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  • 10.09.2014
  • von Jascha Nemtsov

Antisemitismus und Rassismus in Deutschland: Muslime sind nicht die neuen Juden

von Jascha Nemtsov

Koran-Verteilaktion am Potsdamer Platz vor zwei Jahren - initiiert von radikalen Salafisten.

Der begehrte Opferstatus führe zu weniger Verantwortung der Muslime und motiviere sie nicht zum Handeln, antwortet Professor Jascha Nemtsov auf Armin Langer, der erklärt hatte, dass Muslime die neuen Juden seien. Aber anders als im Judentum gebe es mit dem Islam gravierende Probleme. Ein Gastkommentar.

Armin Langer, Koordinator der Salaam-Schalom-Initiative in Neukölln und Rabbinerstudent in Berlin, hatte vor wenigen Tagen auf unserer Seite einen Gastkommentar veröffentlicht, in dem er beschrieben hat, dass nicht mehr Juden mit Benachteiligungen leben müssten, sondern Muslime. Jetzt antwortet Jascha Nemtsov.

Ein Passagier wird in der Straßenbahn ohne Fahrschein erwischt. Er erklärt dem Kontrolleur, dass er keine Dokumente bei sich hat, seine genauen Daten aber gern mitteilen könne: er heiße Itzchak Goldstein und wohne in der Karl-Marx-Straße 14. Das überzeugt den Kontrolleur, denn kein Mensch würde sich freiwillig einen jüdischen Namen zulegen. Der blinde Passagier, der natürlich gelogen hat, entgeht der Strafe durch den einfachen psychologischen Trick: Jude zu sein und somit einer verfolgten und diskriminierten Gemeinschaft anzugehören, wäre das letzte, was man als Nichtjude möchte.

Diese Geschichte erzählte man sich früher in Russland, als dort der Antisemitismus allgegenwärtig war. Inzwischen hat sich Einiges in der Welt verändert. „Jude“ zu sein – natürlich nur im übertragenen Sinne – und folglich aber einen ganz realen Opferstatus zu genießen, ist nicht selten eine heiß begehrte Auszeichnung.

Statt der Leistungsschwachen gibt es heute nur noch „sozial Benachteiligte“

Als die Juden vor 70 Jahren fast überall in Europa Freiwild waren, wollte man mit ihnen möglichst nichts gemein haben. Seitdem es die Wiedergutmachung gibt, möchten viele diesen „Bonus“ mit ihnen teilen. Je toleranter und wohlhabender unsere Gesellschaft wird, desto mehr Menschen fühlen sich „wie die Juden damals“ behandelt – und verlangen nach zusätzlicher Unterstützung.

Seit im Mittelpunkt der Diskussionen immer mehr die Gerechtigkeit steht, ist man solchen Ansprüchen gegenüber sensibel geworden. Statt der Leistungsschwachen gibt es heute nur noch „sozial Benachteiligte“. Jeglicher Versuch, an deren Eigenverantwortung zu appellieren, wird als „Rassismus“ zurückgewiesen. Vielmehr seien es allesamt „neue Juden“. Der Staat versucht unermüdlich, die gestörte Gerechtigkeit durch noch mehr Unterstützung von Benachteiligten wiederherzustellen.


KZ-Überlebende können nicht verglichen werden

Das typische Opfer von gestern war ein Jude, der das KZ überlebte. Oder einer, dem rechtzeitig die Flucht gelang, nachdem sein Besitz „arisiert“ worden war. Nach 1945 kam er nach Deutschland zurück und durfte seitdem bei Gedenkveranstaltungen in der ersten Reihe sitzen und in den Schulen über seine Erlebnisse berichten.

Heutzutage ist ein ganz anderer Opfer-Typus im Trend. Ein junger Mann zum Beispiel, der aus einer „bildungsfernen Schicht“ stammt, wenig Interesse für die Schule hatte und daher von den Lehrern nicht gemocht wurde. Zu Hause wurde er geschlagen, so beging er schon als Jugendlicher selbst mehrere Gewaltdelikte und landete im Knast. Seit er wieder draußen ist, wird der Arme mit allerlei Vorurteilen konfrontiert. Oder ein anderer, der in eine schlechte Gang geriet, sich dort dem radikalen Islam zuwandte und als Dschihadist in ferne Länder zog. Zurück in Deutschland wird er ebenfalls nicht mit offenen Armen empfangen, sondern bürokratischen Schikanen ausgesetzt.

Jetzt sind wir beim Thema Islam angekommen. Aufgrund der Tatsache, dass die islamischen Gotteskrieger in Syrien und im Irak die Andersgläubigen aller Art – die sie „Ungläubige“ nennen, weil es für sie nur einen Glauben gibt, – gegenwärtig systematisch massakrieren und dabei Brutalitäten begehen, die man sich noch kurz zuvor nicht vorstellen konnte, bildete sich bei manchen unaufgeklärten Zeitgenossen ein negatives Bild vom Islam.

