• 25.03.2010

BGH zur Ölpreisbindung: Überlebt Was habe ich damit zu tun?

Der Autor, geboren 1925,

Hartmut von Hentig, Lebensgefährte des früheren Leiters der Odenwaldschule, Gerold Becker, wehrt sich gegen „arglistige Verdächtigung“

Wann immer ein hohes Gericht Verbrauchern recht gibt in einem Streit gegen Strom- oder Gaslieferanten, jubelt die Öffentlichkeit über die Niederlage der Konzerne und träumt von sinkenden Preisen. Im aktuellen Fall untersagte das Gericht eine Gaspreiserhöhung, weil die von den Lieferanten allein mit dem höheren Ölpreis begründet worden war. Die Folgen des Urteils sind überschaubar: Es sinken weder die Preise, noch verschwindet die Ölpreisbindung. Aber eine alte Debatte bekommt frischen Schwung. Denn die Argumente gegen die Ölpreisbindung werden stärker. Die Kopplung des Gas- an den Ölpreis hat historische Gründe. In den 60er Jahren ging es darum, verlässliche Investitionsbedingungen zu schaffen für den Aufbau einer Gasinfrastruktur, also vor allem Pipelines und Leitungen zum Endverbraucher. Diese Verlässlichkeit entstand durch die Verknüpfung mit dem Ölpreis. Inzwischen heizt allein in Deutschland fast jeder zweite Haushalt mit Gas. Prognosen zufolge werden die weltweiten Gasreserven mindestens 20 Jahre länger reichen als die Ölvorkommen. Öl wird also tendenziell immer teurer – und würde wider die Marktmechanismen den Gaspreis mit nach oben ziehen. Die Alternative ist schlicht eine Preisbildung über Angebot und Nachfrage. alf

Nur selten haben die deutschen Zeitungen so lange, so ausführlich und so einmütig über einen Skandal berichtet wie über den sexuellen Missbrauch erst an katholischen Internaten und dann auch an der Odenwaldschule. Die „Spiegel“/ F.-J.-Strauß-Affäre teilte immerhin die Meinungen.

Was habe ich damit zu tun? Im Februar dieses Jahres haben drei Missbrauchsopfer in einem Brief an Vorstand und Schule behauptet, ich sei als „langjähriger Lebensgefährte“ und durch meine „häufigen Besuche an der OSO“ (Odenwaldschule) mit den Umgangsformen in der Internatsfamilie des am häufigsten genannten Beschuldigten Gerold Becker „vertraut“ gewesen und hätte dessen „berufliche Rehabilitation“ seit den ersten Anschuldigungen 1998 „sichtbar unterstützt“, indem ich ihn in einer Publikation als einen meiner „Berater“ bezeichne. Von einem weiteren ehemaligen Schüler findet sich in einem Protokoll die Angabe, ich sei oft im Herderhaus (in dem Beckers Familie wohnte) zu Besuch gewesen und hätte auch dort übernachtet. „Er geht auch davon aus, dass er (Hentig) in der Dusche war und dass er vollkommen Bescheid wusste, was in der Familie Becker vor sich ging.“

Einem unausgesetzten Ansturm der Medien auf meine Wohnung – sie liegt unter der von Gerold Becker – habe ich mich, weil nicht von den gegen ihn erhobenen Beschuldigungen betroffen, durch Entstöpseln des Telefons und Nichtöffnen der Wohnung zu entziehen versucht. Am vierten Tag habe ich dann einem mir empfohlenen Redaktionsmitglied der „Süddeutschen Zeitung“ (SZ) ein Gespräch in meiner Wohnung gewährt, weil meine Abschottung als Teil der „Mauer des Schweigens“ und des „aktiven Täterschutzes“ ausgelegt wurde.

In diesem Gespräch habe ich verneint, etwas von den Becker gemachten Vorwürfen gewusst zu haben. Die mir bei den etwa zwölf Besuchen im Laufe der Jahre 1968 bis zu Beckers Abschied von der OSO 1985 erkennbaren „Umgangsformen“ habe ich samt den jeweiligen Situationen geschildert; meine nach Bekanntwerden der Vorwürfe an Becker gerichteten Fragen ergaben Aussagen, die mich vielleicht hätten beunruhigen können (Wecken der Schüler durch eine freundliche Berührung), aber nicht an meiner Überzeugung zweifeln ließen, dass Becker nichts (also auch solche Gesten nicht) gegen den Willen eines Schülers ausgeübt habe. Die Zahl und Ausdehnung meiner Besuche sind nachweisbar. Im Gästezimmer des Herderhauses habe ich nur übernachtet, wenn das „offizielle“ Gästezimmer der Schule im Merten-Haus (wo ich schon wegen eines eigenen Bades lieber wohnte) besetzt war. Ein- oder zweimal bin ich auch in einem leer stehenden Schülerzimmer im zweiten Stock des Herderhauses untergebracht worden. Mit anderen Worten: Ich konnte nicht, wie gemutmaßt, einen anderen als den öffentlichen Umgang Beckers mit den Schülern beobachten.

