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  • 23.12.2009
  • von Von Jemima Gnacke

Von Jemima Gnacke: Synchron goes Internet

von Von Jemima Gnacke

Alles im Angebot. Eine erfolgreiche Synchronagentur muss gut sortiert sein. Screenshot: Tsp

Immer mehr Agenturen und Sprecher vermarkten sich per Online-Plattform

Die deutsche Schauspielerin und Synchronsprecherin Heike Schroetter liest ihren Text ins Mikrofon, Bild und Ton sind perfekt im Einklang. Sie sprach und spricht für Stars wie Sharon Stone, Kim Cattrall oder Kirsty Alley. Bei „Pretty Woman“ war sie die vorlaute Prostituierte neben Julia Roberts. Das alles klingt glamourös, aber die Synchronbranche ist gnadenlos. Wer unpässlich ist, wird umbesetzt. Wer zu alt wird, dem droht das Abstellgleis, weil Alter zu hören ist. „Um wirklich Erfolg zu haben, müssen die technischen Finessen sitzen, um locker mit der Stimme umgehen zu können“, sagt Schroetter. Der Sprecher muss sehr diszipliniert sein.

Heike Schroetter ist bei der Berliner Agentur „Stimmgerecht“ unter Vertrag, die von der Synchronaufnahmeleiterin Birgit Hartig vor zehn Jahren gegründet wurde. Nicht jeder Schauspieler eignet sich automatisch für Synchron. „Vor der Kamera zählen Dialog und Gestik. Bei der Vertonung sitzt man allein im Dunkeln und muss Monologe emotional vortragen“, sagt Hartig. Was real mit 20 Sprechern begann, ist heute ohne Internet nicht denkbar. Dabei, sagt Hartig, war die Netzpräsenz ein „absoluter Versuchsballon“. Inzwischen vertritt Birgit Hartig 2000 bis 2500 Sprecher, von jungen Talenten bis zu den alten Hasen. Am gefragtesten sind derzeit die Muttersprachler für Englisch, Russisch, Spanisch oder Chinesisch. Sie werden bevorzugt für Industriefilme großer Konzerne gebucht, die oft in mehreren Sprachen vertont werden. Kurz dahinter rangieren die Werbe- oder Hörbuchsprecher.

Abgesehen von der nachkommenden Konkurrenz sieht Birgit Hartig wenige Nachteile am Synchrongeschäft im Netz. „Die Sprecher verfügen über ungeheure Präsentationsmöglichkeiten, wir haben weniger Verwaltungsaufwand als früher.“ Sobald ein Profil erstellt ist, können Stimmproben und Imagefilme hochgeladen werden. Die Möglichkeiten zur eigenen Darstellung sind vielfältig. Alles automatisiert, sogar Dialekt und Stimmlage. Das reichhaltige Angebot kann die Kunden allerdings überfordern, dann greift die Agentur ein und stellt Onlinecastings zusammen, die sich nach den Anforderungskriterien richten. Wird ein Sprecher vermittelt, gehen zehn bis 20 Prozent der Auftragssumme an die Agentur.

Das Netz hat das Geschäft mit der Stimme beschleunigt und vereinfacht. Daher besitzen fast alle Agenturen hochmoderne Tonstudios und viele bessergestellte Sprecher ein eigenes Heimstudio. Für ein paar Tausend Euro kann ein guter PC, ein teures Mikro und die notwendige Software angeschafft werden. Im besten Fall sogar eine schalldichte Sprecherkabine.

Ingrid Metz-Neun, die bekannteste Synchronschauspielerin Deutschlands, arbeitet heute ohne Agentur. 1966, nach Abschluss ihrer Schauspielausbildung, bekam sie ihr erstes Engagement für eine Lumina-Kinowerbung. Später gründete sie ein Synchronstudio, ein Hörbuchlabel sowie eine Synchronschule. „Meinen Erfolg messe ich daran, dass ich mein Wissen weitergeben kann.“ Seit 40 Jahren in der Branche ist sie in ebenso vielen Städten die Stimme in Bussen und Bahnen, liest online für „Die Zeit“ und gilt als akustischer Wiedererkennungswert von Ferrero-, Jakobs-Kaffee- oder Campari-Werbespots.Über den neuen Markt ist sie geteilter Meinung. „Internet ist für mich ein Reizwort, doch solange man im Berufsleben aktiv ist, darf man sich vor keiner Neuerung verschließen.“

In den vergangenen zwei bis drei Jahren sind nach Schätzungen der Vereinigung Deutscher Sprecher (VDS) 30 neue Agenturen dazugekommen. Online können Preise schnell verglichen und das preisgünstigste Angebot ausgesucht werden. Über diesen Zustand klagt vor allem Rainer Maria Ehrhardt, Vorstand des VDS: „Unter unbekannten Neulingen entsteht so ein erbitterter Preiskampf.“ Die VDS setzt sich für die Rechte der Sprecher ein. „Stimmgerecht“ vertritt vor allem berühmte und professionelle Synchronschauspieler wie Dietmar Wunder (Daniel Craig) oder Nadja Reichardt (Jennifer Aniston). „Insbesondere für die Werbung vermarkten sich die großen Stimmen besser“, sagt Birgit Hartig. Wenn das Geld der Kunden reicht, zählen nur die Namen. „Ein Sprecher, der exklusiv für die Spots einer Automarke gebucht wird, kann bis zu 20 000 Euro verdienen. Solche Aufträge helfen uns sehr.“

Auf dem Portal „Bodalgo“ mit 1600 Sprechern finden auch Unerfahrene ein Forum. Der Münchner Armin Hierstätter betreibt das Portal seit gut einem Jahr und hat sich damit beim VDS wenig Freunde gemacht. Sein Konzept: Nicht er verwaltet die Castings, sondern der Kunde selbst stellt sich seine Anforderungen zusammen. Wenn diese erfüllt sind, erhält der Sprecher eine Einladung. Oft bekommt der den Zuschlag, der seine Leistungen für wenig Geld anbietet. Laut VDS liegt eine angemessene Gage für einen Fernsehspot bei 500 Euro, für Radiospots bei zirka 350 Euro und die beliebten Industriefilme werden mit durchschnittlich 250 Euro vergütet. Viele lassen sich schon für wesentlich weniger engagieren.

„Die Qualität leidet am meisten unter dem Konkurrenzkampf im Internet“, behauptet der VDS. Wer bei der Aufnahme in eine professionelle Kartei scheitert, wittert seine Chancen im Onlineprofil. Das Internet und seine Agenturen werden zur Plattform für den Einstieg. Sehr viel seltener zum ruhmreichen Podium für Hollywoodstimmen.

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