Manche gehen noch weiter und erinnern sich an die Anschläge vom 11. September, an Bali, London und Madrid und an unzählige weitere Terrorakte der letzten Jahrzehnte, die von muslimischen Fanatikern begangen wurden. Die Scharia-Zonen in Großbritannien und die neugesichtete Scharia-Polizei in Wuppertal tragen nicht unbedingt zur Beruhigung bei.

Da erscheint plötzlich auch das Kopftuch nicht mehr als harmloses Kleidungsstück, sondern als Zeichen einer Bedrohung. Da möchte mancher nicht so gern vom Muezzinruf in der Nachbarschaft geweckt werden – es sei doch nicht auszuschließen, dass bald darauf humorlose bärtige Gestalten auftauchen, die ihn vor die Alternative stellten: Konversion zum Islam oder Vertreibung innerhalb von 24 Stunden. Das Wort „Islamophobie“ macht die Runde.


Es gibt keine Probleme mit dem Judentum, mit dem Islam schon

Es gibt zu viele verstörende Dinge im In- und Ausland, die man im Zusammenhang mit dem Islam wahrnimmt. Das Ergebnis war kürzlich in einer Umfrage zu lesen: 51% der Menschen in Deutschland haben eine negative Meinung über den Islam. Unter solchen Umständen ist die Parallele zum Antisemitismus schnell bei der Hand. Schreibt man den Juden nicht auch allerlei Sünden zu?

Jawohl, so war es und so ist es. Allerdings mit einem kleinen Unterschied: die Brunnenvergiftungen und Ritualmorde, die jahrhundertelang als Anlass für Judenpogrome, Verbrennungen und Vertreibungen dienten, waren allesamt erfunden; die Berichte vom Islamischen Staat und von „Ehrenmorden“ sind dagegen leider eine schreckliche Realität. Ob man diese Realität dem Wesen des Islams zurechnen darf oder nicht, ist umstritten. Ganz voneinander trennen kann man beides jedenfalls nicht.

Nun leben wir zum Glück in einem toleranten Land. Außer einigem Unbehagen und ein paar bösen Kommentaren im Internet halten sich die Reaktionen auf die aktuellen Ereignisse in Grenzen. Keine Demos mit Aufschriften „Kindermörder Islam“ und Sprechchören „Moslem, Moslem, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein.“ Keine Moscheen, die rund um die Uhr beschützt werden müssten. Keine Halal-Läden, die gestürmt und demoliert wurden. Nicht einmal wurden Muslime Opfer von Attentaten fanatisierter Anhänger der von ISIS, Al-Kaida, Boko Haram oder Al-Shabaab verfolgten Glaubensgemeinschaften.

Das heißt, dass sich in unserer Gesellschaft keine Menschen finden, die Angst vor einer gefährlichen religiösen Ideologie in Aggression gegen Unschuldige – unter uns lebende Muslime – umwandeln würden. Das ist immerhin erfreulich. Mühsam sammelt Armin Langer in seinem Kommentar Zeugnisse einer „Islamophobie“ – es kommt kaum etwas zusammen, was man darunter subsumieren könnte. Natürlich ist auch in Deutschland – genauso wie in jedem anderen Land – eine gewisse Fremdenfeindlichkeit vorhanden, sie betrifft aber bei weitem nicht nur Muslime. Als Beispiel von „Angriffen auf Muslime“ hält in Langers Artikel der norwegische Psychopath Breivik her, unter dessen Opfern bekanntlich keine Moslems waren.

Heißt es, dass es kein Problem mit dem Islam gibt? Ganz im Gegenteil: in Zeiten der zunehmenden Radikalisierung von jungen Muslimen ist es ganz besonders wichtig, einen liberalen, pluralistischen Islam zu unterstützen. Solchen Islam müssen die europäischen Muslime selbst entwickeln. Einen Islam, der mit der Moderne vereinbar wäre und der für die in Deutschland und Europa lebenden Muslime eine ernsthafte Alternative zum Dschihad bieten würde. Armin Langer beschreitet mit seinem Kommentar einen falschen Weg, wenn er die Muslime kurzerhand pauschal zu Opfern, zu den „neuen Juden“ erklärt. Als Opfer trägt man keine Verantwortung und hat keinen Handlungsbedarf. Die beste Solidarität mit den Muslimen in Deutschland wäre dagegen eine Ermutigung zur Handlung.

Jascha Nemtsov ist Pianist, Musikwissenschaftler und Professor für Geschichte der jüdischen Musik an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar.

Lesen Sie hier den Kommentar von Armin Langer in voller Länge.

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