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  • 08.07.2018
  • von Markus Ehrenberg

Neuer „Tatort“: 130 Minuten Muckis und Ballerei – lassen wir Til Schweiger den Spaß

von Markus Ehrenberg

LKA-Mann Nick Tschiller (Til Schweiger) im Kampf gegen den Astan-Clan. Foto: NDR/Warner Bros./Nik Konietzy

Stirb langsam 6: Der neue „Tatort“ mit Til Schweiger gibt sich als gepflegter Actionkracher. Und die Fortsetzung vom NDR ist schon in Auftrag.

Es gibt eine Szene in diesem „Tatort“, die entschädigt für fast alles, was man in den 130 (!) Minuten drum herum an Ballereien, Muskelspielen, Machosprüchen, unsinnigen Stunts über sich hat ergehen lassen. LKA-Ermittler Nick Tschiller kommt in ein Zimmer, mittendrin sein Kollege Yalcin Gümer, nackt an eine Kette gefesselt, offenbar von Schurken dort stehen gelassen. „Mach mich ab!“, ruft Gümer. „Nein, ich muss erst mal den Tatort dokumentieren“, sagt Tschiller, zückt mit breitem Grinsen seine Smartphonekamera und hält drauf. Willkommen in der Welt von Til Schweiger, willkommen im Event-Krimi, willkommen in „Tatort: Tschiller – Off Duty“.

Genau, richtig gehört: ein neuer „Tatort“, mitten in der „Tatort“-Pause. Die ARD hat die Kinofortsetzung des ewigen Kampfes Tschiller gegen den Astan-Clan in den Juli verlegt, gleich nach den ersten Ferienstarts. Dabei war dieser Film auf der Leinwand 2016 mit 280 000 Besuchern zahlenmäßig eine Enttäuschung. Das könnte sich nun im Fernsehen wiederholen. „Bitter“ nannte Schweiger die Entscheidung des NDR für den Sendeplatz. Anerkennung ginge anders.

„Ich weiß, wie das ausgeht: Der Film wird vielleicht drei oder vier Millionen Zuschauer machen, dann schreiben alle: Der ,Tatort‘ ist im Kino gefloppt, jetzt floppt er auch im Fernsehen.“ ARD-Unterhaltungskoordinator Thomas Schreiber erklärt, dass dieser überlange „Tatort“ nur an einem Sonntagabend ohne „Anne Will“ gezeigt werden könne.

Man kann es ja auch so sehen: inmitten der Sommerloch-TV-Ödnis (außer Fußball-WM fast nur Wiederholungen) ein Premieren-Highlight. Keine der Parteien hat Grund, lange mürrisch zu sein. Es ist ein Win-win-Spiel, für den NDR und für Schweiger. Deutschlands vielleicht immer noch verkanntestem Großdarsteller muss es eine Freude sein, sich dermaßen in Deutschlands TV-Krimi Nummer eins breitmachen zu können. Seit 2013 gehört Schweiger für den NDR zur „Tatort“-Riege. Mit rund 12,7 Millionen Zuschauern war der Neue dort gestartet.

Das hatte zuletzt nur der Dortmunder „Tatort“ probiert

Den vierten Film schalteten im Januar 2016 zwar dann nur rund 7,7 Millionen ein, kurz vor dem „Tatort“-Kinostart des Wahl-Hamburgers. Gesprochen und geschrieben wird aber dauernd: über Til Schweiger, den Event-„Tatort“ und den NDR, der sich beim Lieblingskrimi der Deutschen an die horizontale Erzählweise heranwagt. Das hatte zuletzt nur der Dortmunder „Tatort“ probiert.

Worum es bei „Off Duty“ genau geht? Wer Til-Schweiger-Filme kennt, weiß, dass er es hier nicht mit dem kleinen Fernsehspiel oder Neuem Deutschen Film zu tun hat. Das ist reines Mainstream-Actionkino. Fortlaufend erzählen die Schweiger-„Tatorte“ vom Kampf des einsamen LKA-Ermittlers gegen den kurdischen Astan-Clan, vor allem gegen Firat Astan (Erdal Yildiz). Tschiller, in „Off Duty“ außer Dienst, reist in die Türkei, seine Tochter Lenny (gespielt von Schweiger-Tochter Luna) wurde dort entführt. Sie hatte sich allein auf den Weg nach Istanbul gemacht, um den Tod ihrer Mutter zu rächen. Vater/Cop Nick jagt von dort weiter nach Moskau, um seine Tochter zu retten.

In Sachen Action wollte Regisseur Christian Alvart fürs Kino „noch zwei, drei Schippen“ drauflegen. Tschiller hechtet in dem neun Millionen Euro teuren Spektakel (ein „normaler“ „Tatort“ kostet 1,5 Millionen Euro) über Dächer und gefühlte zehn Meter weite Häuserschluchten, übersteht Autocrashs und landet mit einem Mähdrescher mitten auf dem Roten Platz. Bis zum Showdown wird geprügelt, geschossen und getötet. Tschillers Kollege und Kumpel Yalcin Gümer (Fahri Yardim) ist für den Humor zuständig. Frauen spielen – James Bond kann und will Til Schweiger auch – bis auf eine Nacht mit Berrak Tüzünataç am Bosporus und eine russische Prostituierte kaum eine Rolle.

Mit diesem Konzept – Ballerei, Ironie, Rasanz, Dramatik – hat es Bruce Willis in Hollywood auf fünf „Stirb langsam“-Filme gebracht. Lassen wir Til Schweiger den Spaß. Ein solider Actionkracher im TV-Sommerloch, immerhin. Die nächsten drei „Tatort“-Ausgaben mit Nick Tschiller sind schon in Auftrag.

„Tatort: Tschiller – Off Duty“, Sonntag, ARD, 20 Uhr 15

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