlung der Jugendlichen: „Gefühlt kommen hier junge Männer zu uns.“ Es seien größtenteils Jugendliche, die nichts anderes als Krieg kennen würden. Einigen von ihnen sieht man den Krieg an: Sie haben Schussverletzungen, haben Narben im Gesicht durch Granatensplitter. „Aufgrund ihrer Widerstandsfähigkeit und ihrer Fluchterfahrungen wirken sie auf den ersten Blick stark“, so Gose. Und sie wirken auch älter als sie wirklich sind. Wie prägend für sie die Flucht war, zeige auch das Verhalten, das einige in den ersten Tagen im Wohnheim zeigen würden: „Komplett angezogen lagen sie nachts in ihren Betten“, berichtet der Einrichtungsleiter. Immer bereit, sofort zu fliehen.

In Kloster Lehnin angekommen, würde es nur wenige Tagen dauern, bis sie wieder zu Kindern würden: „Dann fangen auch die Ältesten unter ihnen an zu malen, kleben sich bunte Sticker auf ihre Bilder, toben durch den Wald und bewerfen sich mit Laub.“ Das erinnert Gose vom Verhalten an achtjährige Kinder. „Erst dann merkt man eigentlich, auf welchem Entwicklungsstand sie sind.“

Ziel: Ein geschützter Raum

Mit der Abgeschiedenheit des Wohnheimes, das am Rande der Gemeinde direkt am Wald liegt, freunden sich die meisten Jugendlichen schnell an: Sie gehen eine Runde joggen um den nahen See oder machen Spaziergänge im Wald. An Weihnachten gab es auf dem Hof ein Lagerfeuer mit Stockbrotbacken.

Das Ziel von Gose und seinem Team: Den Jugendlichen einen geschützten Raum bieten, für sie da sein und ihnen zeigen, dass man ihnen auf ihrem weiteren Weg helfe. Das Wohnheim und die Betreuung seien derzeit in der Pilotphase, der Mietvertrag auf zehn Jahre angelegt. Wenn die Jugendlichen sich in Lehnin sicher und wohl fühlten, mache man sich Gedanken, wie es nun weitergehe: „Dann überlegen wir gemeinsam mit dem Jugendlichen, was kannst du, wo soll es hingehen?“

Da die Jugendlichen hauptsächlich Arabisch sprechen – ein paar englische Wörter haben viele von ihnen auf der Flucht erst gelernt –, das Pädagogen-Team Englisch und Deutsch, wird viel mit Händen und Füßen kommuniziert. Und Lächeln. Die Stimmung wirkt daher gelassen im Wohnheim. Ein Blick in die Küche im zweiten Stock, da wird der Duft aus den Töpfen immer intensiver. Nach fast zwei Stunden ist dann auch der Eintopf fertig, der täglich von den Jugendlichen alleine gekocht wird. Die Jungstruppe setzt sich an den Tisch, danach wird abgeräumt und abgewaschen. Später wird im Keller noch Billard oder Tischtennis gespielt, gegen zehn ist Nachtruhe – nach und nach erlischt das Licht in den Fenstern des Hauses am Rande von Lehnin. Und für die Jugendlichen geht ein Tag zu Ende, einer von vielen, der sie zurück in die Normalität führt.

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