19.11.2017, 7°C
  • 02.07.2010

POSITION: Atomwaffen ächten – Legenden in Frage stellen

Bei der Errichtung der Gedenkstätte geht es nicht um die Schuldfrage Von Nils Naber und Wolfgang Hadlich

In unserer gestrigen Ausgabe veröffentlichten wir den Standpunkt von Robert S. Mackay. Der Mitbegründer des Vereins „Transatlantic Friends of the Truman House“ hatte sich kritisch zur geplanten Einweihung des Hiroshima-Platzes geäußert und Potsdam vorgeworfen, damit Japan bei der Geschichtsklitterung zu helfen. Hier die Antwort aus Potsdam:

Eine weit verbreitete Legende der Geschichtsschreibung heißt, der amerikanische Präsident Harry S. Truman habe tausenden seiner Soldaten das Leben gerettet, indem er den Zweiten Weltkrieg mit dem Einsatz der Atombomben gegen die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945 beendete. Wo die Alternativlosigkeit des Atombombeneinsatzes in Frage gestellt wird, treten die Verteidiger der Legende auf, um „Geschichtsklitterung“ zu verhindern. Der ehemalige Vorsitzende der amerikanischen Handelskammer in Berlin Robert Mackay beispielsweise äußerte sich bereits zum Potsdamer Projekt, einen Gedenkort für die Opfer der Atombombenabwürfe vor der Truman-Villa in Potsdam zu errichten, in dem Artikel „Is Hiroshima memorial a fair legacy for Harry Truman?“ vom 7. Dezember 2009 in der amerikanischen Wissenschaftszeitung Christian Science Monitor.

Dort spricht Mackay von einer „Provokation und einer Verzerrung von Truman und der Geschichte der Entscheidung die Bombe zu werfen“. Indirekt wirft er den Initiatoren des Gedenkortes sogar Undankbarkeit vor, weil Truman sich gegen Pläne des amerikanischen Außenministeriums stellte, Deutschland in eine Agrargesellschaft zu verwandeln. Wie wir wissen, legte Truman stattdessen den Marshall-Plan auf, der der Bundesrepublik Deutschland zu einer raschen wirtschaftlichen Erholung verhalf.

Die Landeshauptstadt Potsdam, beklagt sich Mackay in der Wissenschaftszeitung weiter, erinnere nicht an die Millionen von Opfern der sowjetischen Gulags, obwohl auch Stalin in einer Potsdamer Villa residierte. Dabei vergisst er, dass es in Potsdam einen Ort wie das ehemalige KGB-Gefängnis in der Leistikow-Straße gibt, in dem unterstützt durch Engagement der Landeshauptstadt Potsdam an Verbrechen unter der Stalinherrschaft erinnert wird.

In Potsdam gibt es zahlreiche Mahnmale der wechselhaften Geschichte Deutschlands und Preußens. Der Anspruch ist für die Stadt, dass sie ihrer Verantwortung durch eine aktive Gedenkpolitik gerecht wird und auch Auseinandersetzungen über die zugrunde liegenden Themen aushält.

Bei der Errichtung eines Gedenkortes für die Opfer der Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki geht es nicht um die Schuldfrage. Hier will auch niemand den Japanern ihre Auseinandersetzung mit den Kriegsverbrechen ersparen. Die Landeshauptstadt Potsdam und der Verein Hiroshima Platz Potsdam e.V., der die Errichtung vorantreibt, setzen damit ein Zeichen für die Ächtung von Atomwaffen.

Und sie bleiben eben nicht an diesem Punkt stehen, wie es Robert Mackay behauptet. Potsdam und der Verein haben gemeinsam mit der Vereinigung „Mayors for peace – Bürgermeister für den Frieden“ und zahlreichen Bürgermeistern aus ganz Deutschland am 11. und 12. Juni dazu eine Konferenz in Potsdam veranstaltet. In der dort verabschiedeten Potsdamer Erklärung sprechen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer unter anderem für den Abzug der letzten US-Atomwaffen aus Deutschland und für einen Stopp aller Modernisierungspläne für Atomwaffen und ihrer Trägermittel aus.

Der Gedenkort für die Opfer der Atombombenabwürfe wird am 25. Juli eingeweiht. Als Ort der Entscheidung über die Abwürfe soll er einen Stellenwert im Gedenken erhalten – insbesondere um der Opfer zu Gedenken und die atomare Technologie zu ächten. Wer könnte besser Zeuge von deren Unsinnigkeit sein, als deren Opfer?

Nils Naber (Bündnis 90/Grüne) ist Vorstandsmitglied des Hiroshima Platz Potsdam e.V.; Wolfgang Hadlich ist der Büroleiter des Potsdamer Oberbürgermeisters Jann Jakobs (SPD)

Social Media

Umfrage

Soll die Biosphäre abgerissen werden, wie es die Grünen-Fraktion im Stadtparlament nun fordert? Stimmen Sie ab!