Mein „SZ“-Gesprächspartner war durch diese Mitteilungen nicht auf seine Kosten gekommen und machte daraus: „Hentig ist blind vor Liebe und Loyalität“ und: „Hentig leugnet, verdrängt, bagatellisiert“. Die gesamte Presse – sie hatte ja keinen anderen Zugang zu mir und meiner Darstellung – wiederholt dies seither und übernimmt die von der „SZ“ erzeugte Vorstellung: Ich hätte die Becker vorgeworfenen Übergriffe geleugnet. Nein, ich habe das mir zur Last gelegte Mitwissen geleugnet. Ich könne nichts leugnen, was ich nicht auch bestätigen könne, habe ich dem „Spiegel“ in einem Interview daraufhin geschrieben und meine Erlebnisse „Becker mit Kindern“ erneut geschildert. Trotzdem fragt der „Spiegel“: „Warum tun sich Zeugen generell so schwer mit der Aufklärung?“ Und nennt ausdrücklich den Hentig als einen von diesen.

Bitte: Wie soll ich da was „aufklären“? Aufgrund von Aussagen, die im Gegensatz zu meinen Wahrnehmungen stehen, die ganz offensichtlich Mutmaßungen oder Verallgemeinerungen, ja „Hochrechnungen“ sind – und zum Teil ganz plump falsch wie im oben zitierten „Protokoll“? (Hentig sei „ein Bildungsforscher gewesen, der die Sache untersuchte, und Becker gab als Pastor seinen Segen dazu“.)

Also noch einmal die Frage: Was habe ich damit zu tun? „Sie sind Beckers Lebensgefährte“, heißt es. Dies Argument nimmt mich in Sippenhaft für einen Freund, Nachbarn und, weil schwerstkrank, auch Anbefohlenen. Für mein Leugnen des Mitwissens nehme ich entschieden die Unschuldsvermutung in Anspruch. Verdrängen kann ich ebenfalls nur, was ich einmal gewusst habe. Den Vorwurf der Bagatellisierung muss man beweisen. Mit welchem Wort oder Satz hätte ich das getan? Da ist man dann mit dem Konstrukt zur Hand, das alle Zeitungen gern zitieren, die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) in der Form: „Der Doyen der deutschen Reformpädagogik, Hartmut von Hentig, hatte den Spieß gleich ganz umgedreht und behauptet, falls es überhaupt zu Vorfällen gekommen sei, dann, weil der Lehrer von Schülern verführt worden wäre.“ Aber auch so wird eine Bagatellisierung daraus. Ich meine: In keinem Fall sollte es zu sexuellen Handlungen zwischen Erziehern und Zöglingen kommen. Passiert es, fragt sich der Freund verzweifelt, wie es dazu hat kommen können – und denkt sich etwas aus. Das tut er auch zu der Frage, warum die Beschuldigungen erst so viele Jahre später ausgesprochen worden sind. Außer den Opfern weiß das keiner; man ist also auf – möglichst professionelle – Mutmaßungen angewiesen. Ich bin nur ein Laie in dieser Freud’schen Gegend. Wenn im 19. Jahrhundert Frauen Krämpfe, Lähmungen, Bewusstseinsstörungen zum großen Meister in Wien trugen, suchte dieser die Ursache unter anderem mit Vorliebe und gutem Grund in unaufgehellten sexuellen Erlebnissen und Wünschen. Daran habe ich mich und den „SZ“-Geprächspartner erinnert – und werde deshalb der „Verhöhnung“ der Opfer geziehen. Nein, ich nehme diese ernst, habe aber weder die Möglichkeit, ihnen mit irgendeinem Wort zu helfen, noch kann und muss ich jedes von den Zeitungen über ihre Äußerungen kolportierte Wort glauben.

Ein letztes Mal: Was habe ich mit dem zu tun, was als der Odenwaldschulskandal dem Canisius-, Ettal-, Domspatzen- et-cetera-Skandal den Rang abzulaufen beginnt?

