• 15.02.2011

Thilo Sarrazin in London: Unfreie Rede

Mit knapper Not entging Autor Thilo Sarrazin in London einem Redeverbot. Antifaschisten hatten das Sprechverbot vor einer Debatte in der angesehenen „London School of Economics“ (LSE) gefordert. Eine ordentliche Durchführung der Veranstaltung, bei der die freie Rede für alle Beteiligten garantiert werde, könne nicht garantiert werden, entschied die Hochschulleitung. Die Debatte musste ins Hilton Waldorf Astoria verlegt werden. Noch bevor dort die Diskussion begann, fiel das Wort „Arschloch“. Der Journalist Henryk M. Broder hatte es eingesetzt, als einer der – vorwiegend deutschen – Demonstranten eine Erklärung vorlesen wollte.

Dem von deutschen Studenten der LSE seit Jahren organisierten „German Symposium“ bescheinigte der frühere Londoner Botschafter Wolfgang Ischinger einst eine „Schlüsselrolle im strategischen Dialog zwischen Deutschland und Großbritannien“. Aber diesmal waren die Deutschen unter sich. Neben Sarrazin saßen Broder, ein brummender Professor Hellmuth Karasek und als einsamer Muslim der Vorsitzende des deutschen Islamrats Ali Kizilkaya auf dem Podium.

Die Briten debattieren das Thema spätestens, seit sie bei Krawallen 2001 in ihrer angeblich blühenden multikulturellen Gesellschaft „Parallelwelten“ entdeckten. Mit dem Anschlag im Juli 2003 durch britische Muslime wurde die „Integrationsunwilligkeit“ der Muslime, wie Sarrazin sie definiert, zum Dauerthema. Vor zwei Wochen verkündete Premier David Cameron das Ende des Multikulturalismus und mehr Integrationszwang.

„Sie in England sind ja schon lange dabei, sich abzuschaffen. Ihr oberster Bischof hat sich ja schon für die Einführung des Scharia-Rechts ausgesprochen“, merkte Broder an. Er sprach von einer „verlogenen Debatte“. „Seien wir ehrlich, wir sprechen hier über den Islam und gar nicht über die Einwanderung“. Die meisten Briten würden zustimmen, dass sich die Probleme vorwiegend auf Muslime konzentrieren. Chinesen, Vietnamesen, Inder, Einwanderer aus der Karibik haben auch in Großbritannien sehr viel schneller Integrationsfortschritte gemacht. „Vielleicht sind Muslime anders, weil sie ihre Religion auch im Alltag praktizieren wollen“, sagte Kizilkaya. „Wer in einem anderen Land leben will, muss eben einen Teil seiner Identität hinter sich lassen“, entgegnete Broder. Er und Karasek betonten, dass Religion in Europa seit Voltaire Privatsache sei und am besten „hinter vorgezogenen Gardinen stattfindet wie Sex“.

„Diese ganze Debatte war doch nur eine integrationsfeindliche Polemik“, erregte sich der von Broder beschimpfte Jungakademiker zum Schluss. „Europa hat in letzter Zeit eine große Distanz zum Islam entwickelt“, bedauerte Ali Kizilkaya resigniert. Es war das Understatement des Abends. Matthias Thibaut

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