Da sei die sogenannte Reformpädagogik mit ihrer nicht immer erfreulichen Genealogie. Ich habe mich nie auf sie berufen, schon weil ich zu wenig von ihr gelesen habe. Meine Schulreform bestand in dem Versuch, die reine Unterrichtsanstalt pädagogisch zu machen. Jede Schule erzieht. Wenn sie sich dies aber nicht bewusst vorgenommen hat, wird sie die Kinder zu kleinen Lernbeamten „erziehen“. Wenn es um Erziehung zu einem vernünftigen und gedeihlichen Leben geht, muss sie ein Lebensraum sein. Abstrakt kann man das nicht lernen. Das Leben in unserer Kultur verlangt, dass wir verantwortungsbewusste Bürger sind. Zu solchen werden wir nicht von Natur, nicht durch Belehrung, nicht in der Familie. Darum sollte der Lebensraum Schule die Erfahrung mit der Gesellschaft enthalten – einer Gesellschaft im Kleinen. Ihr habe ich den Namen „Polis“ gegeben. Sie sollte eine politisch denkende und handelnde Lebensgemeinschaft sein und für die Schüler so überschaubar wie die Polis Athen für ihre Bürger (was unsere Republiken für uns nicht sind). Sie ist als Großraum gebaut: Alle sehen immer alles. Ein modernes Internat, in dem man tatsächlich lebt, kann darum die Schule des J. J. Rousseau sein, der wusste, dass die Umstände die wirksamsten Erzieher sind.

Entgegen ihrem Ursprung ist diese Schul-Polis nicht einfach – um notwendiger gemeinsamer Lernziele und um der Verwaltbarkeit des Lernens und Lehrens willen – ein „Kollektiv“, sondern eine Ansammlung von so unterschiedlichen Menschen, wie Gott sie gemacht hat. Darum die Hinwendung zum Einzelnen. Die Erzieher und Lehrer sollten sich nicht als Fachinformanten, Coaches, Staatsdiener, sondern als Helfer, Freunde, Vorbilder der Schüler verstehen, die ihre Sache mit Leidenschaft treiben. Platons Sokrates nennt diese Leidenschaft für die Weckung des Guten und das Streben nach Wahrheit „Eros“. In der griechischen Mythologie repräsentiert er das „Verlangen“ wie Ares den Streit, Zeus die legitime Macht, Apoll die Sinnhaftigkeit der Verhältnisse, Athene die Klugheit der Menschen, Hermes den Zufall.

Was hat diese Pädagogik mit den Verfehlungen in Ober-Hambach oder Wiesbaden oder sonst wo zu tun? Ein Autor der „FAZ“ antwortet, die Wahl des Wortes „Polis“ sei für diese Pädagogik nicht ohne Symptomwert: Die historische Polis sei „dampfend von Opferblut, auf Sklavenhaltung gegründet, päderastisch“ gewesen. Erfahrung statt Belehrung, das ergebe dann das Vokabular dieser Reformpädagogen: „der ganze Mensch, das ganze Kind“, „Leben und Individualität“, „Gemeinschaft und Liebe“ – ein „Amalgam aus Idealismus, Lebensreform und Sentimentalität“, etwas, das die „Prediger“, die aus Schule mehr machen wollen als Schule, veranlasst, sie „ganzheitlich einzurichten“. Dass die Übersetzung von „ganzheitlich auch totalitär“ lauten könne, werde dabei nicht mitgehört, heißt es in dem Artikel. Und was den „pädagogischen Eros“ betrifft, da liefere ja die Geschichte des Stefan-George-Kreises gleich das geeignete „Handbuch der Erziehung“. – Mit Verlaub, das ist feuilletonistischer Unfug.

Ich glaube zwar nicht, dass die Vorgänge an der OSO den verschiedenen Formen der „Reformpädagogik“ den Garaus machen werden. Aber die aufgeblähte pornografische Berichterstattung, die Schwammigkeit der Anschuldigungen („mindestens 8 Lehrer, mindestens 33 oder 100 oder 1000 Fälle“ – ohne Angabe, wem tatsächlich welche Art von Tat zugerechnet werden kann) und die arglistige anhaltende Verdächtigung meiner Person und meines Werkes beschädigen den deutschen Journalismus. Ich habe früh für eine gerichtliche Aufklärung der Fälle plädiert. Auch eine Untersuchungskommission, wie sie unter Antje Vollmer zur Aufklärung der Vergehen an Heimkindern in der NS- und Nachkriegszeit eingerichtet worden ist, käme infrage: damit es nicht so hysterisch zugehe wie vor dem Tribunal der Medien. Es lassen sich auch gerichtliche Untersuchungen über verleumderische Berichterstattung herbeiführen.

Ein Letztes: Mein Freund bleibt mein Freund.

Dieser Text von Hartmut von Hentig ist ein Auszug aus dem Dossier der aktuellen Ausgabe der „Zeit“, die an diesem Donnerstag erscheint. Weitere Themen des Dossiers: Jana Simon und Stefan Willeke über „Das Schweigen der Männer“, Alexander Cammann über „Protestantische Mafia“. Weiteres zum Thema unter www.zeit.de.

  • Erschienen am 25.03.2010 auf Seite 08

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